Post: Ein neues Arbeitszeitmodell verunsichert die Briefträger

Post: Ein neues Arbeitszeitmodell verunsichert die Briefträger

Für 9000 Postzusteller gilt ab 1. Jänner ein neues Arbeitszeit- und Entlohnungsmodell. Mit Satellitenüberwachung und gekürzten Zulagen.

Das kleine „C-Café“ am Wiener Volkertmarkt, das von der Fraktion Christlicher Gewerkschafter (FCG) in der Post AG geführt wird, dient derzeit nach Dienstschluss als Anlaufstelle für ratsuchende Briefträger.
Zusteller aus verschiedenen Bundesländern berichten, derzeit seien Arbeitstage mit zwölf und mehr Stunden keine Seltenheit. Springt jemand für einen erkrankten Kollegen ein, muss ein einzelner Briefträger in größeren Städten pro Tag oft bis zu tausend Haushalte mit Post beliefern. „Manchmal schleppe ich hundert Kilo Post auf meinem Wagerl mit“, meint ein Zusteller. „Wegen eines Rückenleidens nehme ich jeden Tag Schmerzmittel.“

Angst zum Jahreswechsel
Unter den 9000 Zustellern in ganz Österreich herrscht Angst vor einem neuen Arbeitszeitmodell, das ab Jahreswechsel gilt. „Wir müssen um weniger Geld mehr Überstunden machen, nur damit die Gewinne noch weiter ansteigen“, klagt ein Postler aus Oberösterreich, der lieber anonym bleiben will. „Wir werden ab Jänner wie Leibeigene auf Schritt und Tritt überwacht werden“, beschwert sich ein Kollege aus der Steiermark. Damit meint er die ab 2013 geplante Kontrolle der täglich geleisteten Arbeitszeit durch GPS-Ortungsgeräte. Es soll aber angeblich nicht dauerhaft aktiviert werden.

„Auf Post-Mitarbeiter wird seit Wochen massiver Druck ausgeübt“, erklärt Manfred Wiedner, FCG-Chef bei der Post AG. „Wer die neue Regelung nicht unterschreibt, wird mit finanziellen und beruflichen Nachteilen bedroht, etwa mit einem neuen Dienstort weit weg vom Wohnsitz oder mit dem Entfall von Begünstigungen.“

Wiedner lehnte das im vergangenen September von der Konzernleitung und Post-Betriebsratschef Helmut Köstinger von der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter beschlossene neue Arbeitsmodell ab. „Es bedeutet zu viel Verschlechterungen und wird zu weiteren Kündigungen führen“, so Wiedner.

„Wiedner hat das Modell mitverhandelt und ist dann abgesprungen, weil er glaubt, so im nächsten Jahr bessere Chancen bei den Personalvertretungswahlen zu haben“, vermutet dagegen Georg Pölzl, Vorstandschef der Post AG, im Gespräch mit profil. „Er macht uns die Leute rebellisch.“

Tour durch Österreich
Derzeit tourt Pölzl jede Woche mit Post-Personalchef Franz Nigl durch Österreich, um über die Vorteile des neuen Arbeitszeitmodells zu informieren. Im neuen „Ist-Zeit-Modell“ wird der jahreszeitlich schwankende Arbeitsaufwand durch einen 300-Stunden-Zeitkorridor ausgeglichen. Im Weihnachtsgeschäft geleistete Überstunden werden so mit in kürzeren Arbeitstagen im Sommer gesammelten Minusstunden gegenverrechnet. Erst wer mehr als 150 geleistete Überstunden nachweisen kann, bekommt diese auch ausbezahlt.
Eine neu geschaffene Dienstzulage von 216 Euro pro Monat wird alle bisher ausbezahlten Prämien wie für Katalogaus­tragung oder Reinigung der Dienstfahrzeuge ersetzen. Vorteil laut Post-Chef Pölzl: „Diese Zulage erhöht ab sofort auch die spätere Pension der Zusteller. Außerdem haben wir ein gerechteres Entlohnungsmodell geschaffen. Und wer schneller in seinem Rayon fertig ist, kann wie bisher früher nach Hause gehen.“ Zudem soll die zeitaufwändige Sortierung der Post am frühen Morgen in den Distributionszen­tren bald maschinell erfolgen.

Doch Briefträger kritisieren, dass das neue Ist-Zeit-Modell die halbe Stunde Mittagspause abschafft, die bisher Bestandteil der Dienstzeit war. „Briefträger werden künftig je nach Einstufung eine Arbeitswoche mit 42,5 oder 43,5 Stunden haben“, meint Wiedner, was sein roter Kollege Köstinger dementiert: „Es gilt weiter die 40-Stunden-Woche.“
Nach einem Gutachten der Beamtengewerkschaft sei aber die Abschaffung der Mittagspause als Arbeitszeit-Bestandteil ungesetzlich. Die Arbeiterkammer Tirol hat im vergangenen November in einem einstimmig angenommenen Antrag Finanzministerin Maria Fekter sowie den Aufsichtsrat von Post AG und Österreichischer Industrieholding AG aufgefordert, die weitere Einrechnung der bezahlten halbstündigen Mittagspause in die Dienstzeit sicherzustellen. Das neue Durchrechnungsmodell sei ungesetzlich.

"Durchsichtige Motive"
Da der Tiroler AK-Chef Erwin Zangerl früher Post-Personalchef in Tirol war, sei die Resolution „aus durchsichtigen Motiven“ erfolgt, so Post-Sprecher Michael Homola. Bisher hätten rund 60 Prozent der Briefträger das neue Arbeitszeitmodell unterschrieben. Wer dies nicht tue, müsse keine Sanktionen befürchten.

Doch Post-Personalchef Franz Nigl hat erst vergangene Woche Bereichsleiter angewiesen, die Heimfahrtgenehmigung mit posteigenen Fahrzeugen all jenen Mitarbeitern zu entziehen, die nicht am neuen Modell teilnehmen. Begründung: Das jeweilige Dienstende müsse mit dem neuen GPS-System, das Bestandteil des neuen „Gleitzeit- und Entlohnungsmodells“ sei, gemeldet werden. Auch andere Vergünstigungen für ältere Briefträger und Mitarbeiter mit Behinderung würden nur mehr im neuen System möglich sein.

Obwohl Post-Chef Pölzl das von seinem Vorgänger Anton Wais eingerichtete „Karriere-Center“, in dem langjährige Post-Mitarbeiter zu sinnentleerten Hilfsdiensten angehalten wurden, abgeschafft hat, setzt er den Personalabbau unbeirrt fort. Der Salzburger Post-Personalvertreter Kurt Friedl berichtet über die Kündigung einer 49-jährigen Mitarbeiterin nach 20-jähriger Anstellung bei der Post. Die Frau war schon vor einem Jahr von Vorgesetzten als Mitarbeiterin für die so genannte „C-Kategorie“ gemeldet worden, in die „als geistig oder körperlich ungeeignet“ eingestufte Mitarbeiter ausgesondert wurden. Nach Protesten wurde diese Praxis zwar offiziell aufgegeben. Doch Ende Oktober wurde die Alleinerzieherin gekündigt, mit dem alten Wirksamkeits-Datum März 2012. „Das ist der Beweis dafür, dass das menschenverachtende Mobbing nach wie vor existiert“, so Friedl.

Gleitzeit-Modell
Eine anonyme Klage bei den Krankenkassen im Zusammenhang mit früher ohne Aufzeichnung der Arbeitszeit gewährten Prämien war der Auslöser: Für Briefträger gilt ab 1. Jänner eine neue Betriebsvereinbarung zur Erfassung der Arbeitszeit. Um spätere Klagen abzuwehren, sollen alle Vertragsbediensteten und Angestellten im Zustelldienst einen Zusatz zu ihrem Dienstvertrag unterschreiben. Beamtete Briefträger müssen einen Antrag auf Eingliederung in das neue Gleitzeit-Modell (postintern PT8a genannt) stellen. Ein Zeitkorridor von je 150 Stunden soll die geringere Arbeitszeit im Sommer mit dem größeren Arbeitsanfall im Winter kompensieren.