Balztanz und Beinheben
Die Ausstellung entlehnt sich ihren Titel von Carl von Linné, der 1735 Mensch und Tier in der (noch) gleichrangigen Kategorie sogenannter Animalia zusammenfasste; bis heute wird die Welt der Natur – Tier, Mensch, Pflanzen, Mineralien – nach den Vorgaben des schwedischen Naturforschers mit zweiteiligen Namen klassifiziert: Homo sapiens. Canis lupus. Calendula officinalis. Mensch, Wolf, Ringelblume. Vor dem Auge Carl von Linnés waren und sind alle Erscheinungen gleich. „Gott schuf, Linné ordnete“, soll der Botaniker über sich selbst gesagt haben.
Mit einiger Verve überträgt „Animalia“ diesen Gedanken auf die gesamte Ausstellung – und beleuchtet zugleich das bekannt dunkle Bild vom Menschen als vermeintlicher Krone der Schöpfung. Hier Sprache und Vernunft, Smartphone und Flugzeug. Dort Instinkt und Trieb, Balztanz und Beinheben beim Urinieren. Womöglich ist der Mensch im Anthropozän, aus dem Griechischen frei mit „neues Menschenzeitalter“ übersetzt, das eigentliche Problem.
Die endlose Geschichte der Tier-Mensch-Beziehung ist seit je von krausen Hierarchien, bizarren Zuschreibungen, derben Instrumentalisierungen geprägt. Hund und Mensch als beste Kumpels. Das Tier als Maschine, wenn es nach René Descartes geht, als verwertbare Ressource in Hochleistungszucht und Massenhaltung.
Das ist das Spannungsfeld, auf dem sich „Animalia“ bewegt. Das eine sind dabei die unumgänglichen Lücken in der Beweisführung angesichts eines in jedem Sinne ausufernden Sujets; andererseits lässt einen dieses erlesene Sammelsurium an Tierdarstellungen etwas ratlos zurück – chronologisch beginnend beim ältesten Beitrag, „Caesar am Rubicon“ des deutschen Malers Wilhelm Trübner aus dem Jahr 1878, der mit Öl auf Leinwand zeigt, wie eine Dogge hypnotisch von einem Wurstkranz angezogen wird, über Damien Hirsts formatfüllende Schmetterlings-Flatterfantasie „Love, Love, Love“ (1995) bis zu den farbsatten Darstellungen der jungen Tirolerin Melanie Thöni eines rustikalen Landlebens.
„Tiere werden geboren, sie sind fühlende und sterbliche Wesen“, notierte der britische Kunstkritiker und Maler John Berger in seinem berühmten Essay „Warum sehen wir Tiere an?“ aus dem Jahr 1980: „Darin gleichen sie dem Menschen. Sie unterscheiden sich vom Menschen weniger in ihrer grundsätzlichen als in ihrer sichtbaren Anatomie – in ihren Gewohnheiten, ihrer Zeit, ihren physischen Fähigkeiten. Sie sind sowohl gleich als auch ungleich.“ Der Mensch, so Berger, werde sich seiner selbst bewusst, indem er den Blick des Tieres erwidere. Wie und weshalb sehen wir also Tiere in „Animalia“ an?
Esel und Huhn
In sechs Teilabschnitte ist die Ausstellung gegliedert: „Das Tier als Partner“ – „Das Tier als Ressource“ – „Das Tier als Spiegel des Selbst“ – „Das Tier als Bestie“ – „Das Tier als wissenschaftliche Kategorie“ – „Das eigenständige Tier“. In wechselnder Ausführlichkeit werden dabei kapitelweise die intendierten Unterströmungen erfasst, die davon erzählen sollen, was den Menschen in einer Ausstellung über Tiere zum Menschen macht.
Die Kunstgeschichte der Fauna schnurrt in „Animalia“ bisweilen allerdings auf das Besondere und Exquisite zusammen, mit vielen nach Brillanz klingenden Namen: Georg Baselitz, Birgit Jürgenssen, Meret Oppenheim, Gustav Klimt, Andy Warhol, Pablo Picasso, Keith Haring, Franz Marc, Roy Lichtenstein, Maria Lassnig, Cosima von Bonin. Nicht selten beschleicht einen das Gefühl eines Best-of, einer Leistungsschau in Sachen Tierwunderwelt, bei der die einzelnen Werke, jedes für sich, seine Prämissen und Postulate herausstellt, was zuweilen an einer grundsätzlicheren Auseinandersetzung mit der Fragestellung vorbeischrammt.
Marc Chagall malte das Aquarell „L’âne vert“ 1936 als „glückliche Vision einer wünschbaren Welt“, als Kindheitserinnerung im ostjüdischen Schtetl, bevölkert von Esel und Huhn. Die Henne gackert wie verrückt. Der Esel liegt im Stall noch faul, ein Gänseblümchen schmückt sein Maul. Pittoreskes im Bild.
Unweigerlich das Gefühl einer losen Highlight-Schau auch im sogenannten Tearoom, der selbst ernannten „Kunst- und Wunderkammer“ der Horten Collection im zweiten Stock mit ihrem roten Deckenhimmel aus Blech. Eine ausladende Vitrine versammelt zahllose Sammlerstücke aus dem Besitz der Stifterin, viel Meissen und viel Fabergé, dazu emaillierte Kröten mit Riesenmaul, vergoldete Zirkusaffen, ein Mops, dessen Glotzen ins Eulenartige spielt. Diese Teile der Sammlung präsentieren sich wie selbstverständlich eingestreute Schmuckzutaten des Alltags einer Milliardärin, was sie ja tatsächlich waren. Mitten hinein in die Unübersichtlichkeit der tierischen Kunstgeschichte führen dagegen Gelatin, Edgar Honetschläger, Anna Jermolaewa und Lena Henke. In weiter Expansionsbewegung, die Abseitiges und Überraschendes, aber auch Naheliegendes und Bekanntes zum Thema erzählt, umkreist der Umweltaktivist (gobugsgo.org) und Künstler Honetschläger den Tier-Mensch-Nukleus. Er vertreibt online Kleidungsstücke für Hühner – Produkte, die niemand braucht, aber sehr viele haben wollen. In der Collection ist das Modell „Camouflage“ zu sehen, Motto: „Forget about DADAism. Believe in GAGAism“. Es lebe das Gaga-Gackern.
Während das Künstlerkollektiv Gelatin unförmiges Stoffgetier als deutlichen Verweis auf die gängige Formaldehyd-Präparate-Praxis in sechs Gefäße mit synthetischem Öl stopft, durchkreuzt Anna Jermolaewa jede Niedlichkeit beliebter Heimtiere. In der Fotoserie „Noch kein
Titel (Eremitage Katzen)“ porträtiert sie auf 40 großformatigen Fotos jene Katzen, die im St. Petersburger Kunsttempel Eremitage den offiziellen Status von Mitarbeitenden innehaben. Mäuse- und Rattenkiller in Heldenpose.
Jäger und Gejagte
Alles andere als eine vernachlässigbare Petitesse auch die Arbeit des Schweizers Matthias Garff, der die Absonderlichkeiten der Welt des Krabbelns und Schwirrens in Insektenkästen – Achtung! – aufspießt, in denen erstarrtes Kleinstgetier aus gefundenem Schwemmgut – Kronkorken, Bonbonpapier, Dosenclips – pseudowissenschaftlich ausgerollt wird.
Unmittelbar und überraschend das Bronzegeweih des Schweizer Künstlers Not Vital, der dem Alptraum der Trophäensammlung von Rothirsch-, Rehbock- oder Damwild-Horn sein Geweih entgegenstellt, an dessen Spitzen die Buchstaben F, U, C, K, Y, O und U sprießen. Mutmaßlich letzte Worte von Jäger und Gejagtem.
Man hat etwas gewonnen, wenn man schließlich der Gips-Schaumstoff-Schweineskulptur im zweiten Stock gegenübersteht. Groß, massig, weiß-lila gefleckt, von der deutschen Künstlerin Lena Henke „UR Mutter“ getauft. Schwein gehabt!
Wortgetreu glückt das Schreddern und Neuschreiben der seit Adam und Eva bedenklich schwankenden Tier-Mensch-Mesalliance Ute Hörner und Mathias Antlfinger: Das deutsche Künstlerduo ließ die Graupapageien Clara und Karl frohgemut an einem Band von „Brehms Tierleben“ bis zur Vorstufe von Pappmaché nagen, was durchaus einem Sakrileg gleichkommt.
Der deutsche Zoologe und Schriftsteller Alfred Brehm ist bis heute einer der großen Poetisierer und Naturverklärer unter den Tierbeobachtern. „Die Säugetiere leben nicht so wie die Vögel“, konzedierte Brehm in seinen Schriften: „Ihr Leben ist bedächtiger und schwerfälliger. Ihnen mangelt die heitere Lebendigkeit und unerschöpfliche Lebensfröhlichkeit der Lieblinge des Lichts.“