Erster Showdown im Ott-Prozess: „Liebesgrüße aus Dubai“
„Egisto, es tut mir leid. Das war nicht so.“ Es ist Tag drei im Riesenprozess gegen den Ex-BVT-Beamten Egisto Ott – und der erste große Showdown. Zum ersten Mal seit Start des Gerichtsverfahrens Ende Jänner kommen Zeugen zu Wort. Darunter gleich eine veritable Schlüsselperson – ein ehemaliger Vize-Direktor des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), das wesentlicher Schauplatz der Affäre Ott ist.
„Schau mir in die Augen“, fordert der Zeuge von seinem Tischchen in der Saalmitte aus Ott auf, der zwei, drei Meter entfernt auf der Anklagebank sitzt: „Was ist dir da eingefallen?“ Ott lässt sich nicht zweimal zum Augenkontakt auffordern und schenkt seinem ehemaligen Vorgesetzten einen ganz, ganz tiefen Blick. Dann kneift er die Augen zu Schlitzen zusammen. Man merkt gleich: Zwischen den beiden steht einiges im Raum. Und die Geschworenen erleben hier nicht nur ein Gerichtsverfahren, sondern ganz nebenbei auch einen Alpha-Kampf erster Güte.
Kein Wunder. Die beiden dürften einander ohnehin schon früher nicht ganz grün gewesen sein. Und dann hat Ott den Ex-Vize-Direktor zum Prozessstart auch noch zum Dreh- und Angelpunkt seiner Verteidigung gemacht – jedenfalls, was einen Gutteil der Russland-Vorwürfe betrifft.
Zeuge: „Des is a Bledsinn“
Wie berichtet, wirft die Staatsanwaltschaft Wien dem früheren BVTler unter anderem vor, ohne dienstlichen Auftrag Daten zu zahlreichen Personen mit Russlandbezug gesammelt zu haben. Er fragte Namen in diversen Behördendatenbanken ab und soll quasi unter der Hand Amtshilfeersuchen an andere Behörden – teilweise sogar im Ausland – gestellt haben. Dies alles im Sinne des russischen Nachrichtendienstes, vermutet die Staatsanwaltschaft. profil berichtete ausführlich.
Ott bestreitet sämtliche Vorwürfe. Er sagt, er habe die Abfragen im Rahmen einer streng geheimen BVT-Operation getätigt. Die Operation mit dem Codenamen „Doktor“ sei so geheim gewesen, dass kaum jemand darüber Bescheid gewusst habe. Es sei darum gegangen, einem befreundeten ausländischen Nachrichtendienst dabei zu helfen, einen desertierten russischen Geheimdienstoffizier anzuwerben. Eingefädelt habe das der damalige stellvertretende Direktor.
Dieser bestritt das am Mittwoch vor Gericht vehement: „Es tut mir leid. Ich kenne keine Operation Doktor“, erklärte der frühere BVT-Vize-Chef unter Wahrheitspflicht. „Es stimmt also nicht?“, hakte der vorsitzende Richter nach. „Na. Des is a Bledsinn“, erwiderte der Zeuge.
Ziel für Taschendiebe?
Danach bringt der Vertreter der Staatsanwaltschaft Wien die große internationale Spionage-Ebene, die über dem Ott-Verfahren schwebt, ins Spiel: Er verweist auf Chatnachrichten des früheren Wirecard-Vorstands und mutmaßlichen Russland-Spions Jan Marsalek. Dieser soll sich laut Anklage intensiv mit dem Chef einer von London aus operierenden Bulgaren-Bande ausgetauscht haben, die auch in Wien aktiv geworden sein soll. In von britischen Behörden sichergestellten Chats ging es demnach auch um den früheren stellvertretenden Behördenleiter. Laut dem Staatsanwalt hätte Marsalek diesen im Jahr 2022 als Ziel für Taschendiebe auserkoren. Möglicher Hintergrund: Gezielte Diebstähle – zum Beispiel von Handys – können Spionen höchst wertvolle Informationen verschaffen.
„Wir sind ja hier im Spionagebereich“, hielt der betroffene Ex-BVT-Vize als Zeuge fest: „Vielleicht waren es Liebesgrüße aus Dubai.“ „Was meinen Sie damit?“, wollte der Staatsanwalt wissen. Die Antwort: Ein ehemaliger BVT-Abteilungsleiter habe es ja vorgezogen, sich dem Verfahren zu entziehen und sich nach Dubai abzusetzen.
Das Schreiben aus Dubai
Gemeint ist Martin Weiss, früherer Nachrichtendienst-Chef des BVT. Er soll laut Anklage als eine Art Mittelsmann zwischen Marsalek und Ott fungiert haben. Aufträge zur Informationssammlung seien demnach vom mutmaßlichen Kreml-Spion Marsalek an Weiss und dann von Weiss an Ott gegangen. Zwischen Ott und Weiss soll ein Vertrauensverhältnis bestanden haben. Ott sagte zum Prozessstart, er habe Weiss als Abteilungsleiter seinerzeit über die angebliche „Operation Doktor“ informiert. Und Otts Verteidigung kündigte damals auch an, im Verfahren einen Beleg für die Existenz der Operation zu präsentieren.
Für diesen Schlüsselmoment wählte das Ott-Lager die ohnehin spannungsgeladene Zeugenbefragung des Ex-Vizechefs. „Sie werden es wahrscheinlich als ‚Liebesgrüße aus Dubai‘ bezeichnen“, leitete Otts Anwältin Anna Mair vielsagend ein. Und zum Gericht gewandt: „Ich lege vor: eine eidesstattliche Erklärung von Martin Weiss.“ Weiss bestätige in dem per E-Mail eingegangenen Schreiben vom 20. Jänner 2026, dass es die „Operation Doktor“ gegeben habe. Nachsatz der Anwältin: „Wir können ihn ja leider nicht fragen.“
Auch der immer noch am Zeugen-Tischchen sitzende frühere BVT-Vize-Direktor erhielt ein Exemplar. Sein ironischer Kommentar: „Wow, das ist ein Beweis. Mir fehlen die Worte.“ Er würde Weiss lieber vorschlagen, sich dem Verfahren nicht zu entziehen.
Zeuge: Ott hatte „Sonderstellung“
Bewerten muss das alles am Ende des Tages ohnehin das Gericht – in diesem Fall die Geschworenen. Am Mittwoch wurde noch eine Reihe weiterer Zeugen – unter anderem frühere Vorgesetzte Otts auf unterschiedlichen Hierarchieebenen im BVT – befragt. Von Otts unmittelbarem Chef im Referat für verdeckte Ermittler wollte der Richter wissen, ob es denkbar sei, dass Ott quasi nebenher an einer „Operation Doktor“ gearbeitet habe, ohne dass er als sein Chef davon Kenntnis gehabt hätte. Die durchaus überraschende Antwort: „Denkbar wäre es.“ Falls Ott von einem höheren Vorgesetzten einen Auftrag bekommen hätte, hätte er das nicht unbedingt wissen müssen. Ott habe eine „Sonderstellung“ gehabt, weil er aus einer früheren Tätigkeit als Verbindungsbeamter im Ausland gut vernetzt gewesen sei. Was der Zeuge hingegen als „überhaupt nicht üblich“ einstufte: Die dienstliche Nutzung eines privaten E-Mail-Accounts, wie sie in der Ott-Causa im Raum steht.
„Möglich ist alles, aber ich kann es mir nicht vorstellen“, meinte wiederum der Vorgesetzte auf der nächsthöheren Ebene. Eine „Operation Doktor“ sage ihm nichts. Etwas später meinte er, er wisse nur das, was über seinen Schreibtisch gehe.
„Kennen Sie die Dame?“
Nicht nur Otts Verteidigerin brachte am Mittwoch ein neues Beweismittel ins Spiel. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft Wien stellte seinerseits eifrig Beweisanträge und legte Akten vor. Gleich am Beginn des Verhandlungstags präsentierte er unter anderem einen Aktenvermerk der BVT-Nachfolgebehörde DSN (Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst). Darin seien Fotos enthalten, die auf dem Computer beziehungsweise auf dem Handy von Orlin Roussev, dem Chef der Londoner Bulgaren-Bande, gespeichert gewesen seien. „Kennen Sie die Dame“, fragte der Staatsanwalt Egisto Ott. Der wollte keine Antwort geben.
Es handle sich um ein Selfie von Otts erwachsener Tochter, erklärte der Staatsanwalt. Laut Anklage soll Ott dafür gesorgt haben, dass drei abgezweigte Handys hochrangiger Innenministeriums-Mitarbeiter an ein Mitglied von Marsaleks Bulgaren-Bande ausgehändigt wurden – und zwar an der Wohnadresse von Otts Tochter. In diesem Foto sieht der Staatsanwalt einen weiteren Beweis dafür. Nochmals sei betont: Ott hat sämtliche Vorwürfe immer bestritten. Es gilt in vollem Umfang die Unschuldsvermutung.
„Ich stelle fest, dass das Ermittlungsverfahren noch läuft“, kommentierte Otts Anwältin sarkastisch. Sie behielt sich eine Äußerung zu den neuen Fotos vor. Morgen, Donnerstag, geht es im Prozess weiter.