Alice Munro: Die Welt von Wingham

Der kanadischen Erzählerin Alice Munro wird der diesjährige Literaturnobelpreis verliehen. Wolfgang Paterno über eine Auszeichnung in buchstäblich letzter Sekunde.

Es gibt eine Geschichte von Alice Munro, die viel über das schwierige Dasein einer Autorin Ende der 1960er-Jahre erzählt; enthalten ist der stark autobiografische Text „Büro“ im Band „Tanz der seligen Geister“, Munros Debüt von 1968. Und so beginnt die Erzählung: „Die Lösung für mein Leben fiel mir eines Abends ein, als ich ein Hemd bügelte. Sie war einfach, aber dreist. Ich ging ins Wohnzimmer, wo mein Mann vor dem Fernseher saß, und sagte: ,Ich finde, ich brauche ein Büro.‘“ Das Zimmer für sich allein avanciert für die Protagonistin zum Mittel beruflicher Selbst(er)findung: „Aber jetzt kommt das Eingeständnis, das mir nicht leicht fällt: Ich bin Schriftstellerin. Das klingt nicht richtig. Zu anmaßend; unecht oder zumindest wenig überzeugend. Nächster Versuch. Ich schreibe. Ist das besser? Ich versuche zu schreiben. Das macht es nur schlimmer. Geheuchelte Bescheidenheit. Also wie nun?“

Noch im Juni 2013 tat Munro, kurz nachdem sie ihre jüngste Prosasammlung „Dear Life“ veröffentlicht hatte, öffentlich kund, mit dem Schreiben aufzuhören. In ihrem Alter, so die damals 81-Jährige, wolle sie die einsame Existenz einer Schriftstellerin am Schreibtisch nicht mehr führen; man könne, witzelte sie, durchaus davon sprechen, dass sie, wenn auch am verkehrten Ende des Lebens, gesellig werde. Die Entscheidung, Alice Munro den Literaturnobelpreis 2013 als Autorin – und nicht als Ruheständlerin – zuzusprechen, erfolgte förmlich zum letztmöglichen Zeitpunkt.

Späte Nobilitierung einer Prosaform
Besondere Mühe, ihren Schiedsspruch zu argumentieren, haben sich die Schwedischen Preisrichter indes nicht gemacht. Munro sei eine „Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“, begründete Jury-Sprecher Peter Englund die Wahl. Munro gilt seit Jahrzehnten als Könnerin der Kurzform, beglaubigt durch Kollegenlob von Margaret Atwood, Richard Ford, John Updike und Jonathan Franzen. Ihr Werk wurde in die Nähe Tschechows gerückt (was sie stets zurückwies), und ein aufgekratzter Kritiker notierte, Gott habe die Welt allein geschaffen, damit Munro darin schreiben könne. „Sie kann mehr auf 30 Seiten sagen als andere Autoren auf 300“, so die Nobel-Jury weiter. Man verkennt die Ironie des literarischen Maskenspielers Jorge Luis Borges, der einst feststellte, dass es reiner Unsinn sei, einen Gedanken auf 500 Seiten auszuwalzen, dessen mündliche Darlegung weniger als fünf Minuten in Anspruch nähme.

Und dennoch haben die Juroren mit der Verleihung des weltweit wichtigsten Literaturpreises an die bereits vielfach ausgezeichnete Kanadierin eine kluge Wahl getroffen – und das in mehrfacher Hinsicht. Munro ist in der mehr als 100-jährigen Historie der Auszeichnung erst die 13. Frau, die diesen Preis erhält. Die Entscheidung für die Autorin bedeutet auch die späte Nobilitierung einer Prosaform, die Munro geradezu personifiziert: Bereits in den 1950er-Jahren konnte die damalige Studentin eine ihrer short stories an einen Radiosender verkaufen. Dem Genre blieb sie über 40 Jahre lang treu – als Einzelkämpferin in einem von Männern dominierten Literatursegment, das traditionell mit den Namen von Donald
Barthelme und Raymond Carver verbunden ist, wobei besonders Letzterer während der Carver-Renaissance der vergangenen Jahre zum saufenden und kettenrauchenden Genie der kleinen Form, der um jedes Wort rang und mit seinen Lektoren legendäre Kämpfe ausfocht, hochstilisiert wurde. Munros Arbeitsweise, das stundenlange Brüten über dem Blatt Papier, wirkt im Vergleich dazu wie das Aussitzen eines biederen
Bürojobs. Nach eigenen Angaben schreibt Munro im Zeitlupentempo an ihren Texten, von denen die meisten die 35-Seiten-Marke nicht überschreiten; ihr einziger Roman „Kleine Aussichten“ (1971; dt. 1983) gleicht ebenfalls einem Zyklus ineinander gehakter Erzählungen.

Kompromisslos und konsequent
Mit diesem Preis wird nicht zuletzt eine Schriftstellerin geehrt, die ihr schmales Werk stets kompromisslos und konsequent fortgeschrieben hat, fern den Verlockungen des Medienzeitalters: Munro gilt als extrem interviewscheu, TV-Auftritte sind ihr ein Gräuel, auf den wenigen Fotos, die im Umlauf sind, ist sie als jovial lächelnde Dame zu sehen. Seit Jahrzehnten führt sie ein zurückgezogenes Leben auf einer Farm im kanadischen Bundesstaat Ontario, unweit ihres Geburtsorts Wingham, dem sie in insgesamt 14 Kurzgeschichtenbänden ein literarisches Denkmal setzte.

Viele Schriften Alice Munros beginnen mit einfachen Sätzen, im feinen Ton des Understatements. „Zwei Köpfe im Profil sind einander zugewandt.“ („Bald“) – „13. März 1927. Jetzt, wo wir eigentlich den Frühling zu Gesicht bekommen müssten, kriegen wir den Winter.“ („Kräfte) – „Dies war ein Stadtviertel, in dem immer noch viele alte Leute lebten, obwohl etliche in Hochhäuser jenseits des Parks gezogen waren.“ (Auf dem Wasser gehen“) Die Virtuosität ihres häufig handlungsarmen, fast überraschungslosen Erzählens zeigt sich dann im Fortlauf des Geschehens – im Verknüpfen der Handlungsfäden, im Verweben der Zuspitzungen, in den Zeitsprüngen und Ellipsen ihres kunstlos-kunstvollen Schreibens. Es sind Geschichten, die im Gewöhnlichen beginnen – und sich am Ende kaum je in die narrative Geschlossenheit flüchten, sich ins Beunruhigende weiten. Nicht selten spielt das Wetter in diesen Erzählungen eine entscheidende Rolle, als gigantische Bühne für die großen Dramen in den kleinen Leben, auf der die Spannungen zwischen Ehepaaren, zwischen Töchtern und Müttern ausgetragen werden.

„Leben“ ist ohnehin ein Wort, das in so gut wie in jeder Erzählung Munros und in nahezu jeder Kritik ihrer Bücher auftaucht. In Munro-Werken, lobten Rezensenten, finde sich „nichts Geringeres als das Leben in seiner gesamten Pracht und Niedertracht“, ihre Erzählungen glichen „Bernsteinen, in die das Leben eingeschlossen“ sei. Im Gegenteil. Munros Erzählungen, in denen es so gut wie immer um das Dasein in der kanadischen Provinz geht, sind hochästhetisiert-künstlerische Versuche, die Verworrenheit und Vielschichtigkeit der menschlichen Existenz zu fassen, keine Lebenshilfeanleitungen mit Universalanspruch. Und das ist nicht wenig. „Die Komplexität der Dinge – die Dinge, die in den Dingen verborgen sind – scheint endlos“, so Munro einst. „Ich glaube, nichts ist einfach, nichts ist unkompliziert.“