Rassismus: Ein Nigerianer wird in der Straßenbahn mit dem Messer bedroht

Ein Nigerianer wird in der Straßenbahn mit dem Messer bedroht und erlebt danach sein blaues Wunder mit der Polizei.

Der Kerl mit der Kappe auf dem kahl rasierten Schädel knallte die Füße auf den freien Sitz und brüllte, dass Schwarze nach Afrika gehörten und in der Straßenbahn kein Platz für sie sei. Das Nächste, was James Erebuoye sah, war ein Messer. Der Mann hatte es aus seiner Jacke gezogen und wäre damit auf den Nigerianer losgegangen, hätten seine Begleiter ihn nicht am Arm gepackt und am Zustechen gehindert.

Als er und sein Freund Steve E. bei der nächsten Haltestelle ins Freie sprangen, wartete hier bereits eine Dutzendschaft Beamter. Fahrgäste hatten die Polizei alarmiert, und es war wohl von allen Beteiligten erwartet worden, dass sie den Angreifer entwaffnen und die bedrohten Fahrgäste in Sicherheit bringen würde.

Ganz so kam es nicht.
Die Amtshandlung, die sich vorvergangenen Freitag am Wiener Urban-Loritz-Platz entspann, dürfte etwas vom Lehrbuch abgewichen sein. Denn am Ende gab es davon zwei Versionen, die an neuralgischen Punkten voneinander abweichen; ein Opfer, das behauptet, wie ein Verbrecher behandelt, verletzt, am Wachzimmer nackt ausgezogen und gedemütigt worden zu sein; zwei bis fünf Gramm Marihuana, die nicht zu Protokoll genommen wurden, und polizeiliche Aufzeichnungen, die wesentliche Fragen offenlassen.

Zunächst die Version des Opfers:
James Erebuoye sagt, einer der Polizisten habe sich von Anfang an nicht für den Angreifer interessiert, sondern für ihn. „Ausweis!“, habe er in barschem Ton verlangt. Der gebürtige Nigerianer habe seinen österreichischen Führerschein vorgewiesen, was der Polizist mit einer abfälligen Handbewegung quittiert habe. „Ausweis, hab ich gesagt!“ Er habe nicht verstanden, was der Beamte, der „sehr aggressiv“ aufgetreten sei, von ihm wollte. Schließlich habe dieser geschrien: „Das ist ein Ausweis für Österreicher, nicht für Schwarze!“

James Erebuoye lebt seit acht Jahren in Österreich, er gründete eine Eventagentur, die Reggae-Musiker vermittelt, arbeitet ­nebenbei als DJ – Künstlername MC PJ –, seine Veranstaltungen sind ordnungsgemäß angemeldet, er zahlt Abgaben und Steuern. All das habe den Polizisten nicht interessiert. „Österreich hat keine Grenze zu Afrika, wir brauchen solche Geschäftsbeziehungen nicht. Was haben Schwarze hier verloren?“, soll er geschimpft und James Erebuoye schließlich die Hand auf den Rücken gedreht und zum Kopf hinaufgedrückt haben, bis dieser gequält aufschrie.
So seien sie zum Wachzimmer marschiert: das Opfer der rassistischen Attacke in der Straßenbahn mit gekrümmter Körperhaltung und schmerzverzerrtem Gesicht; der Angreifer „ganz normal“. Als James Erebuoye den Beamten, der ihm die Hand auf den Rücken gedreht hatte, bat, ein wenig locker zu lassen, habe dieser gesagt: „Schwarze handeln mit Drogen. Das kann ich nicht leiden. Wenn es dir nicht passt, dann geh zurück nach Afrika“ – und den verdrehten Arm noch fester nach oben gedrückt.

Erst am Wachzimmer sei auch der rabia­te Glatzkopf nach seinem Ausweis gefragt worden. Der Angreifer erntete Lacher, als er sich für seine Attacke rechtfertigte: „Das Problem ist, dass die Gschissenen dauernd provoziert haben. Irgendwann ist es genug. Wir sind Österreicher. Wir lassen sich nicht dauernd aufs Hirn scheißen.“

 

Die Begleiter des Glatzkopfs bezeugten, dass er auf die schwarzen Männer losgegangen ist. Sie durften gehen. Der mutmaßliche Täter wurde in U-Haft genommen und wegen des Verdachts der versuchten absichtlichen schweren Körperverletzung angezeigt.

James Erebuoye sagt, er selbst habe dort wenig gesprochen. Seine Einvernahme lief zunächst ruhig ab. Ein Beamter tippte in den Computer, was Zeugen des Geschehens zu Protokoll gegeben hatten. Der Nigerianer brauchte nur zu bestätigen, was die Polizei bereits wusste. Zweimal haben Beamte die Tür geschlossen, doch immer wieder sei sie aufgegangen und Kollegen hätten hereingeschaut. Sie schienen das Ende der Einvernahme kaum erwarten zu können.

Plötzlich seien drei Polizisten im Zimmer gestanden. Was dann geschah, schildert James Erebuoye so: Einer hätte ihm bedeutet, leise zu sein, und ihm kräftig in den Schritt gegriffen. Er musste sein Mobiltelefon auf den Tisch legen, bevor sich, wie auf Kommando, die Beamten zu dritt an seinen Kleidern zu schaffen machten und ihn auszogen. Nackt habe er sich dann auf den Boden hocken müssen und sei anal nach Drogen untersucht worden. Ein Kollege habe währenddessen Bemerkungen über seinen „afrikanischen Schwanz“ gemacht. Gefunden haben sie nichts.

Lädierter Arm.
Als James Erebuoye seine Kleidung wieder anlegen durfte, habe man ihn „gebeten“, das Ganze nicht tragisch zu nehmen. Er müsse verstehen, dass Schwarze Drogendealer seien, und es gäbe ein „neues Gesetz“, das der Polizei erlaube, ihn zu durchsuchen. „Das nächste Mal, wenn es heißt: Ausweis, zeigen Sie nicht den Führerschein, das ist für Schwarze kein Ausweis“, habe ihm der Beamte, der ihm den Arm auf den Rücken gedreht hatte, zum Abschied mitgegeben.

Zu Hause merkte James Erebuoye, dass sein linker Oberarm anschwoll. Von Samstag auf Sonntag habe er in der Nacht vor Schmerzen kein Auge zugetan. Am nächsten Morgen war sein Arm so groß wie ein Fußball und passte nicht mehr in einen Hemdsärmel. Im Wiener Wilhelminenspital verordneten ihm die Ärzte Schonung, Schmerzmittel und eine physikalische Therapie.

In den Aufzeichnungen der Polizei steht kein Wort darüber, dass James Erebuoye, der von der Polizei als Zeuge einvernommen wurde, der Arm auf den Rücken gedreht worden sein soll, dass man seinen Führerschein nicht als „Ausweis für Schwarze“ akzeptiert habe, dass man bei ihm nach Drogen gesucht und ihn nackt ausgezogen habe. Doch James Erebuoye konnte einen Teil des Geschehens am Wachzimmer auf seinem Mobiltelefon mitschneiden. Auf dem Audiofile, das profil vorliegt, ist deutlich zu vernehmen, dass der Beamte am Ende seiner Zeugeneinvernahme zu ihm sagt: „Die Kollegen wollen bei Ihnen noch eine Personsdurchsuchung machen.“ Deutlich zu hören ist auch noch der Tumult im Wachzimmer.

 

Unklar ist, wie die Polizei auf die Idee kam, es könnte ihnen mit James Erebuoye ein Drogenhändler in die Fänge geraten sein. Bei seinem Bekannten haben sie eine geringe Menge Marihuana „gefunden“. Die Polizei spricht von fünf Gramm. Doch auch diesen Part stellt der Nigerianer anders dar: Sein Bekannter sei seit zwei Jahren verheiratet und warte auf den Abschluss seines Asylverfahrens. Er habe im Leben Stress und könne am Abend oft nicht einschlafen. Deshalb kiffe er ab und zu, es sei für ihn eine Art „Medizin“. Das habe sein Bekannter am Freitag vor zwei Wochen einem Polizisten am Wiener Urban-Loritz-Platz erzählt. Und er habe diesem das Marihuana, das er in seiner Hosentasche hatte, gezeigt und ausgehändigt. „Das waren höchstens zwei Gramm“, behauptet James Erebuoye. Sein Bekannter sei später noch nach weiteren Drogen durchsucht worden. Fest steht, dass nach Bekanntwerden der profil-Recherchen Steve E. aufgefordert wurde, am Wachzimmer Urban-Loritz-Platz zu erscheinen und ein „Protokoll“ zu machen. Worüber und warum so spät?

Im Polizeiakt wird James Erebuoye als unwilliger Zeuge dargestellt. „Ich bin ein freier Mann, ich gebe meinen Ausweis nicht her“, habe er gesagt. Und: „Ich werde nur kontrolliert, weil ich schwarze Hautfarbe habe.“ Außerdem habe er heftig gestikuliert und sein Verhalten auch dann nicht eingestellt, als die Beamten ihn abgemahnt hatten. Nun soll er wegen aggressiven Verhaltens angezeigt werden.

Das versteht James Erebuoye nicht.
„Viele Leute haben gesehen, wie die Polizei mit mir umgegangen ist“, sagt er. Er erinnert sich an eine Frau aus der Straßenbahn. Sie habe dem Polizisten, der ihm den Arm verdreht habe, klarzumachen versucht, dass er den Falschen im Griff halte, und auf den Angreifer gezeigt. Man habe sie nicht beachtet. Schließlich sei sie schimpfend und kopfschüttelnd weg­gegangen.

Die Polizei hat die Adressen einiger Zeugen notiert. Geht es nach dem Polizeisprecher Manfred Reinthaler, wird man sie vielleicht bald fragen, was sie gesehen haben: „Wir nehmen solche Vorwürfe immer sehr ernst, leiten sie an die Staatsanwaltschaft und lassen sie von einer eigenen Dienststelle im Haus untersuchen.“