"Soll ich körperliche Gewalt anwenden?"

Ein Wiener Polizist beschimpfte, verletzte und verhaftete eine Falschparkerin. Zwei Passantinnen wollten dabei nicht wegschauen. Nun wird gegen den Beamten ermittelt.

Der Tag fing nicht gut an. Weit und breit nichts, was sich als Parkplatz eignete. Nur vor der Polizeistation in der Wiener Goethestraße war noch alles frei. Daria S.*, eine Frau mit praktischem Verstand, kurbelte das Fenster herunter und fragte einen Polizisten, der gerade aus einem Auto stieg, ob sie hier parken dürfe. Sie begleite eine Freundin zu einer Einvernahme. Der Uniformierte musterte sie grimmig: „Nein!“, beschied er. Die Zeit drängte. Nach einer weiteren vergeblichen Runde rief Daria S. den Beamten W. an, der drinnen im Wachzimmer auf sie wartete. Er zeigte sich gnädig: „Kein Problem, stellen Sie sich hin!“ Sie ließ ihr Auto vor der Polizeistation stehen, ging mit ihrer Freundin hinein, die Einvernahme begann. Plötzlich stand der grimmige Beamte von vorhin in der Tür: „Ich habe doch gesagt, dass Sie hier nicht stehen dürfen.“

Gegen die Wand.
Es interessierte den Polizisten wenig, was ein anderer erlaubt hatte. „Er war auf tausend, hat mich und den Kollegen beschimpft“, sagt Daria S. Sie sei hinausgegangen, um ihr Auto wegzufahren, er habe mit einer Anzeige gedroht, sie habe eine Anzeigenbestätigung verlangt: „Fahren S’ sofort weg, oder soll ich körperliche Gewalt anwenden?“, habe er gesagt.

Die Lage kippte ins Bedrohliche. Zwei Passantinnen blieben erschreckt stehen. Der Beamte habe geschrien: „Sie widersetzen sich österreichischen Gesetzen! Sie sind festgenommen!“ Die Frau: „Wie bitte? Was habe ich getan?“ Er: „Gemma!“ Daria S. sagt, der Beamte habe ihren linken Arm auf den Rücken gedreht und sie mit Wucht gegen die Hauswand gestoßen. „Du bist festgenommen! Ich werde dir zeigen, wie man sich benimmt!“

Die Zeuginnen mischten sich ein: „Lassen Sie die Frau los!“ Der amtshandelnde Beamte bellte zurück: „Wer seids ihr?“ Später habe er versucht, die Passantinnen einzuschüchtern: „Seids ihr euch ­sicher, dass ihr als Zeuginnen ­gehen wollt?“, habe er gefragt. ­

Daria S. sagt: „Ich bin mir vorgekommen wie im falschen Film.“ Der Beamte habe auch dann nicht aufgehört zu schreien, als er längst ihren Personalausweis in Händen hielt: „Welche Staatsbürgerschaft haben Sie?“ In ihren Papieren steht „Österreich“. Daria S. ist in Teheran geboren, lebt seit ihrem vierten Lebensjahr in Wien, spricht perfekt Deutsch. Doch dem Polizisten gefiel das nicht: „Antworten Sie!“

Brüllerei.
Er sei äußerst aggressiv aufgetreten, habe ihr aus nächster Nähe ins Gesicht gebrüllt, sagt Daria S. Im Wachzimmer habe er ihr eine Zigarette, die sie sich angezündet habe, aus der Hand gerissen: „Hier wird nicht geraucht!“ Der Dienststellenleiter rief den Journaldienst an. Daria S. hörte ihn „Falschparken“ und „laut und hysterisch“ sagen. Offenbar fand man am anderen Ende der Leitung diese Begründung nicht überzeugend, denn der Beamte habe sich zu ihr umgedreht: „Sie sind entlassen!“ Warum sie überhaupt verhaftet worden sei, wollte die Frau nun wissen: „Weißt was, ich hab schon Leute verhaftet, da hast du noch in die Windeln geschissen.“

Daria S. rief ihren Anwalt Andreas Greger an. Er sagt, seine Mandantin habe ins Telefon geschluchzt, er habe zunächst kein Wort verstanden. Als er im Wachzimmer Goethestraße eintraf, sei es dort „mucksmäuschenstill“ gewesen. Daria S. wartete in einem Café auf ihn. Bis heute kann die Frau nicht fassen, dass keiner der Polizisten, die an diesem Tag Dienst in der Goethestraße machten „und genau mitbekommen haben, was passiert ist, irgendetwas gemacht haben, um die Lage zu beruhigen“. Die Einzigen, die nicht weggeschaut hätten, seien zwei Passantinnen gewesen.