Ute Bock - Flüchtlingshelferin und Radikal-Humanistin

Über den manchmal ­ärgerlichen, aber unverzichtbaren Ad-hoc-Humanismus der Flüchtlingshelferin Ute Bock.

Ute Bock macht das, was notwendig und naheliegend ist. Steht jemand vor ihr, der vor Kälte und Hunger zittert, gibt sie ihm eine Decke und legt den Euro-Schein drauf, den sie gerade in der Tasche hat. Sie fragt nicht lange nach und lässt keine Einwände gelten: „Soll ich den armen Teufel erfrieren lassen?“

NGO-Vertreter hatten mit diesem Ad-hoc-Humanismus schon immer ihre liebe Not. Sie strampeln sich dafür ab, Gesetze zu ändern und Debatten anzustoßen, etwa darüber, dass Asylsuchende jahrelang am Land versauern, nicht arbeiten und manchmal nicht einmal kochen dürfen und dass Österreich internationales Recht bricht, wenn es minderjährige Flüchtlinge nicht adäquat versorgt. „Die Bock“ gewährt einfach Obdach.
Und dann gibt es noch die Medien, die sie zu allem Möglichen befragen, als wäre sie „Expertin für alles“ und nicht bloß eine Flüchtlingshelferin – kompromisslos, unverstellt und auf ihre Art unterhaltsam wie keine Zweite. Oft hat man versucht, ihre Figur in Vergleichen zu fassen: Mutter Teresa von Favoriten, Franziska von Assisi, weiblicher Gandhi.

Nie verlor die NGO-Szene ein schlechtes Wort über Ute Bock. Sie weiß zu gut, was sie an ihr hat, und nüchtern betrachtet ist die Rollenverteilung perfekt: Die Etablierten wachen darüber, dass das Regelwerk funktioniert, und sorgen für die internationale Vernetzung. Ute Bock sorgt für die Emotionalisierung.

Ohne Maß und Ziel
Wenn die 70-Jährige im alten Wollrock und in ausgetretenen Schuhen in einer Fachhochschule von ihrer Arbeit erzählt, hängen Hunderte junge Menschen an ihren Lippen. Kein Caritas- oder Diakonie-Experte füllt den Hörsaal wie sie. Dabei macht sie alles, was angehenden Sozialarbeitern verboten ist: Sie kennt kein Maß und Ziel, überschreitet Grenzen, verbiegt Regeln, beutet sich aus, hält Privatleben und Beruf nicht auseinander.
An ihren 18-Stunden-Tagen wäre jede andere längst zerbrochen. Sie sei „ein bisschen ­verrückt“, sagt sie selbst. Aber was solle man angesichts der Zustände anderes sein? Ihr spartanischer Habitus, ihre weithin sichtbare Bedürfnislosigkeit machen sie fast unangreifbar: Was immer sie tut, sie tut es für andere. Dass sie mit diesem Anspruch nicht als Heilige entrückt, dafür sorgt ihr mitunter herber Spruch.

Ihr Weltbild ist sozialdemokratisch: ein Dach über dem Kopf, eine Ausbildung, die Erlaubnis zu arbeiten. Wer nichts lernen will, den schimpft sie „Trottel“. NGOs fürchten sich vor Kontakt mit Kriminellen, sie nicht: „Natürlich sind Dealer bei mir. Wenn ich einen erwische, melde ich ihn der Polizei.“ Leute, die sich danebenbenehmen, wirft sie hinaus. Wenn sie zwei Monate später reumütig vor der Tür stehen, macht sie ihnen wieder auf, erzählt ein früherer Mitarbeiter: „Ihr Glaube an das Gute ist unerschütterlich. Jeder bekommt eine Chance, und wenn eine nicht reicht, dann auch fünf oder zwanzig.“

Umso verstörender war es, als das Bild kürzlich Kratzer bekam. Der „Kurier“ berichtete, ein langjähriger Förderer fühle sich von Ute Bock „getäuscht“. Der Immobilienunternehmer Hans Jörg Ulreich warf ihr vor, für Wohnungen, die er ihr überlassen habe, Miete eingestreift zu haben. Wie Geier stürzten sich ihre Feinde auf die Nachricht. Die Website von FPÖ-Nationalratspräsident Martin Graf, „unzensuriert.at“, textete: „Ute Bock nutzte Großzügigkeit schamlos aus.“ Der Wiener Freiheitliche Johann Gudenus höhnte, „eventuell sollte Bundespräsident Fischer die von ihm freudig vorgenommene Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens der Republik an Ute Bock […] noch einmal überdenken“. Die FPÖ brachte eilig eine Anzeige wegen des Verdachts auf unrechtmäßige Bereicherung ein.
Der Fonds Soziales Wien (FSW) stellte sofort alle Zuschüsse ein und ordnete eine Überprüfung an.

Vergangene Woche saß Ute Bock vor ihrer legendären Zettelwirtschaft und zermarterte sich das Gehirn, was sie falsch gemacht hat. Sie habe die Mieten ja nicht auf die Seite geräumt, sondern damit Strom und Gas beglichen. Inzwischen hat der Wiener Rechtsanwalt Gabriel Lansky für Ute Bock alle Verträge, Nebenvereinbarungen und Korrespondenzen geprüft: „Es wird sich bald herausstellen, dass rechtlich alles okay ist.“

Pleite und Controller
Doch der Schaden ist angerichtet. Als Ute Bock das letzte Mal mit ihrem Gönner sprach, habe er dunkel angedeutet: „Sie wissen gar nicht, was sich hinter ihrem Rücken abspielt.“ Man stelle sie jetzt als „Alte hin, die nicht mehr alles mitkriegt, weil sie schon ein bisschen deppert ist“, klagt sie.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Ute Bock kein Händchen für das Monetäre hat.

Als ihr Verein vor zwei Jahren pleite war, überwies der Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner auf einen Sitz 100.000 Euro und hielt sie fortan mit 20.000 Euro monatlich über Wasser. Außerdem stellte er ihr einen Controller zur Seite. Der junge Mann bezog ein Büro in der Zohmanngasse 28. Haselsteiners „Concordia“-Stiftung hatte das Haus der Flüchtlingshelferin vor einem halben Jahr als Bittleihe überlassen. Seither erfüllt der Aufpasser den undankbaren Job, Ute Bock vor sich selbst zu schützen. Er weiß, dass aus ihr keine Buchhalterin mehr wird. Sie hat sich umgekehrt damit arrangiert, dass er mit dem Geld knausert, damit sie es nicht „zu üppig“ unter die Bedürftigen bringt.

Was sie persönlich besaß, hat sie verschenkt, Versicherungen und Bausparverträge aufgelöst. Nur die Sterbeversicherung hat sie behalten, „weil ich niemandem Kosten verursachen will, wenn ich einmal verscharrt werde“. Wer Ute Bock je getroffen hat, wird den Vorwurf der Bereicherung lächerlich und infam finden: Ihr Zuhause ist eine Kemenate im Flüchtlingsheim, ihre Habseligkeiten, ein paar alte Schuhe und abgetragenes Gewand, passen in zwei Plastiksackerln. Sie war seit 30 Jahren nicht mehr auf Urlaub, und wenn man sie fragt, ob sie je daran gedacht habe, auf Kur zu gehen, lacht sie, als hätte sie noch nie etwas so Dummes gehört.

"Bock for President"
Es war harte Arbeit, Ute Bock zu einer öffentlichen Person zu machen. Erst als sie begriff, dass sie damit eine Bühne für ihre Anliegen bekam, schmolz ihr Widerstand. 2009 kam „Bock for President“ in die Kinos, im Jahr darauf lief „Die verrückte Welt der Ute Bock“. Sie wurde mit Preisen überhäuft: Das UN-Flüchtlingshochkommissariat zeichnete sie aus, sie erhielt den Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte und die Torberg-Medaille der Kultusgemeinde für „streitbare Geister“.

Vor einigen Jahren stieg sie nach einer Kundgebung vor dem Innenministerium die Treppen zur U3 hinunter und begegnete einem „Augustin“-Verkäufer. Auf der Titelseite, die er ihr unter die Nase hielt, prangte ihr Foto. Sie deutete darauf und begann zu scherzen. Es war einer jener seltenen Momente, in denen es schien, als hätte Ute Bock ein wenig von der Droge Aufmerksamkeit gekostet. Dabei schwören alle, die sie kennen, dass es ihr egal ist, ob man sie mit Ehrenzeichen behängt oder nicht.

Ihr Verhältnis zum Wiener Rathaus ist seit Langem gespannt. Im Mai 2012 hatte Ute Bock das ehemalige Gesellenheim in Wien-Favoriten mit dem Versprechen bezogen, es nicht zu überfüllen. Als der Grüne Niki Kunrath sie kurz dar­auf besuchte, campierte in der Küche eine Familie, und sie stellte ihre berüchtigte, rhetorische Frage: „Soll ich sie auf der Straße schlafen lassen?“ Inzwischen hat sie 1400 Obdachlose mit einer Postadresse ausgestattet. Sie schauen regelmäßig vorbei, ob wichtige Briefe eingelangt sind. Das bringt die Nachbarschaft und Stadtpolitiker in Rage, die mit dem Heim und ihrer Leiterin eine lange und vermurkste Geschichte verbindet.
Ute Bock hatte 1969 als Erzieherin im Lehrlingsheim Zohmanngasse begonnen und 1976 dessen Leitung übernommen. Das Haus war als Vorzeigeinstitution geplant. Doch sie spielte schon damals nicht nach engen Regeln: Das Jugendamt schickte schwierige Fälle, die anderswo nicht unterkamen, und sie nahm alle auf. 1995 kam der erste afrikanische Jugendliche, der aus der Bundesbetreuung geflogen war. Bald standen weitere Schwarze vor der Tür. Ute Bock verteilte Matratzen und Geldscheine, „damit niemand dealen gehen muss“. Vorbei war es mit der Vorzeigeeinrichtung. „Ich habe es versaut“, sagt sie.

Im September 1999 – drei Tage vor der Nationalratswahl – drehten Sondereinheiten der Polizei das Heim um. Die Beamten nahmen 20 afrikanische Jugendliche fest. Das Rathaus schickte Ute Bock in Frühpension, die Polizei ermittelte gegen sie wegen des Verdachts auf Bandenbildung und Drogenhandel. In Teilen der SPÖ avancierte sie zur „Persona non grata“, die man nur deshalb nicht angreift, weil sie auf dem Boden gemeinsamer Werte agiert.

So wie Bergsteiger sagen, sie würden gerne im Fels sterben, wenn sie sich einen Tod aussuchen könnten, hat auch Ute Bock eine Vorstellung von ihrem Ende: „Am Schreibtisch, jemanden zusammenschreien, und dann trifft mich der Schlag.“ Es setzt ihr zu, dass ihre Beine sie nicht mehr tragen wie früher. Eine wunde Stelle will nicht heilen. Sie ging erst zum Arzt, als sie in einer Blutlache stand. Zur Pressekonferenz im Votivpark, wo vergangene Woche Flüchtlinge ein Protestcamp aufgeschlagen hatten, kam sie in ausgelatschten Filzpantoffeln. Sie stand da, gab Interviews, und jeder konnte mit eigenen Augen sehen: Im Leben von Ute Bock gibt es Wichtigeres als ihr eigenes Wohlbefinden.