Philip Roth vollendet mit dem Roman „Nemesis“ ­seinen aktuellen Erzählzyklus

Katalog der Höllenqualen und Todesarten: Mit „Nemesis“, dem fiktiven Bericht einer Epidemie, vollendet US-Starromancier Philip Roth seinen jüngsten Erzählzyklus.

Bucky Cantor, ein junger Lehrer, sieht sich 1944 mit einer bangen Frage konfrontiert: Warum lässt Gott Böses zu? Während seine Freunde in Übersee Deutschland von der Geißel des Nationalsozialismus zu befreien suchen, wird der wegen eines Augenleidens für den Militärdienst als untauglich eingestufte Pädagoge an anderer Front in einen aussichtslosen Kampf verstrickt: Cantors Heimatort Newark wird von sprunghaft ansteigenden ­Fällen epidemischer Kinderlähmung mit Todesfolge heimgesucht. Die Menschen in der größten Stadt des US-Bundesstaats New Jersey sind verunsichert: Selbst Franklin D. Roosevelt, das amtierende Staatsoberhaupt im fernen Washington, zählt – historisch verbürgt – zu den Opfern der Seuche; mit zwanghaftem Händewaschen nach jedem Körperkontakt, ausgewogener Ernährung, acht Stunden Schlaf und dem Genuss ebenso vieler Gläser Wasser pro Tag versuchen die Einwohner Newarks, rund anderthalb Jahrzehnte vor Erfindung eines wirksamen Impfstoffs, sich vor den Folgen der durch Polioviren hervorgerufenen Infektionskrankheit zu schützen. Panik greift um sich. Viele der minderjährigen Schüler des sehbehinderten Erziehers Cantor, der Sport im jüdischen Viertel Weequahic unterrichtet, werden von der Epidemie hinweggerafft.

In den (fiktiven) Chroniken von Newark findet sich unter dem Datum Juli 1944 nicht nur einer der heißesten Sommer seit Menschengedenken. Zu einer Zeit, als das ständige Sirenengeheul der Rettungsfahrzeuge und der Anblick entvölkerter Straßen die Stadt prägten, wurden Hunderte von Poliofällen, viele davon tödlich, registriert. Der Krieg, so bemerkt der Erzähler in Philip Roths jüngstem Roman „Nemesis“, dessen deutsche Übersetzung für Anfang kommenden Jahres erwartet wird, sei über die Kinder Newarks gekommen. Als moderner Hiob zürnt Bucky Cantor Gott – und sieht sich dem Wüten der titelgebenden Rachegöttin hilflos ausgesetzt.

Erdacht hat Cantors Horrortrip ein Schriftsteller, der die Existenz des Allmächtigen ohnedies infrage stellt. In einem aktuellen Interview mit der „Los Angeles Times“ bemerkte US-Romancier Philip Roth auf die Frage nach seiner Religiosität gewohnt lakonisch: „Ich habe keinerlei Schwierigkeiten mit Gott – weil ich nicht an ihn glaube.“ Mit den in den Weltreligionen für Leben und Tod verantwortlichen Instanzen und deren vermeintlich irdischen Interventionen setzt sich Roth, 77, gleichwohl seit geraumer Zeit auseinander: In seinen vorigen vier im Jahresrhythmus publizierten Romanen – „Jedermann“ (2006), „Exit Ghost“ (2007), „Empörung“ (2008), „Die Demütigung“ (2009) – umkreist der Autor bereits die Themenkomplexe Sterben, Altern, Krankheit, Unglück und Schuld, im Großen wie im Kleinen. In „Jedermann“ kämpfte der namenlose Protagonist gegen seine Hinfälligkeit, in „Exit Ghost“ bereitete Roth seinem langjährigem literarischen Alter Ego Nathan Zuckerman einen glanzlosen Abgang. In „Empörung“ und „Die Demütigung“ setzte der Schriftsteller sein Personal ebenfalls existenzieller Misere aus. In „Nemesis“ lässt der Schriftsteller die Stadt Newark, die Roths eigener Geburtsort und zugleich Schauplatz zahlreicher, autobiografisch unterfütterter Romane des Autors ist, an den Auswirkungen der Kinderlähmungsepidemie verzweifeln.

Reorganisation.
Sein umfassendes Werk teilt Philip Roth seit je in Erzählblöcke ein. Die Liste, die den englischsprachigen Roth-Romanen stets vorangestellt ist, wird so kontinuierlich erweitert: Die nach ihrem zeitweiligen Protagonisten Nathan Zuckerman klassifizierten Bände, darunter Meisterwerke wie „Der menschliche Makel“ (2000) und „Amerikanisches Idyll“ (1998), bilden in dem inzwischen auf 31 Bücher angewachsenen Œuvre des Autors den wohl wichtigsten Werkteil. Neben den Zuckerman-Büchern existieren aber auch die so genannten Kepesh- und Roth-Arbeiten sowie „Vermischtes“ und „Andere Werke“. Mit Erscheinen von „Nemesis“ wurde das traditionelle „Bücher von Philip Roth“-Verzeichnis, das sich in jedem neuen Roman eingangs findet, einer Reorganisation unterzogen: „Jedermann“, „Empörung“ und „Die Demütigung“, vormals unter „Andere Werke“ eingeordnet, firmieren nun gemeinsam mit „Nemesis“ als Werkquartett unter der neuen Bezeichnung „Nemeses: short novels“: Geschichten vom Untergang, erzählt in vier schmalen, lose verlinkten Romanen.

„Nemesis“
, der narrative Schlussbaustein dieses vierteiligen Leidenskatalogs, wird der literarischen Meisterschaft Roths jedoch nur bedingt gerecht. Über weite Strecken wirkt das Unterfangen, eine Katastrophe alttestamentarischen Zuschnitts in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu verlegen, als fresko-ähnliches Schwarz-Weiß-Porträt, dem es zudem an Figuren von Format mangelt. Anti­held Bucky Cantor ist ein Getriebener der Umstände, ein Virtuose der Larmoyanz: Irrational begründete Schuldgefühle drücken schwer auf sein Gemüt, auch seine überstürzte Flucht aufs idyllisch gezeichnete Land bringt nicht die erhoffte Erlösung – spätestens in der Hälfte des Romans lässt sich das fatale Ende des Buchs zudem vorausahnen. Allzu oft und überdeutlich weist Roth auf die von ihm entworfenen, zuweilen ins Formelhafte verzerrten Gegensätze hin: Massensterben (Europa im Krieg; Epidemie in Newark), augenfällige urbane Agonie (eine Stadt in Epidemie-Angst) und drohende ländliche Apokalypse (ein Schmetterlingsschwarm ersetzt bei Roth die biblische Heuschreckenplage). „Nemesis“ zerfällt nicht zuletzt durch die von Roth erst spät namentlich eingeführte Erzählerfigur in seine Einzelteile: Arnie, ein ehemaliger Schüler Cantors, taucht lange nicht aus seiner Anonymität auf – und bleibt dabei, so wie Marcia, die Freundin des Protagonisten, eine für Roths Verhältnisse überraschend eindimensional entworfene Frauenfigur, schlicht farblos. In den Erzählungen „Jedermann“ und „Die Demütigung“ trieb Roth seine Figuren in die inneren Kammern des Schreckens. In „Nemesis“ bleibt die Angst an der Oberfläche der Dinge haften.