Schilcher und Erdäpfel

Vor 40 Jahren erschien ein Klassiker der österreichischen Gegenwartsliteratur: die Satire „Aus dem Leben Hödlmosers“. Das Etikett „Anti-Heimatroman“ hält Autor Reinhard P. Gruber bis heute für einen Witz.

Reinhard P. Gruber wollte nie Schriftsteller werden. Seine Karriere ist das Ergebnis von Zufällen, die auch mit Selbstmorddrohungen und unverhofften Telefonanrufen zu tun haben. Als junger Mann ging Gruber ins Kloster. Grubers Vater, ein überzeugter Linker, drohte daraufhin mit Suizid. Der Autor, bereits damals mit einer Mischung aus Eigensinn und Sturheit ausgestattet, trat dennoch den Rückzug ins Konvent an. Wenig später übersiedelte er zum Studieren nach Wien und notierte aus Jux eine Episode von wenigen Schreibmaschinenseiten über die Derbheit des Landlebens, die bald darauf in einer Grazer Literaturzeitschrift publiziert wurde.

Dann läutete in Grubers WG das Telefon. Der Salzburger Verleger Wolfgang Schaffler bestellte den Roman auf Verdacht zum Vorabdruck. 1973 erschien „Aus dem Leben Hödlmosers“ schließlich, ein, so der Untertitel, „steirischer Roman mit Regie“, dessen Veröffentlichung zum skurrilen Skandal geriet. Das Buch über das Leben und Saufen und Sterben des Dorftrottels Hödlmoser machte, obwohl merklich in satirisch bis sarkastischem Ton verfasst, Lehrer zu hasserfüllten Leserbriefschreibern und Bauern zu Agitatoren. Die Wände von Grubers Elternhaus im obersteirischen Fohnsdorf wurden beschmiert, das Wort vom „Nestbeschmutzer“ kursierte, Grubers Vater wagte sich nicht mehr ins Wirtshaus.

Kürzlich wurde zu Ehren des Autors in Fohnsdorf ein „Hödlmoser“-Wanderweg eröffnet. „Bei der Einweihung herrschte Massenandrang“, sagt Gruber, heute 66, rot-weiß-rot kariertes Hemd, aufgestülpte Jeans, ein Glas Wasser vor sich auf dem Tisch. Er sitzt auf der massivhölzernen Eckbank in der Küche seines Hauses mit der zart orangefarbenen Fassade, direkt an der sogenannten Schilcher-Straße, einer Weinverköstigungsroute in der Weststeiermark. Seit 1977 lebt er in Wald Süd nahe der Ortschaft Stainz mit dem Ungetüm aus mattschwarzem Plastik im Zentrum, das einen Trachtenhut darstellen soll. Gruber, kein Mann großer und vieler Worte, freut sich über den nach seinem Protagonisten benannten Pfad. Über die Bezeichnung „Anti-Heimatliteratur“, unter der sein nach wie vor bekanntestes Buch seit Jahrzehnten firmiert, ärgert er sich: „,Aus dem Leben Hödlmosers’ ist reine Satire, Zertrümmerung der Klischees aus Heimatschundheften, eine rein an Sprache interessierte Bloßstellung literarischen Schubladendenkens.“

Die „Kronen Zeitung“ rückte 1973 aus, um das vermeintlich reale Vorbild der Romanfigur ausfindig zu machen. In Fohnsdorf wohnte zu jener Zeit tatsächlich ein Mann desselben Namens, der mit dem Roman indes nichts zu tun hatte. Das Foto erschien dennoch in der „Krone“: Herr und Frau Hödlmoser, vertieft in die „Hödlmoser“-Lektüre. Darauf klingelte abermals das Telefon in Grubers Wohngemeinschaft. Am anderen Ende der Leitung: „Krone“-Chef Hans Dichand, der Gruber einen fürstlich dotierten Job im Kulturressort der steirischen Lokalausgabe der Zeitung anbot. Ende 1973 übersiedelte Gruber nach Graz, arbeitete einige Jahre als Journalist, schrieb nebenher für die Schublade und fand Aufnahme im losen Kreis der Grazer Künstlergranden rund um den Poeten Wolfgang Bauer, einen Virtuosen in Sachen Maulheldentum und Alkoholexzesse.

Trockenes Brot
Das Beispiel Bauer warnte Gruber, dass ständiges Zechen bisweilen letal endet. „Der Abgang aus Graz hat mir das Leben verlängert“, ist sich Gruber heute sicher. Damals entdeckte Gruber auch die Malerei von Peter Pongratz, der sich schon früh mit der Stammeskunst der indigenen Völker Ozeaniens auseinandergesetzt hatte. „Man muss Stil und Thema seiner Arbeiten immer wieder radikal ändern und infrage stellen, sonst wird man zum Kunsthandwerker, der an der immer gleichen Tonscherbe herumkratzt“, erinnert sich der Schriftsteller an die nachhaltige künstlerische Erschütterung der Grazer Zeit.

Das Mittelinitial in seinem Namen ist eine der wenigen Extravaganzen, die sich Gruber leistet. Bodenständigkeit und Bescheidenheit – so lautet sein Programm. Als Autor, sagt er, müsse man halt den Gürtel enger schnallen, die Verdienstmöglichkeiten seien gering, an der Kunst führe freilich kein Weg vorbei: „Kunst ist Kampf um Innovation und Erneuerung.“ Durch seine Maulfaulheit und die sparsamen Gebärden wirkt Gruber oft wie ein etwas tapsiger Ringer, dem der kugelrunde Kopf schwer auf den breiten Schultern sitzt. Gruber hat sich noch nie gern öffentlich zu Wort gemeldet – und wenn, dann nur auf wiederholte Bitten von Zeitungen und Zeitschriften. „Ich passe nicht überall hin, und ich gehe nicht überall hin, ich hatte nie den Ehrgeiz, ständig präsent zu sein“: So definiert er den geringen Radius seines öffentlichen Wirkens abseits der Literatur.

Mit Konsequenz hat Reinhard P. Gruber sein Werk bis heute erweitert, in dem sich zahllose literarische Formen und Themen finden, verfasst in typischer Gruber-Manier der satirischen Verzerrung der Wirklichkeit mit dem Ziel der besseren Kenntlichmachung ihrer Strukturen: Koch- und Kinderbücher finden sich im Werkkatalog des Autors ebenso wie Amerika-Berichte und Manifeste über die Abgründe der Arbeit; bei acht Bänden hält die Gruber-Gesamtausgabe bei Droschl derzeit, einige Bücher sollen noch folgen. Erst jüngst erschien „Einfach essen!“, Grubers Fibel für den kulinarischen Genuss, die Butterbrot, Polenta und Erdäpfel feiert: „Das trockene Brot: Wer hat es das letzte Mal gegessen?“

Dennoch ist Gruber auf dem Land nie ganz heimisch geworden. Den „Hödlmoser“, so vermutet der Autor, haben seine langjährigen Stammtischfreunde im „Rauch-Hof“ in Wald Süd, dem einzigen Wirtshaus der Umgebung, gleich vis-à-vis von seinem Haus, bis heute nicht gelesen. Immerhin sei das „Schilcher-ABC“, Grubers Liebeserklärung an den ortstypischen Wein, der keine lange Lagerung verträgt, im Ort ein Begriff.