Salzburger Festspiele: Schauspielprogramm mit Problemen

Das Problem des Schauspielprogramms der Salzburger Festspiele 2013 ist sein Spartenleiter, der mit Kinderaugen in die Welt blicken möchte. Leider verzichtet Sven-Eric Bechtolf auf kindliche Anarchie.

Am schönsten ist der traditionsreiche „Jedermann“ auf dem Salzburger Domplatz stets, bevor die Vorstellung beginnt. Majestätisch und furchteinflößend türmt sich die imposante Barockkirche vor einem auf, gnadenlos brennt die Sonne auf die Köpfe der zahlungskräftigen Besucher nieder. Selbst ein Hut schützt nicht vor Sonnenstichen. Gut, wenn man da den Überblick bewahrt. „Das da vorne ist die Bühne“, erklärt ein Theaterkenner seiner Begleiterin, die im nude-farbigen Stretchkleid zur Jedermann-Besichtigung angereist ist.

Außerdem: Promi-Alarm! Sitzen dort in der ersten Reihe nicht Schlagerstar Jürgen Drews und seine Frau? Den wirkungsvollsten Auftritt aber legt Sexkolumnistin Gerti Senger hin. Als reichte ihre modisch gewagte Kombination aus weißen Cowboyboots und rotem Strohhut nicht, erscheint sie, ganz Profi, wenige Sekunden vor Vorstellungsbeginn. Das ist Salzburg, allen Krisen zum Trotz: Man führt die neueste Salzburger Tracht aus, selbst wenn man aus Norddeutschland kommt.

Moralinsaures Vers-Geklappere
An den „Jedermann“, die Cashcow der Festspiele, ästhetische Maßstäbe legen zu wollen, ergibt ungefähr so viel Sinn, wie in eine Fastfood-Kette essen zu gehen und sich dann zu beschweren, dass die Zutaten nicht ganz frisch waren. Das Stück ist und bleibt moralinsaures Vers-Geklappere, da können die fürstlich bezahlten Darsteller den Text noch so lange schönreden. Für den „Jedermann“ gilt die goldene Regel des Tourismus: Location, Location, Location. Hauptdarsteller ist der Domplatz – dazu kommen die zufällig am Himmel auftauchenden Hubschrauber, die aufgeschreckten Tauben und das langsame Sinken der Sonne. Nicht zu vergessen: das Läuten der schweren Kirchenglocken. All das ist stets aufs Neue beeindruckend. Der Rest ist biederes Kalenderspruch-Theater, für das man Sitzfleisch braucht. In der aktuellen Neufassung des texanisch-britischen Regie-Duos Brian Mertes und Julian Crouch werden gigantische Puppen aufgefahren, die Buhlschaft (Brigitte Hobmeier überzeugt als Energiebündel) fährt Rad, und ein sehr schnell geläuterter Jedermann wird am Ende tatsächlich mit Erde begraben.

Stirb endlich, Langeweiler!
Der „Jedermann“ als Gaukler-Show, das passt perfekt in das Konzept des Schauspielchefs Sven-Eric Bechtolf, der sich in Interviews zwar gern streitbar und arrogant gibt, im Kern aber recht naiv zu sein scheint. Bechtolf sucht den Blick des Kindes auf die Welt. Er will im Theater staunen. Er möchte sich verzaubern lassen. Deshalb ist der „Jedermann“ jetzt noch niedlicher. Man merkt der Inszenierung an, dass Crouch auch Musicals inszeniert. Die größte Schwachstelle dieser etwas glatten Show aber ist der neue Jedermann: Cornelius Obonya hat nicht viel mehr als eine kräftige Stimme. Hier ist alles Technik, nichts Persönlichkeit. Obonya wirkt oft selbst wie eine lebensgroße Puppe, so berechenbar ist sein Bewegungsrepertoire. Man sieht sich schnell satt an diesem Bühnen-Biedermann und denkt: Stirb endlich, Langeweiler!

Bechtolf möchte in die Theaterannalen als großer Kindskopf eingehen, als einer, der die edlen und elitären Festspiele in ein breitenwirksames Kindertheater-Eldorado verwandelt. Die Macht des Staunens zieht er sperrig-intellektueller Überforderung vor. Egbert Tholl, Theaterkritiker der „Süddeutschen Zeitung“, merkte in seiner „Jedermann“-Kritik bissig an, dass Bechtolf, wenn er schon den staunenden Kinderblick annehme, man doch lieber ein Kind hätte, das „ein bisschen ungezogen“ sei. In der Tat: Die Festspiele erscheinen heuer sehr brav, sehr absehbar: ein Programm ohne Eigenschaften. Einmal mehr ist das Burgtheater zu Gast, Matthias Hartmann zeigt auf der Perner-Insel eine Preview seiner Herbstpremiere, den Nestroy-Klassiker „Der böse Geist Lumpazivagabundus“. Warum ist es in Salzburg eigentlich mittlerweile selbstverständlich, jedes Jahr eine Burgtheater-Inszenierung einzuladen? Sonderlich kreativ wirkt das nicht.

Hartmann beginnt die neue Saison, wie er die alte beendet hat: reichlich uninspiriert. Erneut hat er ein Stück gewählt, das nicht oft auf dem Spielplan steht, um dann die Antwort schuldig zu bleiben, warum man es überhaupt inszenieren sollte. Das kann Hartmann gut: wiederentdecken ohne Idee. Früher war die Perner-Insel in Hallein der Festspielort des Experiments; schade, dass davon abgegangen wurde. Hartmanns „Lumpazivagabundus“ ist Klamauk-Theater, das sich von den unzähligen Sommertheaterinszenierungen, die sonst eher auf Burgen, Schlössern und Seen stattfinden, kaum unterscheidet. Nicholas Ofczarek gibt als Schuster Knieriem den melancholischen Trinker, der versteht, das Publikum zum Mitschunkeln und Mitsingen zu animieren. Michael Maertens legt seinen geckenhaften Zwirn als aberwitzige Kunstfigur an, und Florian Teichtmeister gestaltet den Tischler Leim ganz aus der Volkstheatertradition. Man könnte meinen, dass die drei Taugenichtse, die unter keinen Umständen gutbürgerliche Spießer werden wollen, dem Bauernthea-ter entsprungen seien. Die Löwinger-Bühne lässt grüßen. Die Fee Fortuna wird von Maria Happel als Angela-Merkel-Double angelegt. Man wird nicht recht schlau aus dieser launigen Inszenierung, die von allem ein bisschen möchte, aber nichts zu Ende denkt: Soll sie die Biederkeit der Sesshaften ironisieren? Die Verzweiflung der Außenseiter zeigen? Oder vielleicht doch die Anarchie der Anti-Kapitalisten feiern, die lieber Party machen, als Geld zu akkumulieren? Der Abend nimmt sich endlos viel Zeit für Witzchen und Kalauer, aber grundsätzliche Fragen stellt er kaum.

Auch Michael Thalheimer, dieser radikale Stücke-Verdunkler, enttäuschte mit seiner Version von Schillers Glaubensdrama „Die Jungfrau von Orleans“ . Er legte den rasanten Aufstieg und tiefen Fall eines streitbaren Bauernmädchens, das göttliche Stimmen zu hören glaubte und für den französischen König in den Kampf gegen die Engländer zog, als große Innerlichkeitsstudie an. Wie festgenagelt steht die zierliche Schauspielerin Kathleen Morgeneyer im weißen Hemd an der Bühnenrampe und imaginiert kurz vor dem Tod ihre heldenhaften Taten herbei. Thalheimers Kopftheater krankt daran, dass diese Johanna eine eher schematische Erinnerung zu haben scheint: Viele Figuren sind bloß Stichwortgeber, bleiben Abziehbilder ihrer selbst. Morgeneyer beeindruckt zwar durch ihren festen, dunklen, nüchternen Tonfall, der sie vor Kitsch schützt, dennoch lastet die Regie dem komplexen und problematischen Text (Stichworte: Nationalismus und Glaubenskrieg) viel Pathos auf, indem er ihn im luftleeren Raum spielen lässt. So wird auch dieser Abend unfreiwillig zu einer Art Puppentheater, in dem sich aus dem Dunkel des Bühnenraums Soldaten und andere Zombies langsam nach vorne schieben, um kurz zu brüllen und dann wieder zu verschwinden.

So bleibt nur das Young Directors Project, der Nachwuchswettbewerb der Festspiele, um Entdeckungen zu machen. In dieser Nebenschiene werden innovative Spielformen ausprobiert. Zum Auftakt war die Londoner Gruppe 1927 zu Gast, die für Shows bekannt ist, die an der Ästhetik expressionistischer Stummfilme geschult sind. „The Animals and Children Took to the Streets“, 2010 erstmals zu sehen und seitdem auf Tour, hat etwas von den exzentrischen Filmen Tim Burtons: In einem Problemviertel proben Kinder den Aufstand, bis eine süße Wunderpille sie willenlos macht. Die Anrainer sind sich einig: eine gewaltige Verbesserung! Trotz sozialer Sujets ist die Inszenierung leichtfüßig, man setzt auf liebevolle Retro-Ästhetik, spart nicht mit britischem Humor und mitreißender Musik. Aber so geschmeidig die Geschichte abläuft, so putzig und harmlos bleibt hier alles. Und die rebellischen Kinder sind bloß niedlich gezeichnete Strichmännchen.

Symptomatisch für diese Saison: So kindisch kann man gar nicht sein, um sich vom heurigen Salzburger Schauspielprogramm nicht unterfordert zu fühlen.