„Sterben ist leicht“

Interview. Mit einer Todesstudie vollendet der österreichische ­Schriftsteller Gerhard Roth nach drei Jahrzehnten und 6000 Seiten sein ­Monumentalwerk – die Zyklen „Archive des Schweigens“ und „Orkus“. Ein Gespräch über Schreiben als Sucht, ungerechtfertigte Steuerprüfungen, die Parallelwelt Bibliothek und die Beschriftung des Roth’schen Grabsteins.

profil: „Orkus“, der Abschlussband Ihres 1980 mit „Der Stille Ozean“ initiierten Langzeiterzählprojekts, ist autobiografisch grundiert. Nähere Einblicke in Ihr Leben gewähren Sie darin dennoch kaum. Haben Sie etwas zu verbergen?

Roth: Ja. Gerade Schriftsteller ziehen in ihre eigene Geschichte gern Zeitgenossen hinein, darunter ehemalige Freundinnen und Feinde, die noch am Leben sind. In meinem Buch wuchert das Private deshalb nicht, es ist eher eine Art Selbstporträt: der Versuch, das Denken eines Schriftstellers beim ­Schreiben abzubilden. Gleichzeitigkeit lässt sich dabei schwer herstellen, deshalb ist der Band in Form eines Tagebuchs ohne Datum angelegt – und versammelt die entscheidenden Elemente, die mich während der Arbeit an den Zyklen „Die Archive des Schweigens“ und „Orkus“ beschäftigten.

profil: In dem Buch „Orkus“ treten auch Personen der Zeitgeschichte wie der Bombenbastler Franz Fuchs neben fiktiven Figuren aus Ihren früheren Romanen auf. Wie verträgt sich das?

Roth: Fiktionen und Fakten sollen sich mischen, es tauchen Tatsachen auf, die erfunden scheinen, und Annahmen, die wahr sein könnten. Das Buch zielt darauf ab, eine Wahrheit zu zeigen, die durch das rein Dokumentarische nicht belegt werden kann. „Orkus“ ist fast ganz aus dem Gedächtnis heraus geschrieben. Während der Arbeit daran schlug ich nur in Ausnahmefällen Details in den bereits erschienenen Teilen nach.

profil: Das Werk ist also getan. Werden Sie Ihren Lebensabend nun als Pensionist genießen?

Roth: Das geht schon deswegen nicht, weil Schreiben eine Sucht ist. Man kann auch nicht sagen: Ein Trinker geht in Pension. Der säuft weiter, auch auf die Gefahr hin, dass es ihm massiv schadet. Wahrscheinlich werde ich so lange arbeiten, wie ich nur kann. Ein dritter Zyklus dürfte sich dennoch kaum ausgehen, höchstens eine Mini-Ausgabe mit Teilen von maximal fünf Seiten Buchumfang. Ich habe zudem gerade eine monatelange ärztliche Behandlung hinter mir. Mit der bisherigen Arbeit habe ich mich wohl übernommen, weil ich unbedingt vor meinem 70. Geburtstag fertig sein wollte.

profil: Betrachten Sie den siebenbändigen Erzählkomplex „Die Archive des Schweigens“ (1980–1991) und die acht Bände des Zyklus „Orkus“ (1995–2011) als Ihr Lebenswerk?

Roth: Die 15 Bücher sind meine literarische Doppelhelix, diese Werke greifen und fließen ineinander. Für mich sind die Zyklen seit Jahrzehnten ein immens wichtiger Teil meines Lebens. Nun verlasse ich eine Welt mit Figuren, die für mich fast wie menschliche Wesen waren. In Gedanken habe ich mich mit jeder von ihnen beschäftigt, sodass sie, in meinem Kopf, beinah ein Eigenleben führten …

profil: … welches Sie mit einem Federstrich jederzeit hätten beenden können.

Roth: Wenn ich einen einzelnen Roman schreibe, bin ich gleichsam Gott über meine Geschöpfe. Sobald man jedoch auf ein weiter entferntes Ziel zusteuert, sind die Romanfiguren wie Angestellte in einem Büro.

profil: Wann haben Sie erstmals bemerkt, dass Sie vom Schreiben abhängig sind?

Roth: In der Mittelschule. Mit 15 musste ich meine Aufzeichnungen zu Hause verstecken, damit niemand lesen konnte, was ich geschrieben hatte. Ich erinnere mich an ein Gefühl des Beobachtetwerdens: Wir lebten damals zu sechst in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung. Einen eigenen Kasten besaß ich nicht, deshalb musste ich meine Notizen in der kleinen Hausbibliothek verbergen. Ich schrieb auch Tagebuch, es entstanden erste literarische Versuche, die mein Vater jedoch ohne mein Wissen verbrannte. Meine Großmutter sagte mir allerdings schon von Kindheit an mit ihrem vom ­Tourette-Syndrom zuckenden Gesicht: „Du bist ein Künstler!“

profil: Wie schwer fiel es Ihnen später, das Familienleben mit Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit in Einklang zu bringen?

Roth: Es herrschte meist Disharmonie. Bereits während des Medizinstudiums setzte ich mich in die Universitätsbibliothek, vorgeblich um zu lernen, tatsächlich um zu ­schreiben: Schwindeln und Verstellen war an der Tagesordnung. Mit 21 war ich bereits verheiratet, Familienvater und ein paar Jahre später im Grazer Rechenzentrum beschäftigt. Zu jener Zeit kam der Wunsch, Schriftsteller oder Maler zu werden, einer vorprogrammierten familiären Katastrophe gleich. Die Eltern waren entsetzt, wollten einen von diesem obskuren Weg abbringen. Damals schrieb ich in der Nacht, an den Wochenenden, im Urlaub.

profil: Hätten Sie auf Ihre Kinder verzichten mögen?

Roth: Niemals. Sie waren und sind die Nabelschnur, die mich ans Leben bindet. Inzwischen erhalte ich von meinen Enkelkindern wichtige Informationen über unsere Zeit: Ich kann, und das in meinem Alter, mit Spielkonsolen ebenso umgehen wie mit Handy und iPad.

profil: Teile der „Archive des Schweigens“ entstanden in der Südsteiermark, in einem Haus ohne Wasser und Heizung. Betrachten Sie den Beginn Ihrer Karriere bereits in sentimentalem Licht?

Roth: Überhaupt nicht. Ich lebte damals mit meiner späteren Frau Senta wie die ärmeren Leute aus der Region. Dadurch kam ich mit den Menschen aber leichter ins Gespräch, die sich vermutlich dachten: Der hat nichts, der ist nichts, und der kann nichts. Bald empfand ich eine unglaubliche Freiheit: Ich stand in der Früh auf, packte meinen Rucksack und steckte Notizbuch und Kamera ein. Es war ein ungeheures Gefühl, ein Buch ­schreiben zu können, ohne nebenher einer Erwerbsarbeit nachgehen zu müssen. Im ­Rechenzentrum tröstete mich noch der ­Gedanke, dass Kafka zeitlebens Beamter war – und dennoch großartige Literatur schrieb. Wie hätte ich mich daher beklagen können!

profil: Inwiefern hat die Zeit im südsteirischen Dorf Obergreith Spuren bei Ihnen hinterlassen?

Roth: Auf dem Land bleibt nichts verborgen. Die Verstorbenen wurden noch in den Häusern aufgebahrt; war einer vorbestraft, so wusste dies bald der ganze Ort. Im Unterschied zur Stadt fanden aber keine Gespräche über Liebeserlebnisse statt. Auf erotischem Gebiet herrschte Stillschweigen, dennoch wusste man alles. Ich habe seinerzeit viel über das Leben erfahren.

profil: Laufen Sie nicht Gefahr, die damaligen Verhältnisse zu idealisieren?

Roth: Nein. Ich machte mir Notizen über das Leben, das Denken, die Sprache der Menschen dort, das Wissen, das im Umlauf war: Todesfälle, Selbstmorde, gerichtliche Prozesse, Verstrickungen während der NS-Zeit. Meinen Standpunkt zum Nationalsozialismus hielt ich dabei immer aufrecht, und ich habe mich auch nie der allgemeinen Meinung angepasst. Mit der Zeit wurde das akzeptiert: Der ist halt so.

profil: Mehr als 30 Jahre Arbeit steckt in den Romanzyklen. Ihr Verlag hielt Ihnen die ganze Zeit über die Treue?

Roth: Fischer glaubte immer an mich. Der Verlag überwies mir Vorschüsse, die ich zurückzahlen musste. Nach Beendigung der Arbeit an den „Archiven des Schweigens“ hatte ich mehr als 1,5 Millionen Schilling Schulden angehäuft – die ich dem Verlag durch Buchverkäufe, TV-Rechte und die Verfilmung des „Landläufigen Tods“ schließlich zurückzahlen konnte.

profil: 1995 gerieten Sie aber in Konflikt mit dem Finanzamt.

Roth: Dabei handelte es sich um eine parteipolitisch motivierte Racheaktion, den Versuch, mich geistig zu erledigen, mich mundtot zu machen. Als „Der See“, der erste Teil des „Orkus“-Zyklus, 1995 erschienen war, missverstand die FPÖ absichtlich eine Stelle des Romans als Aufforderung, Haider zu ermorden. Zwei Wochen darauf wurde ich, wie aus dem Nichts heraus, einer Steuerprüfung unterzogen, die schließlich eine Finanzschuld von 650.000 Schilling ergab, weil alles, was ich in den betreffenden drei Jahren steuerlich abgeschrieben hatte, abgelehnt wurde: Bücher, Fotomaterial, Reisekosten, Videos, Zeitungsabonnements, also alles, was mit meinem Beruf ursächlich zu tun hatte. Ein Prüfer des Finanzamts kon­trollierte als Erstes die Bibliothek in meinem Haus in der Steiermark. „Haben Sie das alles gelesen?“, wollte er wissen. Darauf antwortete ich, dass eine Bibliothek einem Weinkeller vergleichbar sei – man trinke auch nicht alle Flaschen, die in einem Keller stünden.

Darauf blickte der Steuerfahnder zum Fenster hinaus mit der Bemerkung: „Warum gehen Sie nicht lieber spazieren, als Ihre Zeit in diesem Bücherspeicher zu verbringen?“ Dann wollte er wieder wissen, wo genau jedes Buch stehe. „Wir spielen hier nicht ,Wetten, dass …?‘“, erwiderte ich. Nach einer Stunde forderte ich den Prüfer auf, mein Haus umgehend zu verlassen. Schließlich musste ich, aufgrund einer späteren Prüfung des Finanzministeriums, statt der angedrohten halben Million „nur noch“ 66.000 Schilling an Steuern zurückzahlen.

profil: Als Schriftsteller scheinen Sie zuweilen selbst wie ein Beamter zu verfahren: Sie sammeln, protokollieren, registrieren, werten aus.

Roth: So sehe ich das überhaupt nicht. Ich bin einfach in das Material verliebt. Zu Notizbüchern, Fotoalben, Büchern pflege ich ein Herzensverhältnis, da gibt es nichts, was ich in eine Schachtel werfe oder achtlos liegen lasse. Ich bin auf Notizen genauso angewiesen wie auf meine Bibliothek: Das ist die Parallelwelt, die Tür zu meiner Kopfwelt, die ich zuweilen interessanter finde als das Leben außerhalb. Ohne diesen Textkosmos ginge ich zugrunde. Bücher vermitteln mir ein Gefühl der Unabhängigkeit, sie sind Schutz gegen das Leben. Bei Arztbesuchen habe ich immer ein Taschenbuch eingesteckt.

profil: Leben Sie seit dem Verkauf Ihres Vorlasses 2001 zumindest in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen?

Roth: Die Sicherheit ist eine scheinbare. Das Zinsniveau fällt ständig, diverse Abzüge sind fällig, zudem bin ich verpflichtet, den 2001 ausbezahlten Betrag nach zehn Jahren zu versteuern – am Schluss bleibt, vielleicht, die Summe, die der Mindestsicherung für zwei Personen von insgesamt 1400 Euro netto monatlich entspricht. Geld ist, ganz allgemein gesehen, inzwischen radioaktiv geworden, reiner Selbstzweck, mit dem
man Existenzen auslöschen oder neue kreieren kann. Geld, wenn es gleichzusetzen ist mit Gier, erzeugt vernichtende Strukturen, die alles Schöpferische zerstören.

profil: Thomas Bernhard merkte einst an, ihm sei unheimlich, wenn keine Wut in Sicht sei.

Roth: Wenn ich mich ärgere, schreibe ich am besten. Und die Wut geht mir ja auch nicht aus – siehe Atomkraftwerk Fukushima, Finanzblase, Libyen, Ägypten. Mein Beruf bringt es jedoch mit sich, dass ich mich mehr um den Einzelnen kümmere: Warum ist jene Frau unglücklich? Warum jener Mann todkrank?

profil: Fühlen Sie sich von der literarischen Öffentlichkeit ausreichend anerkannt?

Roth: Dazu sage ich nur so viel: Die größte Befriedigung ist für mich, dass mein Werk seinen Abschluss gefunden hat. „Der Stille Ozean“ wird gerade ins Russische übersetzt, „Der Plan“ kommt in den USA heraus; es gibt polnische, japanische und andere Übersetzungen meiner Bücher. An erster Stelle steht die Arbeit selbst, alles andere sind Eitelkeiten.

profil: Franz Innerhofer, Wolfgang Bauer, Werner Schwab, Gunter Falk, die Grazer Literatur-Lokalmatadore, alle sind sie tot. Fühlen Sie sich als Überlebender?

Roth: Ja. Bei Bauer konnte man förmlich beobachten, wie er sich mit einer tödlichen Mischung aus Schnaps und Bier, aus viel Flüssigkeit und hochprozentigem Alkohol und natürlich einer Menge Zigaretten zugrunde richtete. Ich nahm auch deswegen andere Trinkgewohnheiten an und konsumiere seitdem leichtere Getränke. Mittlerweile trinke ich aber nur noch wenig.

profil: In „Orkus“ berichten Sie von Ihren Besuchen an Schriftstellergräbern. Was soll einst auf Ihrem Grabstein stehen?

Roth: Nach dem Tod gehört man niemandem mehr. Dann kann alles über einen geschrieben und gesagt werden. Jede Erklärung ist dann legitim, um herauszufinden, was Menschsein überhaupt bedeutet. Die Sorge um die Grabstätte habe ich an meine Frau delegiert.

profil: Schenkt Ihnen die Religion Trost?

Roth: Ich glaube nicht an ein Jenseits, an ein Weiterleben nach dem Tod. Der Leichnam ist eine Angelegenheit der Angehörigen. Der Verstorbene empfindet nichts mehr. Das ist wie beim Küchenlicht: Schalter auf Off – und es ist dunkel. Man befindet sich wieder an jenem Ort, an dem man bereits vor der Geburt war, wo es einem offensichtlich nicht schlecht ergangen ist. Ich jedenfalls kenne niemanden, der davon Negatives zu berichten wüsste. Als Jugendlicher erlitt ich einen Herzstillstand. Der Gedanke, der mir damals durch den Kopf ging, ist mir bis heute geblieben: Sterben ist leicht.