Der Künstler Arnulf Rainer, lachend, in hellem Anzug, hinter ihm drei seiner Übermalungs-Werke
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Tod eines alten Meisters: In memoriam Arnulf Rainer, 1929–2025

Österreichs bedeutendster Künstler ist abgetreten: Am vergangenen Donnerstag starb Arnulf Rainer 96-jährig im Kreis seiner Familie.

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Das fast schon biblische Alter, das er erreicht hatte, merkte man ihm nicht an. Am vergangenen Donnerstag, nur zehn Tage nach seinem 96. Geburtstag, starb Arnulf Rainer, Österreichs bedeutendster Maler, im Innviertel, wo er seit langem gelebt hatte, auf seinem Enzenkirchener Bauernhof, im Kreis seiner Familie, einen friedlichen Tod. Noch vor einem Monat habe er ihn auf dem Hof besucht, berichtet sein Neffe, der ehemalige profil-Herausgeber Christian Rainer; der Onkel habe geistig gewohnt fit gewirkt, nur körperlich sei er bereits müde gewesen.

Der Künstler Arnulf Rainer blickt ernst in die Kamera. Hinter ihm zwei seiner Übermalungen.
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Die Karriere des Arnulf Rainer, geboren 1929 in Baden bei Wien, begann früh: Als 17-Jähriger, kurz nach dem Krieg, erlebte der zeichnerisch Hochbegabte in Klagenfurt erstmals eine Ausstellung moderner Kunst aus Großbritannien – und war augenblicklich für die zeitgenössische Kunst entflammt. Wiens bedeutendste Kunstakademien ließ er schon nach wenigen Tagen hinter sich, zu gestrig muteten ihm die Lehrpläne und ästhetischen Ausrichtungen dort an. Der vom französischen Surrealismus Begeisterte gründete lieber – unter anderem mit Wolfgang Hollegha sowie den Phantastischen Realisten Ernst Fuchs und Arik Brauer – eine junge Wiener Künstlertruppe, die er „Hundsgruppe“ nannte.

An der Seite der zehn Jahre älteren Maria Lassnig unternahm er im Sommer 1951 eine Kunstreise nach Paris, um Paul Celan und den Surrealisten André Breton zu treffen; eher zufällig landeten Rainer und Lassnig in einer Ausstellung informeller Kunst, deren Radikalität sie begeisterte. Zurück in Wien habe Rainer sich in die Arbeit regelrecht gestürzt: „Er zeichnete tagelang im deformierten Untermietzimmer, ohne aus dem Bett aufzustehen“, erinnerte sich Lassnig an ihren damaligen Partner, „während die Zeichnungen immer schwärzer und schwärzer wurden.“

Im Umfeld des kunstsinnigen Priesters Otto Mauer und dessen 1954 gegründeter Galerie nächst St. Stephan wuchs der junge Arnulf Rainer zu einem Kraftzentrum der neuen österreichischen Malerei heran. Künstler wie Markus Prachensky und Josef Mikl oder der Kino-Avantgardist Peter Kubelka, der ihm 1960 einen heftig flackernden, nur aus Schwarz- und Weißphasen bestehenden Film widmete, waren enge Mitstreiter. Auch dem Wiener Aktionismus, der Body Art und der Art Brut fühlte sich Rainer verbunden. Experimente am eigenen Leib (und mit dem eigenen verzerrten Gesicht) führte er geradezu rauschhaft durch.

Der Gestus der Verweigerung lag Rainer nahe; er lehnte es in jungen Jahren ab, sich auszeichnen zu lassen, legte sich rotzig mit Kunstprofessoren und dem bürgerlichen Kulturbetrieb insgesamt an, bedachte Wiens Spießkunstbürger gern auch mit unflätigen öffentlichen Schimpftiraden. Mit seinen auf den ersten Blick destruktiv erscheinenden, tatsächlich aber kompositorisch raffinierten Übermalungen von Gemälden und Fotos war der streitbare Künstler schon in den frühen 1960er-Jahren Punk avant la lettre.

Nach international beachteten Auftritten bei der Kasseler Documenta 1977 und der Kunst-Biennale in Venedig 1978 ging es nur weiter aufwärts: 1989 richtete man für Arnulf Rainer im New Yorker Guggenheim Museum eine große Schau aus – die erste Einzelausstellung eines lebenden Österreichers dort. Heute besitzen die größten Kunstinstitutionen dieses Planeten Rainer-Werke: Die Londoner Tate Gallery hat ebenso wie das New Yorker Museum of Modern Art zahllose Rainer-Objekte in ihren Gegenwartskunstsammlungen.

Arnulf Rainer vor einigen seiner noch am Boden lehnenden Werke, aus der Untersicht fotografiert
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Wenn man Arnulf Rainer als Kulturjournalist persönlich begegnete, war man stets mit einem sich eigenwillig inszenierenden, mit lakonischem Witz ausgestatteten Künstler konfrontiert, der aus jedem Interview ein kleines Spiel machte, aber letztlich gerne Auskunft gab. Zu besprechen gab es angesichts der Vieldeutigkeit seiner Werke jede Menge: Schließlich mischten sich in Rainers visuellen Existenzbefragungen auf ungeahnte Weise Nihilismus und Maximalismus. Im Arnulf-Rainer-Museum in Baden bei Wien gab man der Jubiläumsausstellung zum 95. Geburtstag des Meisters vor einem Jahr einen diesbezüglich sprechenden Titel: „Das Nichts gegen alles“. Kleinere Ansprüche kamen für Arnulf Rainer nicht in Frage.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.