"Scheißkerle, Schweinebande“

Wehrsportübungen, Rivalität und Saufereien, Terror und Unterwanderung durch Spitzel der "Arbeiter-Zeitung“: Eine Studie rollt die Anfänge der SS in Wien auf.

Am 1. Jänner 1930 bekommt der 39 Jahre alte Wiener SA-Mann Walter Turza den erbetenen Auftrag: Heinrich Himmler betraut ihn mit der "Organisierung der SS in Wien“. Turza hatte sich selbst als "Sudetendeutscher schon seit frühester Jugend im nationalen Kampf“ gesehen. Sein Elektrogeschäft war in der Wirtschaftskrise in Konkurs gegangen, worauf er sich dem ersten Wiener SA-Sturm zugewandt hatte.

Nach der Order von ganz oben stellte er 1930 in drei Monaten die erste Wiener SS-Einheit auf die Beine. Gemäß dem Willen von SS-Chef Himmler sollte sie aus den "kampferprobtesten“ SA-Männern und tatkräftigen jungen Burschen bestehen, in der Realität bildete sie alles andere als eine Elitetruppe. Einige der neuen SS-Männer waren ehemalige k. u. k. Soldaten, von ihnen jeder zweite Invalide, die paar Jungen waren arbeitslos, manche erst 18 und damit weit unter dem offiziellen SS-Aufnahmealter von 23 Jahren. Ihnen allen war das "Adolf-Hitler-Haus“ als NS-Zentrale ideologische Wärmestube, als SS-Wachen bekamen sie hier und bei Parteiveranstaltungen Gelegenheitsjobs, Essen brachte die NS-Frauenschaft. Gewaltbereitschaft und Verbindung in zentrale Institutionen der jungen Republik fanden sich bereits unter den wenigen. Der 29-jährige Franz Mazanek etwa hatte schon als Jugendlicher mit der "Eisernen Division“ im Baltikum gekämpft und war wegen Körperverletzung und Trunkenheit im Kerker gesessen - er sollte das militärische Gehirn des SS-Terrors in Wien werden. Der radikale Jusstudent Hans Mußil hatte bereits als Gymnasiast eine SA-Schar geführt, am "Simmeringer Blutsonntag“ mit mehreren Toten und vielen Verletzten im Oktober 1932 beteiligte er sich dann als SS-Sturmführer an vorderster Front. Das Spektrum reichte bis zum 26-jährigen Beamten der Oesterreichischen Nationalbank Franz Weilguny. Er übernahm die Geldangelegenheiten der SS und verbarg seine geheimen Aufzeichnungen bis zu Hitlers Einmarsch 1938 dort, wo sie am sichersten waren: in der Nationalbank.

In den Tagen nach Österreichs "Anschluss“ verfügte die SS in Wien über rund 2000 Mann (11.000 in ganz Österreich). Bisher war freilich nicht einmal bekannt, wann und von wem der erste SS-Sturm gegründet worden war. Christiane Rothländer, Historikerin und Lektorin an der Juridischen Fakultät der Universität Wien, legt nun auf 650 Seiten "Die Anfänge der Wiener SS“* dar. Die 41-jährige Wissenschafterin gibt darin nach aufwändigen Forschungen vielfältigen Einblick hinter die Kulissen der Trupps in den schwarzen Uniformen. Er reicht von den Aufzeichnungen über Wehrsportübungen samt Übung im Scharfschießen im Wienerwald, die ein SS-Mann Eduard Zambaur in seinem mit Totenköpfen verzierten Trupp-Tagebuch festhielt, über den Aufbau des SS-Reiterkorps "Braune Reiterschar“ bis zur zunehmenden Radikalisierung: Im Wahlkampf 1932 erstach der 21-jährige Medizinstudent Heinrich Korb den Schutzbündler Karl Schafhauser, er war das erste Todesopfer eines Wiener SS-Manns. Nach dem Wahlerfolg, bei dem die NSDAP in Wien drittstärkste Partei wurde, drängten viele in die SS, welche ihre neue Stärke in Überfällen auslebte. Beim Film-und Funkfest der NSDAP Anfang Juli 1932 bekamen sogar Parteigenossen die neue Macht zu spüren: SS-Männer stürmten in den Saal und tobten laut Augenzeugen: "Oes A…löcher! Wir hauen euch alle z’samm, wenn ihr modern tanzt.“

Am so genannten "Simmeringer Blutsonntag“ im Oktober 1932 endete ein NS-Großaufmarsch schließlich in Zusammenstößen mit Gegendemonstranten, vier Menschen starben, 75 wurden teils schwer verletzt. Ein SA-Führer warf der SS "unmöglich undisziplinierten“ Einsatz vor, sie habe sich am blutigen Ausgang "mitschuldig gemacht“.

Als mit Walter Graeschke ein Reichsdeutscher an die Spitze der österreichischen SS kam und die Führer der Anfangszeit entmachtet wurden, machten sich in ihren Reihen Rivalitäten, Neid und Missgunst breit. Das nutzte die "Arbeiter-Zeitung“ ("AZ“), die laut Rothländer ein ganzes Netzwerk an Spitzeln in die Wiener SS einschleuste. Ab nun wurde deren Innenleben öffentlich. Aus einem Appell des damaligen Standartenführers Josef Fitzthum zitierte die "AZ“ genüsslich, er habe die SS-Männer "Scheißkerle, Schweinebande“, die sich "besaufen und dann herumstänkern“, geschimpft. SS-Führer Graeschke, der sich angeblich in der Bar "Femina“ herumgetrieben hatte, erfuhr von seiner Absetzung aus der "AZ“.

Der Tränengasanschlag auf das Kaufhaus Gerngross im Dezember 1932 wurde über die SS-Spitzel der "AZ“ aufgeklärt: Die Zeitung publizierte die Namen der Täter, die den Anschlag im "Adolf-Hitler-Haus“ vorbereitet hatten. Der bloßgestellten SS-Führung gelang es, die "AZ“-Konfidenten in langen Verhören zu enttarnen.

1933 verübte die Wiener SS dann Bombenanschläge mit Toten. Laut Historikerin Rothländer trug sie damit entscheidend zur Durchsetzung des terroristischen NSDAP-Kurses bei, der im Juni zu deren Verbot führte. Die nach Deutschland geflüchteten SS-Männer konnten aufgrund massiver Konflikte mit der SA nicht in die Österreichische Legion eingegliedert werden. Sie wurden in Dachau konzentriert und viele als KZ-Bewacher abkommandiert.

Ein Teil der SS-Flüchtlinge wurde der späteren Waffen-SS, andere deutschen Einheiten zugeordnet. Jene, die den Aufstieg schafften, sollten nach Österreichs "Anschluss“ als bestens geschultes SS-Korps bereitstehen.

1) Christiane Rothländer: "Die Anfänge der Wiener SS“. Böhlau Verlag, 2012.