Trommler mit Bürstenbart: Hannes Steins Roman „Der Komet"

Was wäre, wenn: Der Zweite Weltkrieg hat nicht statt­gefunden. Österreich ist Weltmacht und Anne Frank ­Literaturnobelpreisträgerin. Ein neuer Roman erprobt fröhlich Utopien und Albträume.

Anne Frank wird in hohem Alter mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Stefan Zweig stirbt 1963 in Salzburg eines natürlichen Todes, und Franz Kafka ist als Kolportageschreiber verschrien. Es ist eine bizarr verdrehte Welt, die der Journalist und Autor Hannes Stein in seinem Debütroman „Der Komet“ entwirft.

In den USA ist die Gattung der so genannten alternate history novel, des Was-wäre-wenn-Romans, bestens eingeführt, in unterschiedlichen poetischen Schwierigkeitsgraden – von Philip Roth über Philip K. Dick bis zu literarischer Dutzendware. Der deutschsprachige Raum kennt wenige Beispiele: Otto Basils böse Farce „Wenn das der Führer wüsste“ (1966) etwa oder Christian Krachts Endzeittext „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ (2008), in dem sich die Schweiz, bolschewisiert durch den Zürcher Exilanten Lenin, im Dauerkrieg mit Resteuropa befindet. „Das Schöne an diesem Genre ist, dass man zwei Dinge zugleich tun darf, die sich im Grunde ausschließen“, schwärmt Hannes Stein, in dessen Roman nun die Nichtermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand Ende Juni 1914 in Sarajewo den Ausgangspunkt des Geschehens bildet. „Man darf recherchieren, zugleich kann man hemmungslos lügen.“

Im vierten Leben
Stein, 48, lebt seit dem Gewinn einer Green Card, einer unbeschränkten Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, in den USA. Mit zwei Koffern, rot und blau, kam er vor fünfeinhalb Jahren in New York an. Eben hat er sich mit seiner Frau Chanah ein Haus in Riverdale gekauft, das verwaltungstechnisch zur Bronx gehört. Sohn Yonatan ist wenige Wochen alt. Er führe, sagt Stein, sein Leben auf Englisch. Es ist sein viertes Leben. Der gebürtige Münchner wuchs in Salzburg auf und übersiedelte zum Studieren nach Hamburg. Mit Anfang 30 versuchte er, wie er selbst sagt, in Jerusalem zum Israeli zu werden. Erst kürzlich hat er eine Liste mit bisherigen Lebensstationen erstellt. Er kam auf 20 Wohnungen auf drei Kontinenten.

„Der Impuls, das Buch zu schreiben, stammt nicht daher, dass mir die Realität zu fad geworden wäre“, so Stein, der als New Yorker Kulturkorrespondent der Tageszeitung „Die Welt“ arbeitet. „Schuld daran trägt gewissermaßen meine Frau. Ich vertrat lange den Standpunkt, ich könne keine Romane schreiben, Sachbücher ja, Belletristik: nein. Chanah sagte immer: ,Setz dich auf deinen Tuches, schreib das Buch.‘ Sie versteht kein Wort Deutsch. Sie geht von der Theorie aus, dass das, was ich mache, großartig sei.“

„I bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus“, mault der Thronfolger in „Der Komet“. Franz Ferdinand und Ehefrau entkommen dem Mordanschlag. Österreich-Ungarn erklärt Serbien nicht den Krieg, der Zweite Weltkrieg entfällt, Auschwitz bleibt ein gesichtsloses Kaff nahe Krakau, Hitler ein untalentierter Kunstmaler. Wie ein allmächtiger Weltenlenker greift Stein in den Lauf der Historie ein. Eine Alles-ist-gut-Schnurre erzählt sein Roman nicht. Stein befolgt gekonnt eine Grundregel des Subgenres: Nimm eine möglichst geringe Änderung vor – und schlage daraus möglichst großes erzählerisches Kapital.

„Der Komet“ ist ein Literaturjux in maliziöser Absicht, um hohen Anarcho-Faktor und radikale Verdrehung der Fakten bemüht. Musils streng reflexives Schreiben geistert satirisch verzerrt ebenso durch den Roman wie Doderers ironisierte Erzähleleganz: Gedanken formen sich hier im „Unterholz des Vagen und Un­verständlichen“, verborgen wie „scheues Wild“.

Am Gipfel eines Wiener Hausbergs
Selbst Jules Verne bleibt nicht verschont. Der Mond ist in „Der Komet“ eine Kolonie mit Wiener Ortszeit, von der Erde aus in 38 Stunden mit einem Flugvehikel erreichbar, dessen Startbahn sich kilometerweit der Donau entlangzieht. Mit preußischer Gründlichkeit ist der Erdtrabant in Beschlag genommen. Schilder in Fraktur warnen vor den Gefahren der Schwerelosigkeit: „Gemessen schreiten – nicht hüpfen!“ Kein Wunder, dass die eigentliche Fabel des Romans – die Coming-of-Age-Erzählung eines jungen russischen Adeligen im monarchisch geprägten Wien zu Beginn des 21. Jahrhunderts – bald in den Hintergrund gerät.

Man kann Steins Buch leicht auf den Leim gehen, ihm Zynismus und übles Gedankenspiel vorwerfen. Ketzerei und Irrwitz sind hier in großem Maßstab zu besichtigen, die Umkehrung trauriger Gewissheiten Programm. Die Realgeschichte des 20. Jahrhunderts taucht im Roman am Rande auf. Ein Freud-Schüler sieht sich mit dem galoppierenden Wahnsinn eines seiner Patienten konfrontiert. Letzterer träumt, die Welt liege alsbald in Trümmern, durch Kriege verwüstet. „Stacheldraht“, „Bomben“ und „Stahlkolosse auf Raupen“, Wortfetzen aus dem Alb, muss der Analytiker im Lexikon nachschlagen. Nächtliche Bilder eines „Trommlers mit einem lustigen Bürstenbart“ ängstigen den Mann auf der Couch. Die Trommel ist im Traum mit der Haut von Juden bespannt.

„Der Wunschtraum, das in Blut und Elend beinahe ersoffene Zeitalter mittels eines Kunstgriffs zu verwandeln, hat vielleicht mit dem eigenen Alter zu tun“, wehrt sich der Autor gegen Angriffe, die ihm Geschmacklosigkeit und Geschichtsklitterung vorwerfen. „Mit zunehmenden Jahren wird der Gedanke an die Grausamkeit des vergangenen Jahrhunderts immer furchtbarer. Man benötigt Ironie als Säurebad, durch das man den Wunschtraum nach Erlösung von der Epoche zieht.“

In Erwartung des Weltuntergangs versammelt sich das Romanpersonal gegen Ende auf dem Gipfel eines Wiener Hausbergs. Gemeinsam stimmt man die „Kaiserhymne“ an: „Österreich wird ewig stehn.“

Hannes Stein: Der Komet. Galiani Berlin, 271 Seiten, EUR 19,60