JAY KELLY

Alien-Spuk & Pulitzer-Preisträger: Das Filmfest am Lido stochert in sozialen Wunden

Hollywood-Adel im Spätsommer: Prominenz-Schaulauf bei den soeben eröffneten 82. Filmfestspielen in Venedig.

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Nach propalästinensischen und BDS-getragenen Aufrufen zum Israel-Boykott (und der Ankündigung größerer diesbezüglicher Aktionen am Wochenende) brach am venezianischen Lido kurzfristig der Nationalstolz aus: Mit „La grazia“, Paolo Sorrentinos Sterbehilfedrama – und mit der feierlichen Verleihung eines Goldenen Lebenswerk-Löwen für den bald 83-jährigen Regie-Exzentriker Werner Herzog –, wurden am Mittwochabend die ältesten Filmfestspiele der Welt vom Stapel gelassen.

Aber gleich nach Italien kommt Hollywood, so ist das im Spätsommer in Venedig jedes Jahr. Der Versuch, Cannes den Rang als prominentest besetztes Weltkinofestival abzulaufen, trägt 2025 erstaunliche Früchte: US-Superstars wie George Clooney, Adam Sandler, Emma Stone und Greta Gerwig stiegen schon am ersten Spieltag aus den Gondeln, um vor die Kameras zu treten, sich in Pressekonferenzen befragen zu lassen und abends über den Red Carpet in den Palazzo del Cinema zu schreiten. Und kein Geringerer als Francis Ford Coppola hielt am Eröffnungsabend die Mini-Laudatio auf Herzog. Das Staraufkommen wird auch in den kommenden Tagen anhalten, wenn etwa Kathryn Bigelow und Jim Jarmusch ihre neuen Produktionen zeigen werden und Guillermo del Toro sein „Frankenstein“-Remake uraufführen wird, in dem auch Christoph Waltz zu sehen ist.

Die ersten drei Wettbewerbsfilme gerieten indes durchwachsen: So erzählte der Ungar László Nemes in seinem zähen Nachkriegsdrama „Orphan“ aus Kinderperspektive von jüdischer Identität und kommunistischer Repression, und klassizistisch verspielt legte der Amerikaner Noah Baumbach sein familiäres Melancholical „Jay Kelly“ an, mit Clooney als fellinieskem Filmstar in der Lebenskrise.

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Der Grieche Yorgos Lanthimos dagegen untermauerte mit der apokalyptischen Groteske „Bugonia“, die er der südkoreanischen SciFi-Farce „Save the Green Planet!“ (2003) nachempfunden hat, seinen Ruf als Chefzyniker des Gegenwartskinos: Zwei von Verschwörungsideen zerfressene Landeier entführen, traktieren und erpressen eine Konzernchefin (Emma Stone), weil sie diese für eine Außerirdische halten. Lan-thimos’ atonale Komödie der Folterungen und der blutig zerrissenen Körper schraubt sich in die Sturmhöhen der Hysterie, um vor politischem Wahnsinn und der sich abzeichnenden Zerstörung der Welt zu warnen. Seine Botschaften jedoch bleiben im Orkus des verstörten Gelächters hängen. 

Zurück in die Territorien der politischen Wirklichkeit führte ein Dokumentarfilm, den die Venedig-Siegerin 2023, Laura Poitras, zusammen mit ihrem Kollegen Mark Obenhaus inszeniert hat: "Cover-Up" setzt, anders als der Titel suggerieren mag, dem uncovering, der Enthüllung ein Denkmal. Als Porträt des inzwischen 88-jährigen, aber immer noch vitalen, schnell denkenden und schnell sprechenden Pulitzer-Preisträgers Seymour Hersh konzipiert, sprintet "Cover-Up" auch durch 70 Jahre amerikanischer Politgeschichte. Hersh hat als Investigativjournalist einst unerschrocken und gegen alle Widerstände die Massaker der US-Truppen in Vietnam, insbesondere jenes in My Lai, aufgedeckt, aber auch den Folterskanadal im irakischen Abu Ghraib-Gefängnis. Poitras und Obenhaus erinnern damit, gerade in einem für den globalen Politjournalismus so kritischen Moment, an die Old-School-Tugenden der Vierten Gewalt im Staat. Erfrischender noch als die über Venedig niedergehenden Gewitterstürme wirkte dieser Film, zumal im Vergleich zu den gebotenen Kunstanstrengungen des internationalen Gegenwartskinos. 

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.