Respekt oder Leichenschändung? Arnulf Rainers Kreuzbilder erregen die Gemüter
Als der österreichische Künstler Arnulf Rainer Mitte Dezember 96-jährig starb, war die Ausstellung, von der hier die Rede ist, bereits seit Monaten in Planung – sehr zu dessen Missfallen. Am 17. Februar, pünktlich zu Beginn der christlichen Fastenzeit, soll in der Domkirche St. Stephan nun also eine umstrittene, von Pater Friedhelm Mennekes kuratierte Rainer-Vernissage stattfinden. Die präsentierten Objekte, entstanden zwischen 1956 bis 2014, sind nicht das Problem: 70 Kaltnadelradierungen in Kreuzform sollen ebenso wie sieben Gemälde auf Holz gezeigt werden.
Das Problem ist der kirchliche Kontext: Arnulf Rainer wehrte sich im vergangenen Herbst, wenige Wochen vor seinem Tod, noch per Anwaltsbrief „mit Nachdruck“ gegen die Zumutung, seine Kreuz-Arbeiten im Wiener Stephansdom versammelt zu sehen. Denn diese Werke seien keineswegs aus religiösen Motiven entstanden. Die Kreuz-Bilder des Künstlers hätten „nichts mit dem christlichen Symbol zu tun“, ließ damals Rainers Anwalt wissen. Vielmehr sei die Form des Kreuzes „ein persönlicher Befreiungsschlag“, der Arnulf Rainers Entwicklung erst ermöglicht habe. „Einen sakralen Bezug hat er immer abgelehnt.“
Die Protestnote richtete sich an Dompfarrer Toni Faber, der die von dem Sammler Werner Trenker initiierte und finanzierte Ausstellung in den Dom eingeladen hatte. Die Sache blieb ohne juristisches Nachspiel: An einer rechtlichen Auseinandersetzung hatte Rainer in der letzten Phase seines Lebens kein Interesse mehr.
Bei allem Respekt? Wiens Dompfarrer Toni Faber ignoriert Arnulf Rainers Willen
Bis 7. Juni wird „Das Kreuz – Das Zeichen das bleibt“ (das fehlende Komma im Titel reflektiert entweder die Orthografieschwäche oder die neue Sehnsucht der katholischen Kirche, „jungen“ Social-Media-Schreibweisen nahe zu sein) zu besichtigen sein. An politischer Prominenz wird kein Mangel herrschen. Auch Bundeskanzler Christian Stocker hat sich zur Eröffnung angesagt – was den Neffen des Künstlers, Christian Rainer, den langjährigen Herausgeber und Chefredakteur des profil, besonders erzürnt: Er hat schon Mitte November in einem „Presse“-Gastkommentar vom „Missbrauch“ der Kreuze durch den Kanzler gesprochen, von der „Missachtung des Künstlerwillens mit staatlichem Segen“, von einem „moralischen Fehltritt“ und einem „kulturpolitischen Sündenfall“. Er berichtet davon, dass sein Onkel die geplante Schau als „Demütigung“ empfunden habe.