Punkstörung

Pussy Riot, oder die Macht der ­Ohnmacht.

Von Tessa Szyszkowitz

Sie sollten kein Gesicht ­haben. Bei ihren Auftritten trugen sie Sturmmasken in verschiedenen Farben: Die Künstlerinnen von Pussy Riot wollten anonym bleiben, um den Bestand ihres Kollektivs gegen Verhaftungen abzusichern. Der Plan ging schief. Die Gesichter von ­Nadeschda Tolokonnikowa, 23, Maria ­Aljochina, 24, und Jekaterina Samutsewitsch, 30, sind weltberühmt, seit sie am 21. Februar nach einer Performance in der Moskauer Erlöserkirche verhaftet wurden. In einem „Punkgebet“ hatten sie 41 Sekunden lang gefordert: „Mutter Maria, erlöse uns von Putin!“ Der russische Präsident – und mit ihm 80 Prozent der Russen – fand das gar nicht lustig. Drei der jungen Frauen wurden verhaftet, zwei weitere sind untergetaucht.

Am 17. August wurden die drei Frauen zu zwei Jahren Gefängnislager wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ verurteilt. Im Oktober wurde Samutsewitsch unerwartet auf Bewährung freigelassen: Sie war zum Spektakel in der Kathedrale zu spät gekommen, eine Teilnahme konnte ihr somit nicht zur Last gelegt werden. ­Tolokon-
nikowa und ­Aljochina aber sitzen im Ural in Strafkolonien ein. Tolokonnikowa, deren stolzes und gelassenes Lächeln während des Prozesses die ganze Welt beein­druckte, näht jetzt Knöpfe auf Häftlingsuniformen.

Dabei wurde bei der Performance von Pussy Riot kein Gesetz gebrochen und kein Verbrechen begangen. Die Auftritte sind Teil eines Gesamtkunstwerks. Die Kraft des Punkgebets liegt in der beklemmenden Mischung aus mädchenhafter Albernheit und kreativer Regime­kritik. Mit Pussy Riot und Wladimir Putin stehen einander die zwei Seiten der russischen Seele gegenüber: Die Frauen setzen die Tradi­tion der Intelligenzija fort, der Präsident dagegen repräsentiert die eiserne Männermacht, die schon unter Zar und Stalin das Land prägte. Pussy Riot führen in ihrer scheinbar amateurhaften Machtlosigkeit das zunehmend autoritärer agierende Regime vor.

Nachdem das Video des Punkgebets 2,5 Millionen Mal im Internet angeklickt worden war, ließ ein Mos­kauer Gericht es im November verbieten; Webseiten, die das Video zeigen, werden in Russland künftig gesperrt. Der Staat wehrt sich mit allen Mitteln gegen die Mädchentruppe und wird damit, wie Tatiana Volkova, die Kuratorin von Pussy Riot, erklärt, zum „Teil der Performance“.