Mister Marple: Strauss-Handschriften
aus der Wiener Stadtbibliothek entwendet

Aus der Wienbibliothek sind wertvolle, in der NS-Zeit den Besitzern abgepresste Strauss-Handschriften verschwunden und jetzt am Markt aufgetaucht. Anzeige wurde nie erstattet.

Im April dieses Jahres machte sich ein hoher Wiener Beamter heimlich auf eine außergewöhnliche Dienstreise. Begleitet wurde er von einem Kriminalbeamten. Denn Thomas Aigner, Chef der bedeutenden Musiksammlung der Bibliothek der Stadt Wien, hatte Wertvolles im Gepäck: Originalkompositionen von Johann Strauss Sohn, der als Wiens Walzerkönig vermarktet wird. Das Bundesdenkmalamt hatte die Strauss-Noten aus dem Tresor eigens von der Ausfuhrsperre befreit, denn sie reisten als Beweis dafür, dass in Köln aufgetauchte Kompositionen aus ebendiesem Tresor stammten und offensichtlich gestohlen waren.

Die mehr als sechzig Seiten Strauss-Autografe waren von einem Kölner Auktionshaus für 33.000 Euro Rufpreis feilgeboten worden. Dass sie kurzfristig zurückgezogen und beschlagnahmt wurden, hatte international für Aufsehen gesorgt, handelt es sich doch um historisch brisante Bestände: Alice Strauss-Meyszner hatte sie 1939 „schenkungsweise“ Wien überlassen, nachdem die Nazis gegen sie als „jüdische Erbschleicherin“ gehetzt hatten. Gleichzeitig verbot Joseph Goeb­bels jeden Hinweis auf die jüdische Abstammung von Strauss, um seine Musik als „wahrhaft völkisch“ vereinnahmen zu können. Goebbels: „Ich habe keine Lust, den ganzen deutschen Kulturbesitz unterhöhlen zu lassen. Am Ende bleiben uns nur noch Widukind und Heinrich der Löwe.“ Die Wiener Philharmoniker spielten die Werke des solcherart arisierten Komponisten bei den Salzburger Festspielen 1939 und begründeten damit zu Silvester 1939 ihr berühmtes Neujahrskonzert.
Über die geplatzte Auktion der von den Nazis abgepressten Stücke berichtete nun das Börsenblatt des deutschen Buchhandels, das Operetta Research Center Amsterdam stellte den Fall als „Job für Miss Marple“ online.

Verdächtiger Experte. Agatha Christies schrullige Ermittlerin auf eigene Faust scheint den Verantwortlichen der Bibliothek der Stadt Wien in der heiklen Causa tatsächlich Vorbild zu sein. Dass aus der Strauss-Meyszner-Sammlung 131 Seiten fehlen, wurde bereits vor zehn Jahren bei der Suche nach NS-Raubkunst entdeckt. Der geplünderte Nachlass wurde 2001 an einen Erben des Komponisten rückgestellt und von der Stadt anschließend um rund fünf Millionen Euro erworben.

Strafanzeige oder wenigstens eine Information an das internationale Lost-Art-Register in London unterließ man. Sammlungsleiter Aigner: „Hätten wir zu früh losgeschossen, wären die Manuskripte nie aufgetaucht.“ Im Jahr 2007 wurde ein Teil des mutmaßlichen Diebsguts kommentarlos mit fingiertem Absender der Landesbibliothek im bayrischen Coburg zugeschickt. Im Jahr darauf bot ein deutscher Musikwissenschafter einen weiteren Teil dem Vorsitzenden der Deutschen Johann-Strauss-Gesellschaft in Coburg, Ralph Braun, zum Kauf an. Dieser informierte umgehend Wien, und hier erkannte man den Anbieter: als „Mittelsmann“ des früheren Leiters der Wiener Musiksammlung. Ebendieser war 1994 suspendiert worden, da Teile aus einem Schubert-Nachlass fehlten. Vier Jahre lang lief ein Disziplinarverfahren, laut Insidern wurden damals aber Entwendungen als Irrtum oder Schlamperei entschuldigt, und der Sammlungschef verabschiedete sich 1999 in die Pension an den Wörthersee. Bis heute ist daher etwa ungeklärt, wie sich eine Haarlocke Franz Schuberts in das Museum im niederösterreichischen Atzenbrugg verirren konnte.
Auch im Fall Strauss wollten Wiens Bibliotheksverantwortliche den Verdächtigen nicht der Justiz anvertrauen. Sammlungschef Aigner: „Der Mann ist Experte, wir mussten die Sache eng an unserer Brust halten.“ Im Übrigen wusste man nicht, was genau fehlte, da die seit NS-Zeiten in der Musiksammlung liegenden Werke nur unvollständig inventarisiert waren. Die in Köln sichergestellten Kompositionen sind die Vertonung des unvollendet gebliebenen Balletts „Aschenbrödel“ inklusive einer letzten Variation des Donauwalzers.

Wie es nun zur Beschlagnahme gekommen ist, ist unklar. Denn die Rathausbeamten hatten die Behörden auch dann nicht eingeschaltet, als „die Alarmglocken schrillen hätten müssen“, wie die „Österreichische Musikzeitschrift“ schrieb. „Hinfahren, anläuten und Fragen stellen“ – so wollte der Leiter der Musiksammlung den mutmaßlichen Hehler der gestohlenen Strauss-Handschriften überführen, bevor die Sache jetzt hochging. Die Staatsanwaltschaft Wien wurde erst über Mitteilung des deutschen Bundeskriminalamts aktiv und ermittelt gegen den Ex-Sammlungschef wegen Verdachts auf Betrug und Untreue. Die Wienbibliothek will sich einem Verfahren als Privatbeteiligte anschließen.