London: Das Spektakel der Prinzenhochzeit und die Sparmisere

Die ganze Nation feiert die Hochzeit von Prinz William. Die gebeutelte britische Regierung hofft, dass die Briten über dieses Spektakel die Sparmisere im Land vergessen. Das wird nur kurzfristig gelingen.

„Hundeparade und Wurst-Rennen“, kündigt das Flugblatt unter Programmpunkt sieben an. Zusatz: „Wohlerzogen und an der Leine bitte“. Die Einladung für das Straßenfest anlässlich der königlichen Hochzeit am 29. April in der Springfieldstraße in Nordwestlondon wird von der Veranstalterin persönlich verteilt. Lucy Jackson trägt auch am Sonntag abends einen Hut, und sie freut sich schon riesig: „Wenn Sie gegen die Monarchie sind, dann verschwinden Sie besser von hier!“

Großbritannien ist im Hochzeitsfieber.
Am 29. April heiratet William Windsor seine langjährige Freundin Kate Middleton. In die Westminster Abbey zur kirchlichen Trauung passen nur 1900 Eingeladene. Der Rest der hochzeitsbegeisterten Zuschauer – etwa 2,5 Milliarden weltweit – muss vor dem Fernseher Platz nehmen. Um 13.20 Uhr darf der Prinz seine Prinzessin am Balkon des ­Buckingham Palace küssen, danach gibt es einen kleinen Hochzeitsempfang für 900 Gäste. Das Bussi am Balkon ist der Startschuss für die rund 400 Straßenfeste, die nachmittags abgehalten werden. Die Untertanen bringen Bier und belegte Brote selbst mit.

Hinter der Fassade monarchistischer Begeisterung staut sich allerdings zunehmend plebejischer Unmut. Das königliche Spektakel kommt die britischen Steuerzahler teuer. Für die Festivitäten kommen die Windsors zwar selbst auf, die Rechnung für die Sicherheitsmaßnahmen aber begleicht das Volk: 22,5 Millionen Euro kosten die Tausenden Polizisten, die Londons Innenstadt bewachen werden. Premierminister David Cameron hat den Hochzeitstag kurzerhand zum Feiertag erklärt, weshalb den Bobbies Feiertagszulage gezahlt werden muss.

Stehen Prinz William of Wales und ­seine Catherine noch vor ihrer Hochzeitsreise, so sind die Flitterwochen für die Regierungskoalitionäre David Cameron und Nick Clegg längst vorbei. Der konservative Tory und sein liberaler Vize erleben einen harten Frühling. Ende März stellte Finanzminister George Osborne sein Sparpaket im Parlament vor: 91 Milliarden Euro soll der Staatshaushalt im kommenden Jahr sparen. Jede Familie verliert etwa 850 Euro Einkommen pro Jahr. Kein europäi­sches Land hat sich jemals einen derart harten Sparkurs selbst verschrieben.

Gesundheitsminister Andrew Lansley wurde vorigen Mittwoch von 60 wütenden Krankenschwestern in Liverpool in die Zange genommen. Im Gesundheitssystem werden Tausende Jobs eingespart, darunter allein 560 Rettungswagenfahrer. Die Briten fürchten zunehmende Gewalt auf den Straßen, weil Tausende Jobs in der Polizei eingespart werden. Die Arbeitslosigkeit und die Inflationsrate steigen, die Wirtschaft wächst nur gering. „Das Sparprogramm schadet der schwächelnden Wirtschaft“, bloggt der österreichische Ökonom Kurt Bayer.

In diesem Klima von Sparen und Angst versucht Premierminister David Cameron, die Prinzenhochzeit als Festpause fürs Volk zu nutzen. Immerhin sind 72 Prozent der Briten erklärte Fans der Queen. Trotz des eklatant antidemokratischen Charakters der konstitutionellen Monarchie setzt sich keine der großen Parteien für die Abschaffung des Königshauses ein – auch nicht die Labour-Partei. Der Tory-Premier überschlägt sich geradezu im Bemühen, dem künftigen König von England einen pannenfreien Hochzeitstag zu bescheren. Cameron wollte etwa eine Zeltstadt von Libyen-Kriegsgegnern am Parlamentsplatz vor der Westminster Abbey schleifen lassen – die Polizei teilte ihm allerdings mit, dass die Demonstranten kein Gesetz gebrochen hatten und nicht vertrieben werden könnten.

Volksstimmung.
Camerons Versuche, die Volksstimmung für sich zu nutzen, sind wenig erfolgreich. ­Zuerst lud er seine Frau Samantha anlässlich ihres 40. Geburtstags zu einem Spanien-Wochenende ein – mit der Billigfluglinie ­Ryanair. Die Tochter eines englischen Landbesitzers fand dieses Geburtstagsgeschenk vielleicht etwas befremdlich. Am Donnerstag der vergangenen Woche klagte der konservative Premier dann die Labour-Partei in einer Rede an, sie habe zwischen 1997 und 2010 zu viele Immigranten ins Land geholt, die das Gesundheits- und Bildungssystem über Gebühr belasteten: „Dass manche sich jetzt nicht integrieren wollen, hat in manchen Nachbarschaften zu Unbehagen geführt.“

Immigrationsfragen führen aber vor allem in der Koalition zu Spannungen. „Wir hätten das so nicht ausgedrückt“, meinte ein Sprecher von Liberaldemokraten-Chef Nick Clegg nach Camerons Rede. Clegg aber hat noch ganz andere Probleme. Er hat sein Wahlversprechen gegenüber den Studenten gebrochen, seine Partei musste im Dezember für die Verdreifachung der Studiengebühren stimmen. Vor einem Jahr war er der aufsteigende Star der Politszene – nach einem knappen Jahr in der Koalition sind seine Lib Dems unbeliebt wie seit 20 Jahren nicht mehr und liegen derzeit nur bei neun Prozent.

Selbst die Reform des Wahlrechts, Cleggs Steckenpferd, könnte schiefgehen. Großbritanniens Rechtssystem krankt an vielen Stellen. Das Land hat immer noch keine geschriebene Verfassung, unterhält dafür aber das teuerste Königshaus Europas. Auch das Wahlrecht entspricht nicht mehr den modernen Zeiten. Hatten die Briten bis zum Zweiten Weltkrieg entweder rechts oder links gewählt, so sehen sich die Menschen heute nach Alternativen um. Die Liberal­demokraten möchten gerne vom Mehrheitswahlrecht zum „Alternative Vote“ (AV) übergehen. Wenn mehrere Kandidaten, nach Priorität gereiht, angekreuzt werden können, steigen die Chancen der kleineren Parteien. Der konservative Koalitionspartner Cameron hat dem Referendum zur Wahlreform im Regierungsabkommen mit zusammengebissenen Zähnen zugestimmt. Am 5. Mai findet das Referendum über AV statt.

„Wenn das Konfetti von der Hochzeit weggefegt ist“, meint Gary Gibbon von Channel 4 News bei einer Podiumsdiskussion, „werden sich die Leute der Politik zuwenden. Und ihre Frustration an den Politikern ablassen.“ Nach Downing Street würden die Wähler laut einer YouGov-Umfrage zurzeit lieber ­Labour als die Tories mit 42 zu 37 Prozent schicken. 44 Prozent wollen außerdem gegen und nur 37 für die Wahlreform stimmen. YouGov-Chef Peter Kellner: „Seit die Lib Dems ihren Nimbus als Oppositionspartei eingebüßt haben, kämen die Proteststimmen wahrscheinlich den Grünen oder einer neuen Reformbewegung zugute.“ Dass die rechtsradikale BNP von einem geänderten Wahlrecht profitieren könnte, glaubt der Soziologe Robin Archer allerdings nicht.

Liebe.
Bei all diesen Unannehmlichkeiten kommt der Regierung die königliche Hochzeit gerade recht. Zumal William so ein gelungener Prinz ist: Der 28-jährige Hubschrauberpilot hat zur allgemeinen Erleichterung das Aussehen seiner Mutter Diana geerbt und auch sonst nicht viel mit dem Vater Charles gemein: William heiratet sogar die Frau, die er liebt, und nicht eine, die für ihn ausgesucht wurde. Die Aristo-Skan­dale der neunziger Jahre – Scheidungen, Affären, psychische Krankheiten – sind derzeit vergessen, die ­braven Jungmonarchen greifen nach dem Zepter.

Kate Middleton wirkt genauso gewissenhaft wie William. Die strebsame Bürgerin hat sich nicht durch ernsthafte Arbeit oder lasterhafte Affären von ihrem Aufstieg auf den Thron ablenken lassen. Bei allen offiziellen Veranstaltungen glänzt sie mit perfektem Lächeln, das so manche „Royal corres­pondents“ für genuin halten. „Ihr Auftrag nach dem Hochzeitstag ist klar definiert: langweilig sein und Thronfolger produzieren“, lästert ein königlicher Beobachter, der seinen Namen nicht nennen will, weil er noch von der Hochzeit berichten muss.

Das Königshaus hat die Losung ausgegeben:
Die Hochzeit darf nicht billig aussehen, aber sie soll relativ billig sein. Hochzeitsgeschenke haben sich Kate und William bereits verbeten, Spenden können an www.royalwedding­charityfund.org gehen.

Republikaner.
Solch rationales Handeln schadet dem Flair der Traumhochzeit. Trotz der hohen Popularität des Königshauses ist die Volksfreude heute weniger flächendeckend spürbar als 1981, als Prinz Charles Lady Di heiratete. „Nach der Traumhochzeit kam die Ernüchterung“, meint Emily Brand, britische Historikerin und Expertin für Königshochzeiten. „Schon allein deshalb wird heute darauf geachtet, es nicht zu übertreiben.“ Das unbenommen, bleibt das britische Königshaus trotzdem bei Weitem das teuerste in ganz Europa.

Außer den üblichen Regenwolken könnte am Hochzeitstag noch etwas anderes die Freude trüben. Die Straßenfeste am Hochzeitstag sind schon jetzt Anlass zu Zank und Streit. Die große Mehrheit der Partys wird von Monarchisten organisiert. Die republikanische „Das-ist-keine-Hochzeits-Straßenparty“ wurde von der Gemeinde allerdings untersagt. „Das ist ein unwürdiger Anschlag auf die Rechte der Republikaner“, entrüstet sich Graham Smith, Chef der antimonarchistischen Bewegung „Republic“. „Wir müssen annehmen, dass es sich um einen politisch motivierten Bann handelt.“

400 promonarchistische Straßenfeste sind dagegen sehr wohl genehmigt worden. Eines davon schmeißt Samantha Cameron. Die Frau des Premierministers lädt am Nachmittag vor Downing Street Number 10 zum Tee ein. Bevor sie mit dem Plebs feiern, gehen die Camerons allerdings noch schnell zur Hochzeit in die Westminster Abbey und zum Empfang in den Buckingham Palace.

Lesen Sie im profil 16/2011 ein Interview mit dem australischen Soziologen Robin Archer über den beruhigenden Effekt der Royals auf die politische Psyche der Briten.