Darum fasziniert Ingeborg Bachmann immer noch
Erste Worte
Vielleicht muss man in diesem Fall mit einem Datum beginnen. Am 4. April 1938 war Adolf Hitler zu Besuch in Klagenfurt, was von vielen als „Freudentag“ empfunden wurde. Die damals elfjährige Ingeborg Bachmann, von ihren Mitschülerinnen „Elfchen“ und „Eule“ gerufen, hatte bereits zu schreiben begonnen. Was das „Dritte Reich“ zerstörte, zog sich thematisch bis zu Bachmanns Tod am 17. Oktober 1973 in Rom mit nur
47 Jahren durch ihre Gedichte und Erzählungen, den einzigen vollendeten Roman „Malina“ (1971) sowie das „Todesarten“-Projekt, jene über 3000 Druckseiten aus dem Nachlass.
Von A wie Auschwitz bis Z wie Zuhälter, ein Dasein maximaler Gegensätze: Bachmann wurde „Diva der Dichtkunst“ genannt und zur Prosa-Mater-Dolorosa verabsolutiert; als junge Lyrikerin nahm sie, das „Fräuleinwunder“ und „Spiegel“-Covermodel, an Tagungen der Gruppe 47 teil, allein unter den graugesichtigen Granden der Nachkriegsliteratur.
Und der Zuhälter? Es gibt ein Foto von Bachmann, das sie mit geschwollenen Augen und Hämatomen im Gesicht zeigt. Gerüchteweise soll sie sich in ihren letzten Jahren unter Prostituierte gemischt haben, um wahllos Männer kennenzulernen. Dabei soll ein Lude handgreiflich geworden sein.
Vieles von dem, was über Bachmann gesagt und geschrieben wurde und wird, stimmt nicht, all das Diagnostizieren aus sicherer Distanz. Oder einiges stimmt doch. Bachmanns verrätseltes Leben und Werk faszinieren bis heute.
Hinaus über alles
Am 25. Juni wäre Bachmann 100 geworden. Zum Jahrestag erscheinen termingemäß neue Bücher und das Kinoprojekt „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ der deutschen Filmemacherin Regina Schilling, in der sich die Schauspielerin Sandra Hüller der Klagenfurter Autorin behutsam nähert (siehe Doppelinterview auf den Folgeseiten). Bachmanns ungebrochene Aktualität lässt sich in Zahlen aufzeigen: In gleich fünf Neupublikationen bleibt kein Winkel ihres Lebens und Werks ausgespart.
Die Autorin Andrea Stoll, 65, hat ihre vor knapp zehn Jahren erschienene Bachmann-Biografie gründlich adaptiert. „Zwei Menschen sind in mir“, so der Titel der überarbeiteten Lebensbeschreibung, ist ein Buch ergiebiger Fakten und Hypothesen, ein brauchbarer Behelf, der sich Bachmann ohne Besserwisserei und Zeigefingerwackeln so methodisch wie sorgfältig nähert: „Von heute aus betrachtet, ist es der Mut, im Schreiben wie im Leben bis zum Äußersten zu gehen, der diese Schriftstellerin so einmalig macht.“
Die deutschen Publizistinnen Ingeborg Gleichauf, 72, und Simone Frieling, 69, umkreisen Bachmanns Vita in zwei Essays. In Gleichaufs Betrachtungen („Die Widerspenstige“) dominiert der Wunsch, Bachmann zu beschützen, sie vor den Verklärern und Verharmlosern zu retten, als bedürfe die Unheilige aus Klagenfurt tatsächlich der Erlösung: „Zeitlebens war sie eine Gerüchtefigur.“
Frieling („Annäherungen an Ingeborg Bachmann“) geht die Aufgabe mit Schwerpunkt auf Bachmanns Amouren mit den Autorenkollegen Paul Celan und Max Frisch an, ohne auf die mutmaßliche Kurzzeit-Liaison mit dem Politiker Henry Kissinger einzugehen. „Bachmann war damals eines von den Kissinger-Girls“, wird sich der Essayist Hans Magnus Enzensberger später erinnern, eine Weile selbst ein Bachmann-Boy.
Bachmann hat in Interviews nie so gesprochen, als hätte sie ihre Sätze vor dem Spiegel geübt, nie gravitätische Verlautbarungstöne angeschlagen. Der Band „Wir müssen wahre Sätze finden“ versammelt Konversationen in Rom und anderswo, in deren Verlauf Bachmann immer wieder funkelnde Vignetten schmiedete: „Ja, die Angaben zur Person sind immer das, was mit der Person am wenigsten zu tun hat.“
Schließlich das Bändchen „Die letzten Tage von Ingeborg“ als einfühlsames Memoire der schweizerischen Schriftstellerin und Bachmann-Freundin Fleur Jaeggy, 85, an den Todeskampf der Kärntnerin im Brandverletztenzentrum des Krankenhauses Sant’Eugenio in Rom. „Ingeborg geht es schlechter. Bei ihr zu Hause wird die Post geöffnet. Die Hoffnung schwindet“, notiert Jaeggy Jahrzehnte später: „Sie war ohnehin gering. Von Anfang an.“
Der Reigen dieser Neuerscheinung zeichnet Schattierungen ins chronisch unfertige Bachmann-Bild, auf das die Schriftstellerin selbst stets pochte: Die junge Ingeborg als Karl-May-Leserin und Tochter eines geliebten Vaters, der 1932 der damals verbotenen NSDAP beitrat; Bachmanns Faible für Mode und Schach; der Selbstmordversuch und die Tablettenabhängigkeit.
In Bachmanns Gedichtband „Ich weiß keine bessere Welt“ ist zu lesen: „Ich hatte alles, und habe alles / verloren, zuerst das Maß, / ich ging über mich hinaus / und hinaus über alles.“
Manche Rätsel bleiben bestehen. Ihren alterslosen Texten der angewandten Denk- und Menschenerkundung wohnt der Bodensatz von Fatalismus inne, der Verzweiflung der Galgenhumor. Im Grunde sagt jeder Satz: Ingeborg Bachmann, die Jahrhundertautorin dieses, so sie selbst, „kleinen, verwesten Landes“, wird nie die willige Komplizin ihrer Leserinnen und Leser sein.