Plagiatorenkämpfe

Plagiat oder nur unsauber ­zitiert? Vier Jahre war das Hahn-Gutachten geheim. Nun wurde es profil zugespielt.

Waldemar Hummer ist außer sich. Ein „verrutschtes Zitat“ sei noch lange kein „Plagiat“. Ein Vierteljahrhundert leitete der sprachgewaltige Professor das ­Institut für Europa- und Völkerrecht an der Uni Innsbruck, bevor er kürzlich in allen Ehren emeritierte. „Jetzt stehe ich da mit einer angepatzten Weste und kann sie nicht einmal in die Reinigung bringen.“

Der Dreifach-Doktor aus Tirol war eines von mehreren Opfern im glamourösen Plagiatsfall Karl-Theodor zu Guttenberg. Der deutsche Ex-Minister hatte bei Hummer eine Passage aus einem Aufsatz abgeschrieben, den dieser vor acht Jahren veröffentlicht hatte. Am 25. Februar stellte die Online-Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ unter die Geschichte ein pikantes Postskriptum: Hummer habe die Passage, die Guttenberg so gefiel, selbst abgeschrieben – und zwar von einem Salzburger Rechtsprofessor. Das bestreitet Hummer: „Ich habe auf die Quelle hingewiesen, seriöser kann man es nicht machen.“

In der akademischen Welt gilt als „gute wissenschaftliche Praxis“, übernommene Passagen zu kennzeichnen und die Quellen anzuführen. Wer fremde Gedanken als eigene ausgibt, macht sich eines Plagiats schuldig; wer Wort für Wort abschreibt und auf die Quelle hinweist, aber die Gänsefüßchen weglässt, zitiert unsauber; wer notorisch auf die Gänsefüßchen vergisst, täuscht „eigenes Schaffen“ vor und erfüllt wieder den Tatbestand des Plagiats. Die Grenzen zwischen verrutschten Zitaten und subtilen Plagiaten seien ebenso fließend wie die Übergänge zwischen eigenen und fremden Gedanken, sagt Peter Weingart, Leiter der Agentur für wissenschaftliche Integrität: „In der Wissenschaft baut man auf den Gedanken anderer auf. Niemand denkt total neu und originell.“

Vor vier Jahren kam die Doktorarbeit des heutigen EU-Kommissars für Regionalpolitik, Johannes Hahn, ins Gerede. Der Medienwissenschafter Stefan Weber und der ­Philosophieprofessor Herbert Hrachovec hatten unabhängig voneinander mehrere Absätze gefunden, die Hahn aus anderen Werken übernommen, aber nicht korrekt zitiert hatte. Die Uni Wien scheute sich – Hahn war damals Wissenschaftsminister –, die Dissertation unter die Lupe zu nehmen, und bat die Uni Zürich um Hilfe. Philosophieprofessor Peter Schulthess sprang als Gutachter in die Bresche. Er entlastete Hahn vom Vorwurf des Plagiierens, rügte aber seinen schlampigen Umgang mit Zitaten. Mehr sollte die Öffentlichkeit nicht erfahren. Das Gutachten blieb unter Verschluss.

Vergangene Woche wurde es profil zugespielt. Schulthess schreibt darin, Hahn wäre „höchstens unterstellbar, dass die ­fehlenden Kennzeichnungen der Zitate, wenn sie nicht aus Laxheit oder Gründen ­mangelnder Zeit ausgeblieben sind, dem ­Kaschieren des Umfangs der Eigenleistung dienen könnten“. Allerdings treffe seine Doktorväter eine „gewisse Mitverantwortung“. Er, Schulthess, hätte „diese Dissertation wegen der mangelnden Form und ­allenfalls der Machart vor einer allfälligen Annahme formal überarbeiten lassen“. Das beträfe aber „Methode und Inhalt“ der Arbeit und sei „hier deshalb nicht von Belang“. Mit anderen Worten: Der Schweizer Gutachter interessierte sich nur für Plagiate, nicht für die inhaltliche Qualität, und er konzentrierte sich auf jene Passagen, die der Medienwissenschafter Weber bereits ausfindig gemacht hatte.

Laut einem Erkenntnis des Verwaltungsgerichtshofs müssen sich Betreuer von Abschlussarbeiten nicht als Zitatendetektive betätigen. Tauchen jedoch Vorwürfe auf, sind diese zu prüfen. Das sei im Fall Hahn nicht passiert, moniert Philosophieprofessor Hrachovec: „Einige Seiten herauszupicken und zu untersuchen ist nicht seriös.“

Der Grüne Peter Pilz sprach von einem „Gefälligkeitsgutachten“ und betraute Weber damit, die Abschlussarbeit des EU-Kommissars noch einmal durchzuarbeiten. Hahn selbst wies den Plagiatsvorwurf erneut „mit aller Entschiedenheit“ zurück und erklärte, er habe „ein reines Gewissen“. Wissenschaft lebt vom Anspruch auf Wahrhaftigkeit und vom redlichen Umgang mit Gänsefüßchen. Vergangene Woche ging eine neu gegründete „Initiative Transparente Wissenschaft“ online. Dem „bislang oft fragwürdigen Umgang mit Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ rückt die Internet-Generation nun mit den Waffen „open review“ und „Plagiarismus-Wikis“ zu Leibe: Künftig werden Verdachtsfälle der Netzöffentlichkeit ausgesetzt und Doktorarbeiten – wenn nötig – im Kollektiv zerfleddert. Die strittige Dissertation von EU-Kommissar Hahn haben die Plagiatsjäger des 21. Jahrhunderts bereits eingescannt (http://de.antiplagaustria.wikia.com/). Die Uni Wien hatte die Papierexemplare des 282 Seiten umfassenden Werks „Perspektiven der Philosophie heute – dargestellt am Phänomen Stadt“ zuvor in diversen Bibliotheken sperren lassen.

Die Zukunft der Plagiatsjägerei spiele sich im Netz ab, sagt der Medienwissenschafter Weber: „Wir brauchen WikiLeaks für die Wissenschaft. Die Prozesse müssen transparenter werden.“ Das setzt die Universitäten unter Druck. Die mit Steuermitteln finanzierten Elfenbeintürme der Wissenschaft „erfahren jetzt, dass sie solche Themen nicht mit leichter Hand und unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandeln können“, konstatiert Weingart, Vorstand der Agentur für wissenschaftliche Integrität. Dabei bestach auch die 2009 gegründete Organisation bisher nicht durch offensive Informationspolitik, was Weingart damit erklärt, dass „es immer wieder Vernaderungen gibt und wir diskret arbeiten müssen“.

120 Kilometer von Innsbruck entfernt sitzt der Münchner Uni-Professor Volker Rieble vor der Passage, die der Europarechtler Hummer vom Salzburger Kollegen Griller übernommen haben soll, und findet sie „über alle Maßen anrüchig“. Riebles eigentliche Profession ist das Arbeitsrecht, die Plagiatsforschung betreibe er „nur als Hobby“. Allerdings hat er sich an der beruflichen Nebenfront bereits einen beachtlichen Ruf erworben. In den kommenden Wochen will Rieble sich der Causa Guttenberg/Hummer/Griller ausführlich widmen und danach eine detaillierte Analyse in einem Fachjournal veröffentlichen.

Persilschein.
Es ist nicht der einzige Fall, der Rieble aus Innsbruck zugetragen wurde. Auf dem Stapel der abzuarbeitenden Verdachtscausen liegt noch eine Habilitationsschrift, die der Verfasser zu weiten Teilen mit Texten aus der eigenen Dissertation bestritten haben soll. Rieble: „Bei sich selbst abzuschreiben ist zwar kein Plagiat, aber es kann Prüfungsbetrug sein.“ Die Universität Innsbruck habe den Professor bereits mit einem Gutachten entlastet. Doch das überzeugte Rieble nicht: „Mir kommt das wie ein klassischer Persilschein vor. Damit macht man Wissenschaft kaputt.“

Den Sprecher der Universität Innsbruck, Uwe Steger, bringt das nicht aus der Ruhe. „Hinter solchen Vorwürfen stehen manchmal menschliche Verwerfungen. Wenn mir jemand nicht passt, dann behaupte ich mal, er hat plagiiert. Das sind schwierige Geschichten.“ Plagiatsjäger Weber bezweifelt, dass sich das durch Expertise aus München ändern wird: „Ich habe der Uni Innsbruck schon mehrere Gutachten geschickt, und es ist nie etwas passiert.“

So gut wie alle Universitäten setzen inzwischen Plagiatssoftware ein – und brüsten sich damit auch gerne. Diese erkennt aber nur Kopien und kann ordentliche Zitate nicht von unlauteren Übernahmen unterscheiden. Die Berliner Medieninformatikerin Debora Weber-Wulff testete die Programme: „Google ist besser, schneller und billiger als jede Software“ (siehe Interview). Dazu kommt, dass Hochschulen danach ­evaluiert werden, wie viele Absolventen sie hervorbringen. „Es gibt keine Gutpunkte dafür, dass sie Abschlussarbeiten als Plagiate enttarnen“, sagt der Linzer Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich.

Plagiatsjäger Weber ist inzwischen ein viel beschäftigter Mann: „Durch Guttenberg habe ich zehn neue ­Aufträge bekommen.“ Derzeit tüftelt der Medien­wissenschafter noch am Fall Mario-Max Schaumburg-Lippe. Weber war schon im Herbst 2010 dem Plagiatsverdacht gegen den Society-Prinzen nachgegangen. Dieser hatte unter seinem bürgerlichen Namen Mario Wagner im Jahr 2003 zum Thema „Die Sozialphilosophie von Joseph Kardinal Höffner“ dissertiert und sechs Jahre später seine Doktorarbeit als Buch wiederverwertet. Titel: „Kann der Papst die Krise beenden?“ Weber zählte auf 74 Seiten der Wagner’schen Doktorarbeit 37 Plagiate. Sie stammen aus Enzykliken des Papstes, aus Arbeiten Joseph Höffners und aus diversen sozialwissenschaftlichen Werken. Die Universität Innsbruck reagierte auf das Weber-Gutachten mit einer Gegen-Stellungnahme, die Schaumburg-Lippe entlastet. Uni-Sprecher Steger: „Es ist herausgekommen, dass es sich nicht um ein Plagiat handelt.“ Die Stellungnahme selbst sei „geschützt“, sprich nicht öffentlich.

Die Akte Hahn
, die Weber 2007 schloss, will er nach Abschluss des Schaumburg-Lippe-Falls wieder hervorkramen: „Ich lasse mich nicht drängen, nur weil Medien Ergebnisse wollen.“ Seriöse Untersuchungen bräuchten Zeit. Hahn stützte sich bei seiner Arbeit auf Papierquellen und verwendete zudem „graue Literatur“, die nicht für jeden frei zugänglich ist. Gut möglich, dass in der Zwischenzeit das unberechenbare Netz­kollektiv die Recherchen vorantreibt. Der Erfolg von Wiki-Projekten hängt – siehe Guttenberg – vor allem davon ab, wie viele Menschen sich darin verbeißen.

Druck aus dem Netz allein wird die gute wissenschaftliche Praxis freilich nicht retten. Das Internet erleichtere das Aufdecken von Plagiaten, verleite auf der anderen Seite aber zu übermütigem „Kopieren und Einfügen“, warnen Experten. Selten stehe dahinter der kriminelle Drang, sich einen Titel zu erschleichen, meist sei es „eine Mischung aus Schlampigkeit und Druck“, erzählt ÖH-Chefin Sigrid Maurer. Sie will die Debatte um wissenschaftliche Integrität deshalb nicht losgelöst von den Studienbedingungen führen.

Gekaufte Kapitel.
Laut einer deutschen Expertenschätzung stammt ein Drittel aller Abschlussarbeiten in Jus und BWL von Ghostwritern. Der Linzer Wissenschaftsforscher Fröhlich berichtet von einem Trend zu „Teilzeit-Ghostwriting“: „Die Leute fangen mit einer Dissertation an, merken, dass ihnen die Zeit davonläuft, und kaufen noch schnell ein paar Kapitel oder den Schluss zu.“

Dieser Art von Schwindel ist mit Computersoftware nicht bei­zukommen, sondern tatsächlich nur mit guten Studienbedingungen. Doch auch Betreuer und Gutachter seien oft unter Druck und nicht mehr in der Lage, alle Arbeiten zu lesen. „Das aber wäre der beste Schutz gegen Plagiate. Wenn jemand abschreibt, dann merken das die Betreuer als Erste, an der Sprache und am Aufbau“, sagt ÖH-Chefin Maurer. Wem daran liegt, dass Dissertanten mehr leisten als eine gekonnte Aneinanderreihung von Gedanken, die andere vorher gehabt ­haben, der muss gegen die zeitliche ­Zerrüttung der Nachwuchsforscher kämpfen, mit Auszeiten für die Wissenschaft, mit Bildungskarenz und Förderstipendien. Fröhlich: „Es ist ganz einfach: Man kann nicht die Oma pflegen, ein Haus bauen, Kinder großziehen und am ­Samstagnachmittag an der Dissertation schreiben.“

Es sei denn, man macht es so wie der deutsche Mathematiker, der in den achtziger Jahren seine Habilitationsschrift von einem russischen Kollegen stahl, indem er dessen Arbeit einfach Wort für Wort ins Deutsche übersetzte. Das dreiste Plagiat flog erst Jahre später auf, als das Werk des russischen Mathematikers auch ins Englische übersetzt wurde und einigen Kollegen seltsam bekannt vorkam.