Stronach und der Populismus: Werte zu Pflugscharen

Stronach und der Populismus: Werte zu Pflugscharen

Mit der skurrilen Stronach-Partei blüht der österreichische Populismus noch einmal auf. Wütende, nervös auf den Zeitgeist reagierende Pensionisten lassen sich vom Milliardär rocken.

Am Mittwoch vergangener Woche betritt ein Mann das prunkvolle Foyer im Haus der Industrie. Dem steinernen Hephaistos über ihm, dem einzigen Handwerker unter den griechischen Göttern, schenkt er keinen Blick. Leichten Schrittes federt er die Stufen hinan, gleich einem Jüngling, wären da nicht der weiße Schopf und die elegante Blondine an seiner Seite, die ihn besorgt mustert, bereit, in jedem Augenblick stützend einzugreifen: Kathrin Nachbaur, einst Praktikantin, nun Vertrauensperson, bei der alle Fäden zusammenlaufen, an der niemand vorbeikommt, wenn er zu Frank Stronach will.

Später, schon auf dem Podium, ruckt der Parteigründer auf einem der unbe­quemen Bürostühle hin und her. Hinter ihm wächst Kaiser Franz Joseph I. in Öl empor; neben ihm, wie ein nervöses Rennpferd, Eva Dichand, die Herausgeberin der Gratiszeitung „Heute“, die den Festsaal mit „Heute“-Papiersäcken hat drapieren lassen. Der Dritte im Bunde ist der 84-jährige Wirtschaftswissenschafter Wilhelm Hankel, ein deutscher Eurokritiker mit deutschem Befehlston, der seine Thesen bisweilen in der rechtsextremen „National-Zeitung“ verficht und nun begierig auf seinen Einsatz wartet.

Haar in der Suppe
Wenn Stronach nicht am Wort ist, scheint er oft einzunicken. Doch das trügt. Alte Augen haben einfach nicht die Kraft, dem starken Scheinwerferlicht zu widerstehen. Wenn er doziert, hebt er den Blick und sieht das Publikum aus schmalen Schlitzen an. Die vorderen Reihen sind locker besetzt, die hinteren ganz leer geblieben. Auch sonst ist das Publikum nicht ganz auf der Höhe. Es melden sich mehrere Querulanten zu Wort, die nicht nur ihren Überdruss auf die ganze Welt seit je mit sich herumschleppen, sondern auch bei der Stronach-Partei ein Haar in der Suppe finden. Kritik mag Stronach nicht, das sieht man. In „Franks Welt“, einer so genannten Ideensammlung aus dem Ueberreuter Verlag, sagt er: „Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich auf zusätzliche Kritik gern verzichten kann.“

Je später der Abend, desto stiller wird Stronach, desto mehr gleitet er ab ins Allgemeine: „Man braucht Hausverstand und Fairness.“ Als seine Tirade gegen Staatsschulden („Jeder wird aus meiner Partei ausgeschlossen, der im Parlament dem Schuldenmachen zustimmt“) von Hankel zart unterlaufen wird, schiebt er pikiert die Unterlippe vor und entfernt Hankel wohl schon im Geiste aus seinem Expertenrat. Am Ende ist alles wieder im Lot. In seinem Schlusswort bauchpinselt der Professor Stronach als einen „Wissenden aus einem fernen Land“, als „Anfang eines neuen Europa“.
Anderntags eine Verteilaktion in Mödling, ohne Stronach: eine traurige Truppe und ein Wetter, bei dem man Hunde nicht vor die Türe jagen möchte. Schnee fällt, und die Menschen eilen dick vermummt durch die Straßen. Wer ist da schon heiß auf eine Mini-Kokoskuppel? Die Focks, Vater und Sohn, Taxi-Unternehmer in vierter Generation, bewerben unverdrossen ihr eigenes Unternehmen sowie die neue Partei. Gerald Fock, der Junior, ist auf der Landtagsliste zwar an unwählbarer Stelle gereiht, doch wegen der „Werte“ dabei. Sein Vater, ein freiheitliches Urgestein, sagt: „Was Haider wollte, macht jetzt Stronach.“

„Tüchtige und Fleißige“
Die Wahrheit liegt im Spektakel des gelungenen Werbeauftritts. Das offenbart sich erst beim Wahlkampfauftakt in Tulln. Rund 2000 Menschen strömen in die ­Donauhalle, nehmen an Heurigentischen Platz und schunkeln sich in Stimmung. Ein Berater hatte zuvor noch geschworen, Stronach werde nie in ein Bierzelt gehen. Nun lässt sich der spendable Onkel aus Kanada von Freunden von Freunden auf die Schulter klopfen.
Im Publikum sitzen größtenteils wohlbestallte Pensionisten, die in den vergangenen Jahrzehnten ihre Ansprüche erworben haben und von den jüngsten Pensionsreformen noch kaum tangiert worden sind. Satte Mittelstandsbürger, so genannte „Tüchtige und Fleißige“, die schon Jörg Haider so oft beschworen hatte, die sich zu kurz gekommen fühlen, die glauben, der Nachbar habe es besser getroffen als sie selbst. Jeder von ihnen kann eine Geschichte erzählen, die vom Unrecht kündet, das ihm angetan wurde: vom Chef, vom Amt, von der Politik. Diese Menschen bekommen nasse Augen, wenn Stronach auf der Bühne hin- und hermarschiert, von einer Seite auf die andere, den Zeigefinger streng erhoben, den Unterarm wie der Dirigent einer Blasmusikkapelle rhythmisch auf und ab stoßend, und von seinen ersten Jahren in Kanada erzählt, als er Hunger litt, weil er kein Geld hatte: wie demütigend das war, wie leicht der Mensch seine Würde verliert und dass er sich damals geschworen habe, dass er nie wieder buckeln würde, dass er sein Geld einsetze, um die „Ketten der Dominierung“ zu lösen und eine geistige Revolution zu entfachen. Stronach selbst scheint an diesem Abend hingerissen von seiner Biografie und seiner Mission. Er holt tief Luft, ächzt und stöhnt. Im Saal ist es still geworden, es herrscht heiliger Ernst, bevor tosender Applaus einsetzt.

Neid und Missgunst
Was Frank Stronach sonst noch sagt, geht im Jubel unter. Man kann es nachlesen. Exemplare von „Franks Welt“ werden gerade zu Tausenden ins Volk geschleudert. Stronachs Ideen künden von der Feindschaft gegenüber allen staatlichen Institutionen und seinem eigenen Heilsversprechen. Sie wirken beunruhigend zeitgeistig, sie schüren Neid und Missgunst, surfen auf einer Welle von Feindbildern (der Politiker, der Journalist, der Banker) und münden in sumpfiger Allgemeinheit in der Lebenserfahrung eines alten Herrn, der es schwer gehabt hat im Leben und der will, dass sich auch zukünftige Generationen durchbeißen: „Junge Leute sollen erst einmal rausgehen und arbeiten und sich ihr Geld zusammensparen zum Studieren.“
Eine neue Art von Populismus ist hier im Entstehen, mit einem Führer, der nichts mehr mit dem Parteienwesen und seinen demokratischen Gepflogenheiten, wie wir sie kennen, zu tun hat, der nicht einmal mehr dämonisiert werden kann wie einst Jörg Haider.

Nicht alle Besucher in der Donauhalle in Tulln sind von der religionsartigen Stimmung erfasst. Einige klatschen längst nicht mehr, schauen betreten zu Boden und steuern vorzeitig dem Ausgang zu. Die anderen sind umso entfesselter.

Im Grunde handelt es sich bei Stro­nachs Partei um die Anfänge einer totalitären Bewegung. Eine ungesunde Mischung: Manche haben mangels anderer politischer Karriereoptionen bei Stronach angeheuert, es finden sich bei Stronach aber auch leicht entflammbare Idealisten und Sentimentale, Glücksritter und Weltenretter. Nirgendwo sonst trifft man so häufig auf Männer, die mit bauchigen Aktentaschen vorstellig werden, in denen ihre Konzepte oder technischen Erfindungen zur Lösung der Probleme schlummern.

In die Welt der Vernunft übersetzt, ist Stronachs Politik schwer zu beschreiben. Bei einer Pressekonferenz der niederösterreichischen Spitzenkandidaten (hinter Stronach), Ernest Gabmann, Sohn des langjährigen ÖVP-Wirtschaftslandesrats, und Elisabeth Kaufmann-Bruckberger, aus einer freiheitlichen Heurigendynastie stammend, erscheint Niederösterreich als eine Art Bangladesch, ein Land „auf dem Weg in die Armut“, in dem sich Familien „nicht mehr selbst versorgen können“ und das wenige, das sie haben, „entweder für Strom oder für Essen ausgeben“.

Etwa 500 Aktivisten zählt das Team Stronach in Niederösterreich , jede Woche melden sich 30 neue Aspiranten. Das Fehlen eines Parteiprogramms stört die neue Gemeinschaft nicht. Es steigert vielmehr das Gefühl, es komme auf einen selbst an, und es lässt die viel zitierten Werte „Wahrheit, Transparenz und Fairness“ noch reicher schillern.

„Ich rede mit Stronach relativ wenig über Politik. Wir haben die Moral und gemeinsame Grundsätze. So kommt es, dass man die Dinge so sieht wie er. Die moralischen Werte sind das Band. Man hat einen direkten Draht zu ihm, wenn man ihn braucht. Er zeigt Wege auf. In 99,9 Prozent der Fälle würde ich nicht anders handeln und reden als er. Jedes Gespräch mit ihm ist ein Erlebnis, bei dem man Energie tankt“, erklärt Gabmann.
Er ist nicht der Einzige. Jeder Stronach-Aktivist legte bisher Wert darauf zu betonen, dass er frei sei zu denken, was er wolle, dass er allerdings eine so große Übereinstimmung zu „Franks Werten“ verspüre, dass sich das Gemeinsame von selbst ergäbe. Man denke haarscharf dasselbe wie „Frank“, und das sei wunderbar.

Je öfter man das Gedröhn von den Werten hört und von der quasireligiösen Übereinstimmung aller, umso dichter wird ­freilich der Nebel um das Phänomen ­Stronach. Gleichzeitig wächst die diffuse Angst, dass eines Tages doch etwas unangenehm Konkretes, ja Monströses aus diesem Nebel auftauchen könnte. Aber vielleicht ereilt den alten Mann ja das Schicksal Benedikts XVI. Er hat plötzlich keine Kraft mehr.

Infobox
Undemokratische Verhältnisse
Wer als Funktionär bei Stronach mitmachen, ein Mandat auf der Landesliste ergattern will, muss ein Screening durchlaufen. Es werden Erkundigungen eingeholt, und die Kandidaten müssen ein Hearing bestehen. Die cäsarenhafte Personalpolitik Stronachs zieht freilich eine brutale Konkurrenzsituation und Misstrauen nach sich. In Niederösterreich sind schon erste schwer enttäuschte Mitstreiter wie Karin Prokop, offiziell noch immer Landesobfrau, oder Bezirkskoordinator Michael Fichtinger auf der Strecke geblieben. Fichtinger streitet derzeit um Kostenersatz für Zeit, Benzin und Telefon. Das Parteistatut ist ihnen dabei kaum behilflich. Es ist auf Stronach zugeschnitten. Die Bundespartei besteht nur aus Stronach, seinem Stellvertreter Robert Lugar und der Grazer Ex-Freiheitlichen Waltraud Dietrich. Über die Finanzen und die Geschäftsführung
der Partei entscheidet der Obmann, also ­Stronach, allein. Mitglieder können ausgeschlossen werden, wenn sie den Ehrenkodex, den es allerdings noch nicht gibt, oder die vagen Grundwerte verletzen.