Trugschüsse

Affäre. Telekom zahlte für Mensdorff-Jagden 170.000 Euro

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Der 12. November 2006 war kein guter Tag für Federwild. Jedenfalls dann nicht, wenn es sich in der Umgebung des burgenländischen Luising umtat. 216 Fasane segneten an jenem Sonntag das Zeitliche, mit ihnen 25 Rebhühner – und eine weitere bedauernswerte Kreatur, die der Jagdherr etwas unscharf unter „Diverses“ verbuchte. Die so genannte Abschussliste notierte darüber hinaus auch die Teilnehmer: zehn Prominente aus Wirtschaft und Politik, unter ihnen Telekom-Manager Michael Fischer, Post-Vorstand Herbert Götz, Rüstungfabrikant Hans Georg Schiebel sowie Phillipp Ita, damals Kabinettschef von ÖVP-Innenministerin Liese Prokop.
Die Veranstaltung hätte umstandslos als unverfängliche Pirsch unter Gleichgesinnten durchgehen können, wäre da nicht der Gastgeber: Alfons Mensdorff-Pouilly, Lebemann, Landwirt, Lobbyist.

Mensdorff-Pouilly steht heute mit im Zentrum einer Affäre, deren Auswüchse noch nicht annähernd zu erfassen sind. Der ÖVP-nahe Entrepreneur soll über Jahre Millionen von Konzernen, darunter Telekom Austria, OMV, Siemens, Motorola und British Aerospace (BAE), kassiert und über ein dichtes Netz an Briefkastengesellschaften an politische Entscheidungsträger verteilt haben.

Delikat ist das vor allem für die ÖVP. Mensdorff ist nicht nur mit Maria Rauch-Kallat und damit einer der ihren verheiratet, seine hohe Zeit hatte er vor allem in der Ära Schwarzblauorange, also zwischen 2000 und 2006. So soll es etwa bei dem von ÖVP-Innenminister Ernst Strasser verantworteten Regierungsauftrag zur Digitalisierung des Behördenfunknetzes „Tetron“ an ein Konsortium aus Alcatel (heute Alcatel-Lucent), Motorola und Telekom Austria nicht nur mit rechten Dingen zugegangen sein. Mensdorff war bei diesem Geschäft sowohl für die Telekom als auch für den US-Konzern Motorola zugange. Und kassierte am Ende fette „Erfolgsprovisionen“. Die Telekom überwies ihm 1,1 Millionen Euro, Motorola weitere 2,2 Millionen. Was Mensdorff dafür leistete, ist ebenso unklar wie der Verbleib der Gelder. Auch bei der Anschaffung der Abfangjäger, zugleich der größte Rüstungsauftrag der Zweiten Republik, soll Mensdorff-Pouilly seine Finger im Spiel gehabt haben.

Die konservative Reichshälfte pflegt politische Gegner gern als „Jagdgesellschaft“ abzukanzeln. In ihren Kreisen hat dieser Begriff freilich eine ganz andere Konnotation. Die Jagdgesellschaft: Das war bisweilen ein Klüngel mit vermeintlicher Freizeitbeschäftigung, im Rahmen derer auch Kontakte geknüpft, Geschäfte angebahnt und Absprachen getroffen wurden. Alfons Mensdorff-Pouilly war ein Meister seines Fachs. Zwischen Kaminfeuer und Hochstand soll es ihm gelungen sein, Manager und Unternehmer mit Politikern der schwarzblauorangen Regierung und deren Kabinettsmitarbeitern zusammen zu bringen. Auch dank der nötigen Infrastruktur. Neben seinem Stammsitz im südburgenländischen Luising gebieten seine Erlaucht unter anderem auch über das prachtvolle schottische Schloss Dalnaglar — nebst großzügig dimensionierten Jagden. Nachgerade ideale Settings für die Abwicklung von Deals, die keinerlei Öffentlichkeit dulden.

profil ist es nun gelungen, eine umfassende Liste jener Personen zu erstellen, die sich zwischen 2002 und 2008 auf Mensdorffs Latifundien vergnügten – wenn auch ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit.

Regierungsmitglieder wie Ernst Strasser (ÖVP), Hubert Gorbach (BZÖ) und Monika Forstinger (FPÖ); Telekom-Manager wie Rudolf Fischer, Gernot Schieszler und Michael Fischer; Banker wie Julius Meinl und Andreas Treichl; Walter Meischberger, Lobbyist und langjähriger Kompagnon eines gewissen Peter Hochegger; Harald Himmer, Chef von Alcatel-Lucent-Österreich mit ÖVP-Vergangenheit; vor allem aber eine Reihe von ranghohen Repräsentanten des Innenministeriums, deren Namen wiederum untrennbar mit dem Behördenfunknetz „Tetron“ verbunden sind: Christoph Ulmer und Wolfgang Gattringer etwa.

Die Schlösser des Grafen dienten jedenfalls als Treffpunkt für Gesellschaften aller Art. Mal gab Mensdorff-Pouilly selbst den Gastgeber, dann wieder vermietete er seine Jagden an zahlungskräftige Klientel. Allein die Telekom Austria soll zwischen 2007 und 2008 drei Jagden bei Mensdorff gebucht und dafür zumindest 170.000 Euro ausgegeben haben.

Mensdorff und Gattin Rauch-Kallat hätten sich stets als „routinierte Gastgeber“ erwiesen, erzählt ein Teilnehmer. Der Smoking zum Dinner sei ebenso comme il faut gewesen, wie der Digestif am offenen Kamin: „Mensdorff hat aus den Jagden einen eigenen und durchaus gepflegten Geschäftszweig entwickelt.“

Möglicherweise auch mehr. Es kann kein Zufall sein, dass viele der Waidmänner heute in der einen oder anderen Form in den Telekom-Skandal involviert sind.

Markus Beyrer etwa. Der 46-jährige steht seit nicht einmal drei Monaten an der Spitze der Verstaatlichtenholding ÖIAG und präsidiert damit den Aufsichtsrat der Telekom Austria, an welcher die ÖIAG 28,42 Prozent kontrolliert. Zu den bereits laufenden Ermittlungen der Justiz hat Beyrer vor wenigen Tagen die Einsetzung einer internen Untersuchungskommission angekündigt, deren Arbeit er penibel überwachen will. An seiner Seite: Franz Geiger, einst Siemens-Manager, heute Vorstand der Donau Chemie und nebenbei auch Aufsichtsrat der Telekom Austria.

Nur: Beyrer wie auch Geiger waren einst Gäste auf den Mensdorffschen Gütern – und damit selbst Mitglieder der „Jagdgesellschaft“. Beyrer war im Oktober 2008 mit Mensdorff im schottischen Hochland auf die Pirsch gegangen, den Flug – und wohl auch die Abschüsse – für die mehrköpfige Gesellschaft bezahlte die Telekom (profil berichtete darüber bereits im Februar). Geiger wiederum, bis 2008 Manager bei Siemens Österreich, hatte im Burgenland die Flinte angelegt. Er beteuert aber, Mensdorff sei damals nicht zugegen gewesen. Zufall oder nicht: Zu jener Zeit, als Geiger bei Siemens tätig war, soll Mensdorff international für Siemens lobbyiert haben.

Ein Interessenskonflikt?

Mitnichten, betonen beide, man gehe „völlig unbefangen“ an die Aufarbeitung der Causa heran. Im Übrigen, so die Herren unisono, sei es „ja nicht anrüchig gewesen“, bei Mensdorff zu jagen.

Zu den eifrigsten Waidmännern zählten seinerzeit gleich mehrere leitende Angestellte der Telekom Austria. Die früheren Vorstände der (inzwischen aufgelösten) Festnetzgesellschaft, Rudolf Fischer und Gernot Schieszler, sollen sich nicht nur einmal bei Mensdorff verlustiert haben. Fischer und Schieszler werden heute verdächtigt, die dubiosen Millionenprovisionen der Telekom orchestriert zu haben. Auch der in der zweiten Führungsebene der Telekom dienende Michael Fischer, ehedem Organisationsreferent der ÖVP, lag regelmäßig bei Mensdorff auf der Lauer. Dabei könnte er das eine oder andere Mal Leuten wie Phillipp Ita, Christoph Ulmer und Michael Kloibmüller begegnet sein. Ita war, wie erwähnt, Kabinettschef unter ÖVP-Innenministerin Liese Prokop. Ulmer leitete das Kabinett von Prokops Vorgänger Ernst Strasser. Und Strassers ehemaliger Referent Kloibmüller steht heute dem Kabinett der amtierenden ÖVP-Innenministerin Johanna Mikl-Leitner vor.

Und sie alle jagten im Laufe der Jahre mit oder bei Mensdorff-Pouilly.
Dabei entstanden und verfestigten sich Netzwerke, die bis heute, Jahre nach dem Platzen der schwarzblauorangen Blase, nachwirken. Vor zwei Wochen berichtete profil von einem Geheimtreffen im Innenministerium am 12. August zwischen Kloibmüller auf der einen Seite, den Telekom-Repräsentanten Michael Fischer und Michael Kloibmüller auf der anderen (Nr. 34/11). Dabei soll Kloibmüller die Informationspolitik der Telekom in der Causa Mensdorff als „zu offensiv“ gerügt und dem Konzern „unangenehme“ Konsequenzen angedroht haben. Kloibmüller, Fischer und Jungwirth wollen sich heute nicht mehr so recht an den Inhalt des Gesprächs erinnern, profil bleibt bei seiner Darstellung und verfügt über ein Protokoll des Treffens.

Das Innenministerium in der Wiener Herrengasse dürfte über Jahre überhaupt so etwas wie ein klandestines Organisationsbüro für Mensdorffsche Jagden gewesen sein, zumal unter Ernst Strasser. Beispielhaft ein internes E-Mail aus dem Jahre 2002, das diesem Magazin vorliegt. Am 28. März 2002 schrieb Strassers rechte Hand Christoph Ulmer an das Kabinett: „lieber ernst, liebe kolleginnen und kollegen, graf mensdorff hat uns wieder zu einem jagdwochenende eingeladen … samstag 7.12.02: anreise bis ca. 17.00 uhr, teilnahme an der streckenlegung (mit fackeln etc.), der am samstag stattfindenden riegeljagd, danach abendessen im schloß (nur hbm plus kbm, Anm. Herr Bundesminister plus Ministerkabinett)“. Und weiter: „sonntag 8.12.02: vormittag: saujagd (… evtl. auch ein paar frischlinge, sozusagen zum „aufwärmen“); nachmittag: niederwildjagd.“

Strasser war an jenem Wochenende im Dezember tatsächlich Mensdorffs Gast im Burgenland, will jedoch nur an einem Abendessen teilgenommen haben. Wieder so ein Zufall: Wenige Wochen zuvor, im November 2002, hatte die ÖVP einen fulminanten Wahlsieg eingefahren – und das master-talk“-Konsortium aus Siemens, Raiffeisen und Wiener Stadtwerken, das in erster Ziehung den Zuschlag für die Errichtung des digitalen Behördenfunks erhalten hatte, war plötzlich nicht mehr gut genug. Noch ehe der Aufbau des Netzes in Angriff genommen werden konnte, war das Projekt auch schon wieder Geschichte. Im Juni 2003 – also ein halbes Jahr nach dem schottischen Wochenende – ließ Strasser master-talk den Auftrag wegen angeblicher technischer Unzulänglichkeiten entziehen, um diesen 2004 schließlich den „Tetron“-Gruppierung um Telekom, Motorola und Alcatel zuzuschanzen.

Dass Jagdherr Mensdorff-Pouilly auf der Payroll von Telekom und Motorola stand, ist sicher nur eine weitere unglückliche Koinzidenz.
Im Rückblick lässt sich nicht mehr eruieren, wer, wann, wo und worauf geschossen hat. Denn tatsächlich dienten die Einladungen auf Luising und Dalnaglar längst nicht nur der Befriedigung des Jagdtriebs. Anfang 2005 etwa bat Alfons Mensdorff-Pouilly eine ausgewählte Clique ins schottische Hochland – zu einem „Medienseminar“ samt Duddelsackkonzert. Unter den Geladenen: Telekom-Manager Rudolf Fischer, Alcatel-Vorstand Harald Himmer – Walter Meischberger. Also wenigstens zwei Vertreter von Konzernen, die das Projekt „Tetron“ gemeinsam durchzuziehen hatten. Was genau da besprochen wurde, bleibt ein Geheimnis; ebenso, wer den Ausflug bezahlt hat. Himmer lässt über sein Büro ausrichten: „Herr Himmer gibt diesbezüglich keine Stellungnahme ab.“

Gemeinsames Waten durch Morast verbindet offenbar. Wenn auch Ernst Strasser immer bemüht war, jegliche Nähe zu Mensdorff zu verleugnen, so hat er doch einigen Erklärungsbedarf: Als Christoph Ulmer 2004 in privatem Rahmen seinen Abschied als Kabinettschef begoss, war nicht nur Strasser anwesend. Mit von der Party: Telekom-Manager Rudolf Fischer, Wilhelm Molterer – und Alfons Mensdorff-Pouilly.

Überraschend eigentlich: Die Justiz weiß von all dem schon seit Jahren. Im März 2009 übermittelte der BZÖ-Abgeordnete Stefan Petzner der Staatsanwaltschaft Wien eine Sachverhaltsdarstellung, in welcher er den Verdacht des Amtsmissbrauchs und der verbotenen Geschenkannahme durch ranghohe Mitarbeiter des Innenressort formulierte.

Die Konsequenz:
Petzner hatte selbst Erklärungsbedarf bei den Staatsanwälten, die wissen wollte, woher er seine Informationen und Fotos von diversen Jagden habe.
Beweislastumkehr, also.

Lieferantennummer 41003629

Die Telekom Austria hat sich die Mensdorffschen Jadgabenteuer sehr viel mehr kosten lassen, als bisher bekannt: jedenfalls 170.000 Euro.

41003629 ist – oder war – nicht viel mehr als eine Lieferantennummer in der Buchhaltung der Telekom Austria. Doch hinter dieser Chiffre stand jedenfalls bis vor ein paar Jahren ein Mann, dessen Geschäftsbeziehungen zum börsenotierten zwischenzeitlich die Justiz beschäftigen: Alfons Mensdorff-Pouilly. Der Lobbyist kassierte bekanntlich im Jahr 2008 1,1 Millionen Euro „Erfolgsprovision“ von der Telekom für seine Dienste rund um die Vergabe des digitalen Behördenfunknetzes Tetron (die Telekom war neben Alcatel und Motorola einer der Profiteure dieses Regierungsgeschäfts).

Doch Mensdorff servicierte das Unternehmen auch auf anderwertig: Als Patron gleich mehrerer Jagden, welche die Telekom bei ihm buchte. profil liegen nun zwei Rechnungen aus den Jahren 2007 und 2008 vor, ausgestellt von der „Forstverwaltung Mensdorff-Pouilly“ mit Sitz im burgenländischen Luising; adressiert an die (inzwischen aufgelöste) Festnetzgesellschaft der Telekom Austria, in welcher einst Rudolf Fischer und Gernot Schieszler im Vorstand saßen.

Im November 2007 fakturierte Mensdorff unter seiner „Kreditorennummer 41003629“ der Telekom eine „Tagestreibjagd auf Hochwild“, inklusive „15 Stände à EUR 3.700“ sowie „14 Nächtigungen à 185,–“ und „Getränke“ im Gegenwert von 946 Euro. Summe inklusive Mehrwertsteuer: 70.584,20 Euro.

Im November 2008 sponserte die Telekom eine weitere Jagdgesellschaft. Diesmal wurden „17 Nächtigungen à 205,–“ fällig, Getränke im Wert von 1619 Euro, dazu „Trinkgeld Haus“ über 200 Euro und natürlich die eigentliche Jagd „laut Anbot“ um 59.250 Euro. Macht unterm Strich 77.076,30 Euro.

Wer auf Kosten der Telekom die Flinte schulterte, geht aus den Rechnungen nicht hervor. Das Unternehmen war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Tatsache ist: Die Telekom hat damit sehr viel mehr Geld verpulvert, als sie zugegeben hat.

Bisher war lediglich von einer Jagdreise auf Mensdorffs Ansitz im schottischen Hochland im Oktober 2008 die Rede, für welche die Telekom die Flugkosten in der Höhe von 21.800 Euro beglich (profil berichtete bereits im Februar.

In Summe hat der Konzern sich die Jagdabenteuer zwischen 2007 und 2008 jedenfalls 169.460 Euro kosten lassen.

Michael   Nikbakhsh

Michael Nikbakhsh

war bis Dezember 2022 stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Wirtschaftsressorts.