Wo der wilde Kerl wohnt: Reinhold Bilgeri im Porträt

Als Popstar landete der Vorarlberger Reinhold Bilgeri einen Welthit, mit seinem Romandebüt avancierte er zum Bestsellerautor. Nun bringt er seinen ersten Film, das Bergmelodram „Der Atem des Himmels“, in die Kinos. Eine Begegnung auf 1700 Meter Seehöhe.

Die Alpe Oberpartnom liegt ziemlich genau da, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint, zwischen den Dörfern Sonntag und Blons, im Süden Vorarlbergs. Eine Szene wie auf einer Ansichtskarte: Auf weichen Hügeln weiden ringsum Kühe auf sattgrünen Wiesen, leises, dutzendfaches Glockengebimmel. Versprengte Wanderer schreiten auf schmalen Wegen bergan, Nebelschwaden verhüllen einen Bergsee, in dem sich Forellen tummeln. Dann bricht wieder die Sonne wie bestellt durch die Wolkendecke, Bäume lassen im Wind ihre Zweige rascheln, ein Traktor knattert einsam dahin. „Gott schütze Hirt und Herde“, steht auf dem Gipfelkreuz nahe der „Breithornhütte“. In ein Holzschild ist die Höhenmeterangabe „1680“ geschnitzt.

Es war Reinhold Bilgeri, der dem Idyll unlängst Tod und Verderben bescherte.

Bilgeri lenkt seinen schwarzen Allrad-Jeep mit traumwandlerischer Routine zu der Herberge im Hochgebirge. Den Weg über steinige Serpentinen hinauf zur Oberpartnomalpe kennt der Ex-Austropopper nach wochenlangem Pendeln zwischen seinem Dornbirner Wohnort und der Bergregion inzwischen in- und auswendig. Die Fahrt über die Steilstrecke verlangt ihm wenig Konzentration ab, er kann deshalb während der PS-gestützten Bergbesteigung detailliert über sein jüngstes „Wahnsinnsprojekt“ sprechen, die Verfilmung seines bereits 2005 publizierten Romandebüts „Der Atem des Himmels“, dessen Erzählung in eine verheerende, historisch verbürgte Lawinenkatastrophe mündet. In Oberpartnom hat Bilgeri das Bergkaff aus dem Buch 2009 aufbauen lassen – eine Schule, eine Kirche, eine Gemischtwarenhandlung, den Gasthof „Adler“. Anfang dieses Jahres erfolgte die gezielte Zerstörung des Filmdorfs durch simulierte Schneemassen, künstliche Leichenteile, Kuhkadaver und geschminkte Verletzungen inklusive.

Mit der linken Hand steuert Bilgeri das Auto, die rechte unterstreicht, ungestüm gestikulierend, das Gesagte. „Wir haben hier mithilfe regionaler Investoren in einem kollektiven Kraftakt einen millionenschweren Film internationalen Zuschnitts gedreht! Auf 1700 Höhenmetern! Zudem haben wir eigens eine Produktionsfirma mit 100 Angestellten gegründet!“, ruft Bilgeri enthusiasmiert, während das Fahrzeug über Kieswege holpert. „Das ist Wahnsinn, keinesfalls Hybris.“

Weiße Sintflut.
Die Geschichte von „Der Atem des Himmels“ ist gleichwohl eine Geschichte großer Zahlen. Bilgeris Erzählerstling wanderte bislang über 50.000-mal über die Ladentische der Buchhandlungen. In dem bisweilen allzu absichtsvoll mit historischer Edelpatina überzogenen Roman, der zugleich tragisches Liebesepos, kritische Sozialhistorie und Öko-Anklage sein will, erinnert der Autor an die epochale Naturkatastrophe in der Walser Berggemeinde Blons, bei der am 11. Jänner 1954 und den darauf folgenden Tagen beim Abgang von über 100 Lawinen 56 Menschen unter den Schneemassen starben. Man kann sagen, es ist in dem Roman viel drin. „Es ist ein Hammer von einem Buch geworden. Der Roman ist nicht nur gut, er ist ausgezeichnet“, lobte Bilgeris Langzeitfreund Michael Köhlmeier. Für das Porträt der Heldin, der verarmten Landadeligen Erna Gaderthurn, die es als Lehrerin in das von der frostklirrend-weißen Sintflut heimgesuchte Vorarlberger Bergbauerndorf verschlägt, stand Bilgeris Mutter Ilse Patin. „Ein besonderes Ereignis erwartet Ilse im August. Sie wird Ehrengast auf der Seebühne sein“, notierte kürzlich ein Lokalblatt in seiner „Wir gratulieren“-Rubrik anlässlich des 98. Geburtstags der Jubilarin.

Mit über vier Millionen Euro Produktionsbudget zählt die Verfilmung des Bergmelodrams, das Ende August auf der mit 7000 Zuschauern ausverkauften Bregenzer Festspielbühne Weltpremiere feiern wird, zu den kostspieligsten Kinoarbeiten heimischer Provenienz. Bilgeri selbst zeichnet für Regie, Drehbuch und Produktion verantwortlich, seine Frau Beatrix spielt die Haupt-, seine Tochter eine Nebenrolle. „Der Has-Been-Popstar verwandelt sich in einen Schriftsteller und First-Time-Director“, resümiert Reinhold Bilgeri hinter dem Lenkrad seines Geländewagens. „Im letzten Drittel meines Lebens möchte ich Romane verfassen, Filme drehen. Die, Bilgeri Film Productions‘ schreiben sich nicht grundlos mit s am Schluss.“

Nach mehr als dreiviertelstündiger Aufwärtsfahrt erreicht er das hochgelegene Ziel. Der sich so abenteuerlich wie abwechslungsreich bergauf windende Weg ist so etwas wie ein Sinnbild für seinen Werdegang.

Pop-Pionier.
Bilgeri, 60, ist ein Mann vieler Talente, Temperamente und extrem widersprüchlicher Tonlagen, dessen Karriere stets auf dem schmalen Grat zwischen Kommerz und Kunst, zwischen zeitgeistiger Anbiederung und kompromissloser Sturköpfigkeit verlief. In den sechziger Jahren verlieh er einer hierzulande noch weitgehend unbekannten Profession mit bereits damals diskussionswürdigem Haararrangement, verwegenem Oberlippenbart und hautengen Röhrenjeans erste Konturen. „Seinerzeit träumten wir den Rock-’n’-Roll-Traum mit rampensaumäßigen Auftritten, kreischenden Mädchen im Saal“, erinnert sich der Austropop-Pionier. „Im Internat wurden wir mit Händels, Halleluja‘ ins Bett geschickt, mit Batterieradios empfingen wir verbotenerweise Rock- und Jazzsender.“ Bilgeri trat im Vorprogramm von Status Quo und Deep Purple auf, gemeinsam mit Köhlmeier schrieb er avantgardistische Nonsens-Lyrik – und interpretierte Anfang der siebziger Jahre gemeinsam mit dem Schriftsteller die bis heute inoffizielle Landeshymne Vorarlbergs: „Dort, wo die Wälder sinnlos rauschen, wo manchmal blühet der Verstand, wo Hirsche auf den Brunftschrei lauschen, nur dort ischt unser Heimatland.“

1973 besuchte Bilgeri erstmals Auschwitz.
Erzählt er davon, zitiert er Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch!“ Über die Waldheim-Jahre und die Scham, die einen jedes Mal überkomme, wenn man in die USA reise und auf die rechtslastige Politik hierzulande angesprochen werde, kann er lange, erzürnte Monologe halten. Gerät der erklärte Choleriker, der sich jedoch zumeist als zurückhaltender Menschenfreund geriert, in Fahrt, teilt er die Welt ohnehin gern in Angsthasen, Blender und Dummköpfe ein. „Meinen Roman schrieb ich in acht Monaten. Anschließend wurde ich oft mit der Feststellung konfrontiert:, Das hätte ich dem nicht zugetraut.‘ – Weshalb glauben denn mache Leute, ich sei ein Vollkoffer? Unterhaltung ist kurioserweise immer noch mit dem Fluidum des Seichten behaftet“, versucht sich Bilgeri an einer allmählichen Aufhebung des im deutschen Sprachraum dauerpräsenten Antagonismus von so genannter ernster und unterhaltender Kunst. „U ist so groß wie E.“

Mit dem samtig-rauen Schmuse-Rap „Video Life“ landete der Sänger 1981 einen Welthit, zahlreiche nationale Nummer-eins-Erfolge, darunter „Some Girls Are Ladies“ und „Love Is Free“, folgten, zwischen 1974 und 1995 verkaufte der ehemalige Gymnasiallehrer über drei Millionen Tonträger. „Die Sechziger waren Magie, die Siebziger die Vorbereitungsphase, in den Achtzigern fuhren wir die Ernte ein.“ Inzwischen sei, scherzt Bilgeri, die „Wahrheitszeit“ angebrochen. Er verzichtet seit Jahren auf das Färben seiner Haare, die Stirnlocken zupft er gewohnheitsmäßig zurecht; die Sonnenbrille trägt er eher aus medizinischen denn rein imagemäßigen Motiven. Seit 2000 lebt und arbeitet er nach langjährigen Aufenthalten in Spanien, Italien und den USA in einem schmucken Haus mit Blick übers Rheintal. Im Inneren, versichert der Sänger, Schriftsteller und Filmemacher in Personalunion, sei er trotz des beständigen „Kampfs gegen den Kleinbürger in mir“ ein Rocker, ein „wilder Kerl“ mit Hang zu Selbstironie und Selbstdistanz geblieben. Das konservative, militant katholische Ländle sei für ihn das „Kalifornien Österreichs“.

Gegen den landläufigen Ruf des Pop-Jüngelchens mit schlichtem Gemüt und eingeschränkter Wortwahl begehrte Bilgeri, der sich einst selbst den Titel „Rock-Professor“ verlieh, bereits früh auf. Statt in Drogen und Alkohol habe er, erinnert sich der gewiefte Possenreißer und Pop-Poseur, während seiner Musikkarriere lieber in den Aufbau einer heute aus Tausenden Bänden bestehenden Bibliothek und Immobilien investiert. „Keith Moon, der Schlagzeuger der britischen Band The Who, erleichterte sich einst, indem er die Aircondition des Hotels mit einem WC verwechselte“, plaudert Bilgeri aus der Schule. „Rocksoziologisch, das muss man offen zugeben, eine überaus bedeutende Tat. Dennoch habe ich nach meinen Konzerten lieber gelesen als Hotelzimmer zertrümmert.“

Existenzialphilosophie.
Man kann mit Reinhold Bilgeri über die geologische Struktur des ihn nahe der „Breithornhütte“ umgebenden Bergmassivs ebenso Gespräche führen wie über Stephen Frears’ „Gefährliche Liebschaften“, Martin Heideggers Existenzialphilosophie und Rudi Dutschkes Rhetorikpraxis. Magellans Weltumsegelung fasziniert ihn so wie Stefan Zweigs literarisierte Biografien und die neuen Romane von Philip Roth und Uwe Tellkamp. Eine erklärtermaßen eingestandene Vorliebe pflegt Bilgeri zudem für das weibliche Gesäß. Auf 1700 Metern über dem Meeresspiegel stimmt er seinen innerhalb der Vorarlberger Landesgrenzen bereits zum Klassiker mutierten Song „Füdlafetischist“ an. Mit rauchiger Stimme erzählt er von einem, dem ein bestimmter Körperteil („Füdla“) zum Fetisch gerät.

In der Höhe, beim Eingang zur „Breithornhütte“, präsentiert sich Reinhold Bilgeri als Pop-Legende zum Angreifen. Ein Wanderer fragt den Sänger, ob er zum Flicken der Löcher in seiner Designerjeans Nähzeug benötige. Dann stellt sich Bilgeri ein älterer Mann mit Tirolerhut und T-Shirt mit Luis-Trenker-Namensschriftzug in den Weg und beginnt ohne Zögern und Distanz, dem Musiker von einer nur mit Glück überstandenen, schwierigen Lebenssituation zu erzählen. Es ist eine Geschichte, mit der Bilgeri viel anfangen kann. Er legt dem Fremden einen Arm auf die Schulter. „Du bist ein Survivor, Baby!“, sagt er zu dem Gipfelstürmer. „Gib mir Saft, Baby!“