Wie die Hälfte des WKW-Vermögens in eine intransparente Holding verschoben wurde
Exklusiv: Wo ist das Vermögen der Wiener Wirtschaftskammer hin? Die Hälfte wurde in eine intransparente Holding-Firma verschoben. Wer dort kontrolliert und entscheidet, ist unklar. Am Ende hält Präsident Walter Ruck aber die Fäden in der Hand.
Niemand hält dem Wiener Kammerpräsidenten Walter Ruck so die Stange, wie der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ). Es gibt gemeinsame Interviews, wenn Ruck medial und Kammer-intern unter Druck gerät. Die nächste sozialpartnerschaftliche Zuneigungsgeste fand am Dienstag auf offener Bühne im Wiener Rathaus statt. Beide stellten ihre „Zukunftsvereinbarung“ für Wien vor. Eine Stadt, eine Wirtschaft – demonstrativer Schulterschluss.
Eigentlich ging es um Leuchttürme: Elf an der Zahl sollen in den kommenden fünf Jahren in der Hauptstadt realisiert werden und zum Aufschwung der Wiener Wirtschaft beitragen. Aber für Politik-Versteher war die Botschaft am Dienstag im Wiener Rathaus eine andere: „Lieber Walter“, sagte der Bürgermeister in Richtung Ruck, der auch Chef des Wiener Wirtschaftsbunds ist, des ÖVP-Wirtschaftsflügels. Und in Richtung der anwesenden Journalisten: „Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die Sozialpartnerschaft ganz wichtig ist.“ Erneut volle Solidarität für Ruck, der einiges an Erklärungsbedarf hat. Oder hätte.
Erst vergangene Woche berichteten profil und die „Kronen Zeitung“ über das schmucke Drittbüro des Präsidenten in Schloss Hernstein, das um sehr viel Geld und letztlich auf Kosten der Kammermitglieder umgebaut wurde. Die WKW musste für den Schlossbetrieb – ein Hotel mit Event-Location – Millionen zuschießen, weil die dahinterstehende Firma, die Schloss Hernstein Hotelbetriebsgesellschaft mbH, seit Jahren Verluste schreibt.
Die Spur von Hernstein führt nun zu einem ganz speziellen Projekt des Kammerpräsidenten, das allerdings ganz ohne Pressekonferenzen und öffentliche Publicity auskam. Die Recherche dazu gestaltet sich wie eine Schnitzeljagd durch das Firmenbuch in die schwer durchschaubare „Wiener Wirtschaft Holding GmbH“. Und siehe da: Dorthin wurde zuletzt die Hälfte des Wiener Kammervermögens verschoben. Das geht aus internen Kammerunterlagen hervor, die profil und „Krone“ vorliegen. Mehr als 200 Millionen Euro liegen dort, aber ein unabhängiges Aufsichtsgremium, das die Geschäftsführung dieser Holding überwacht oder transparent an das erweiterte Präsidium der Kammer berichtet, fehlt. Wie kann das sein?
Der Umgang mit Kammervermögen, dessen Verschiebung in schwer durchschaubare Holding-Strukturen sowie das Fehlen klarer Aufsichtskompetenzen und Transparenzpflichten können wohl auch als Indiz für die allumfassende Hausmacht gewertet werden, die sich Ruck in den vergangenen Jahren aufgebaut hat.
20260616 Pressekonferenz mit dem wiener Buergermeister Weiterentwicklung der Stadt und des Wirtschaftsstandorts
Eine Stadt, eine Wirtschaft
Am Dienstag unterzeichneten WKW-Präsident Walter Ruck (ÖVP) und Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) im Rathaus ihre Zukunftsvereinbarung für Wien. Elf "Leuchttürme" sollen in den kommenden fünf Jahren die Wiener Wirtschaft ankurbeln. Dass ein paar dieser Leuchttürme in der Holding-Struktur realisiert werden, blieb freilich ungesagt.
Alles begann im Jahr 2023: Damals, am 16. Mai 2023, trat das erweiterte Präsidium der WKW zusammen, um die Einrichtung einer Beteiligungsholding zu beschließen und das Direktorium mit deren Gründung zu beauftragen. Der Beschluss im erweiterten Präsidium dazu: einstimmig. Er wurde also nicht nur vom Kammerpräsidenten Walter Ruck getragen, sondern auch von seinen Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten – und damit neben dem Wirtschaftsbund auch von den anderen großen Fraktionen im Wirtschaftsparlament. Nach und nach sollten in die neue „Wiener Wirtschaft Holding GmbH“ – eine 100-prozentige Tochter der WKW – Betriebe, Beteiligungen und Vermögenswerte der Kammer eingebracht werden.
Laut Firmenbuch (Wirtschaftscompass) wurde am 8. August 2023 die Errichtungserklärung von Kammerpräsident Ruck unterzeichnet. Danach begann das große Verschieben von Millionen – aus der Kammer heraus und hinein in die Holding. 2023 und 2024 wurde fast das gesamte Immobilienportfolio im Wert von 155 Millionen Euro von der WKW in die Holding-Strukturen integriert. Die WKW-Zentrale am Wiener Praterstern etwa, das Schloss Hernstein in Niederösterreich, die historische Zentrale am Wiener Stubenring und sechs weitere Liegenschaften gehören zwar noch der Kammer, dies jedoch nun indirekt über die Holding. Außerdem wurden weitere Beteiligungen und Finanzanlagevermögen in Höhe von mehr als 46 Millionen Euro in die Holding transferiert. Eine dieser Beteiligungen ist übrigens die Schloss Hernstein Hotelbetriebsgesellschaft, die das Pförtnerhäuschen im Schlosspark von Hernstein für den Kammerpräsidenten um 660.000 Euro zum Drittbüro umbauen ließ.
Hälfte des Kammervermögens
In Summe liegen heute Vermögenswerte im Ausmaß von mehr als 222 Millionen Euro in dieser Holding – oder 52 Prozent der Bilanzsumme der WKW, wie aus internen Kammerunterlagen hervorgeht. Verwaltet wird dieses Vermögen von lediglich drei Mitarbeitern, laut Kammer-Website zumindest.
Die Vermögenswerte waren im Wesentlichen Rücklagen der WKW. Diese teils gebundenen Rücklagen wurden also aufgelöst und das Vermögen in die Holding übertragen wie geplant. Allein im Jahr 2024 sanken laut profil vorliegenden Berechnungen die freien Rücklagen und Ausgleichsrücklagen der Kammer um 35 Millionen Euro – auf 45,6 Millionen Euro.
Aber warum wählt man ein solches Konstrukt? Begründet wurde die Einrichtung der Wiener Wirtschaft Holding damals damit, dass man „Syn-ergien heben“ und „Kosten senken“ wolle. Man strebe klare Managementfunktionen und schnelle Entscheidungswege an, wie aus internen Kammerunterlagen hervorgeht. Und tatsächlich: Um eine Rücklage aufzulösen, ein Gebäude zu verkaufen oder ein neues zu kaufen, bedurfte es bisher der Zustimmung des Kammerpräsidiums und langwieriger interner Abstimmungsprozesse, die tatsächlich langatmig und bürokratisch sein können. Auf profil-Nachfrage schreibt ein Sprecher der WKW: „Die Wirtschaftskammer Wien muss ihr Vermögen bestmöglich verwalten. Das wird durch die Bündelung ihrer Beteiligungen in einer Holding, und damit in einer firmenrechtlichen Struktur, gewährleistet. Mit der Ordnung des Beteiligungsmanagements sind wir zudem einer Empfehlung des Kontrollamts nachgekommen.“
Jetzt entscheidet die Geschäftsführung der Holding, wenn es zum Beispiel um Zuschüsse oder Investitionen in den einzelnen Gesellschaften geht – schnell, unbürokratisch und unkompliziert. Aber eben auch unkontrolliert Bei besonders großen oder risikoreichen Investitionen müssen nur Kammerchef Walter Ruck und sein Kammerdirektor zustimmen.
Sie repräsentieren die sogenannte Generalversammlung der Holding, wie aus internen Korrespondenzen hervorgeht. Und sonst? Das erweiterte Präsidium ist mal außen vor – nicht unbedingt zur Freude einiger dort vertretener Fraktionen, wie profil erfuhr.
Wer kontrolliert hier?
Wer genau das Management der Holding und dessen Umgang mit Millionen an Kammervermögen neben dem Kammerpräsidenten kontrolliert, ist also gar nicht so einfach zu beantworten. Laut der Errichtungserklärung, die im Firmenbuch hinterlegt ist, sollte die Holding einen Beirat bekommen, der „das Management berät“ und regelmäßig die Wirtschaftskammer-Vertreter über Entwicklungen in der Holding, ihren Gesellschaften, den Rechnungsabschlüssen und dergleichen informiert.
Allein: Einen solchen Beirat gibt es nicht. Weder im Firmenbuch noch auf der Website der Kammer oder der Holding finden sich Personen oder Organe, die wie eine Art Aufsichtsrat über die Holding und ihre Gebarung wachen. Auch ein konsolidierter Rechnungsabschluss fehlt, der die gesamte wirtschaftliche Lage der Holding so abbildet, als wären Mutter- und Tochtergesellschaften eine wirtschaftliche Einheit.
„Die Wirtschaftskammer Wien wird in der Generalversammlung durch den Direktor und den Präsidenten vertreten, die ihrerseits wiederum an die vorgelagerten Beschlüsse der zuständigen Gremien gebunden sind“, sagt ein Sprecher. Die Gremien seien jedenfalls informiert und eingebunden. Der Beirat sei jedenfalls optional und kein Muss.
Wie? profil schickte einen umfangreichen Fragenkatalog an die WKW. Einige unserer Fragen blieben bis Redaktionsschluss dennoch unbeantwortet. Etwa, ob ein Beirat, der wie eine Art Aufsichtsrat agieren sollte, eingerichtet wird und wer darin vertreten ist. Oder ob und wann genau das erweiterte Präsidium über die Geschäftsgebarung, über Jahresabschlüsse oder geplante Investitionen in den Töchtergesellschaften, informiert wurde.
Sehr wenig Kontrolle für sehr viel Geld und sehr viel Macht.
Die WKW vertritt 150.000 Mitgliedsbetriebe – Tendenz steigend. Das ist ein Fünftel aller Unternehmen in Österreich. Damit ist die WKW, gemessen an ihrer Mitgliederzahl, die größte Landes-Wirtschaftskammer. Über 100 Millionen Euro pro Jahr hat die WKW zuletzt an Kammerumlagen von ihren Mitgliedsbetrieben eingenommen. Heuer sollen es laut Prognosen 111 Millionen Euro werden, das ist um ein Viertel mehr als vor fünf Jahren. Am Betriebserfolg lässt sich das allerdings nicht ablesen: Der betrug im Geschäftsjahr 2024 „nur“ 8,13 Millionen Euro, nach 21 Millionen Euro im Jahr davor. Das könnte auch daran liegen, dass die Ausgaben massiv zugelegt haben, etwa beim Personal. Dazu sagt die WKW: „Grundsätzlich ist die Wirtschaftskammer Wien kein privatwirtschaftliches, gewinnorientiertes Unternehmen, sondern eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Daher ist es unser Ziel, ausgeglichen zu bilanzieren.“ Die höheren Personalkosten seien auf höhere Rückstellungen zurückzuführen.
Erklärungsbedarf gibt es jedenfalls genug. Nur erklärt sich der mächtige Wiener Kammerpräsident nicht besonders gern. Von Journalisten im Rahmen der Rathaus-Pressekonferenz auf die Recherchen zu Hernstein angesprochen, verwies er lediglich auf die hohen Kosten für den Erhalt, zum Beispiel von Hotelküchen in Hernstein. „Und mehr habe ich dazu nicht zu sagen.“ Dass ein paar der mit dem Bürgermeister gemeinsam angepriesenen „Leuchttürme“ für die Wiener Wirtschaft in der Matrix der Millionen-Holding realisiert werden, bleibt ebenfalls ungesagt.
Drucken
(profil.at)
|
Stand:
Marina Delcheva
leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.
Die Wiener Wirtschaftskammer leistet sich für ihren Präsidenten Walter Ruck nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei Büros. Eines davon auf dem Areal des feudalen Schloss Hernstein. Interne Unterlagen zeigen nun, dass Umbau, Sanierung und Miete das Kammerbudget massiv belasten.
Walter Ruck, Präsident der Wiener Wirtschaftskammer, steht weiter wegen Postenschacher in der Kritik. Und nun könnten ihn die Signa-Geister der Vergangenheit einholen.