Kultur

Andrej Kurkow: „Putin wird von seinem Hass beherrscht“

Andrej Kurkow, der bekannteste Gegenwartsautor der Ukraine, über den Krieg als Dialog von Kugeln, das Lachen unter Artilleriebeschuss und sein soeben veröffentlichtes „Tagebuch einer Invasion“.

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Kürzlich fragte das Kind meiner Nachbarin, was Krieg sei. Ich war um eine sinnvolle Antwort verlegen. Was würden Sie ihm antworten?
Kurkow
Krieg ist ein Dialog von Kugeln und Raketen, während das Leben ein Dialog von Worten und Gefühlen ist.
Der Krieg frisst seine Kinder. Was verschlingt er noch?
Kurkow
Krieg macht alles zunichte, was in friedlichen Zeiten mit Liebe geschaffen wurde. Häuser, Gärten, Boote - alles, was schön ist - werden in Schutt und Asche gelegt.
Wie schwer fällt es Ihnen beim Schreiben, sich in Zeiten des Krieges auf ein bestimmtes Thema zu konzentrieren?
Kurkow
Das ist nahezu unmöglich. Der Krieg zerlegt das Leben in tausend kleine Teilchen, und jedes Teilchen will, dass seine Geschichte erzählt wird. Der Krieg ist Teil unserer Geschichte, aber in Wirklichkeit ist er die Ursache für Millionen von Dramen und Geschichten.
Wie gelingt es Ihnen, Ihren Humor nicht völlig zu verlieren?
Kurkow
Mein Humor lebt dank des Humors der anderen, einschließlich der Soldaten und Soldatinnen an der Front. Sie posten Videos mit Witzen und ironischen Kommentaren. Ich liebe sie.
Dennoch steht zu befürchten, dass Sie Ihr Kriegstagebuch noch lange werden fortführen werden müssen.
Kurkow
Ich bin es leid, über den Krieg zu schreiben, aber ich kann derzeit über nichts anderes arbeiten. Ich schreibe jetzt weniger, als ich in den ersten Kriegsmonaten geschrieben habe. Ich werde weiterschreiben, solange der Krieg andauert, aber ich werde gleichzeitig versuchen, zu meinem unterbrochenen Roman zurückzukehren.
Sie beobachten den russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen Politik seit Jahrzehnten. Ist er Ihnen seit dem 24. Februar überhaupt noch einen tieferen Gedanken wert?
Kurkow
Nicht wirklich. Er hat seine früheren Lügen und Erzählungen vergessen, und jedes Mal produziert er neue Lügen, die seinen früheren Lügen widersprechen. Sein Hass auf die Ukraine, die westlichen Werte und Zivilisation ist überaus durchsichtig. Es gibt nichts Überraschendes, weder in seinen Worten noch in seinen Taten.
Noch einmal das Kind meiner Nachbarin: „Ist das ein Zombie?“, fragte es, als Putin auf dem Fernsehbildschirm erschien. Darf man Putin so nennen?
Kurkow
Man könnte ihn insofern als Zombie bezeichnen, als er von seiner Besessenheit beherrscht wird, als epochaler Führer in die russische Geschichte einzugehen, der „Russland wieder groß gemacht hat“. Putin beherrscht diese aber Besessenheit nicht, er beherrscht seinen Hass gegen diejenigen nicht, die ihm nicht erlaubt haben, „Russland wieder groß zu machen“. Er wird von seinem Hass beherrscht.
Ist Ihr Tagebuch für unsere Gegenwart oder für unsere Zukunft geschrieben?
Kurkow
Auf jeden Fall für die Zukunft. Viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen in der Ukraine haben aufgehört, Belletristik zu schreiben und schreiben Tagebücher und Essays, die als Beweise für Verbrechen verwendet werden können. Ich sammle auch Teile von Putins Verbrechen, um sie in Erinnerung zu behalten.
Wann, glauben Sie, dürfen Sie Ihr künftiges „Tagebuch nach dem Ukraine-Krieg" beginnen?
Kurkow
Ich bin jederzeit bereit, ein solches Tagebuch zu beginnen. Ich rechne aber nicht damit, vor dem nächsten Sommer daran zu arbeiten.

Andrej Kurkow: Tagebuch einer Invasion.

Aus dem Englischen von Rebecca DeWald,

Haymon,  343 S., EUR 19,90

Wolfgang   Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.