Tomasz Machciński inszeniert sich vor der Kamera als Papst
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Ausstellung „Photo Brut“: Bilder, die das Unbewusste und die Träume feiern

Ein Automonteur verkleidet sich für die Kamera als Hitler und Papst, ein Werftarbeiter fertigt Pfeifen aus Pornomagazinen: In der Ausstellung „Photo Brut“ zeigt das Foto Arsenal Wien grandiose Outsider-Kunst.

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An einem Samstagvormittag besuchte Felix Hoffmann unlängst den Flohmarkt bei der Wiener Kettenbrückengasse und stöberte einen Nachlass Hunderter Fotos mit Straßenbahnen auf. „Dieser Mensch terrorisierte vielleicht ein Leben lang seine Familie mit seiner Passion“, rätselt der deutsche Kulturwissenschafter.

Hoffmann, Jahrgang 1972, ist Leiter des im Vorjahr eröffneten Foto Arsenal Wien. Er sitzt in einem Büro des Bilderkunsthauses, untergebracht im Objekt 19, in einem von Spielplätzen und der Panzerhalle des Heeresgeschichtlichen Museums umstellten Backsteingebäude, und tastet sich gedanklich entlang den Beschilderungen von Sinn und Wahn. „Aus den Fotos mit den Trambahnen spricht keineswegs zwingend eine verrutschte Seele, sondern pure, fesselnde Leidenschaft.“ Die Grenzen, sagt Hoffmann, seien, wie so oft, fließend. „Hauptsache, das Herz hüpft.“

Dem Paarlauf von psychischer Auffälligkeit und sogenannter Normalität wird das Foto Arsenal auch seine jüngste Ausstellung widmen: „Photo Brut“ zeigt ein Best-of aus der seit 40 Jahren zusammengetragenen Sammlung des französischen Filmemachers Bruno Decharme: Fotos und Objekte, geschaffen von Menschen mit psychischen oder physischen Einschränkungen; Arbeiten, die außerhalb der etablierten Kunstwelt und deren Institutionen entstanden sind. Rohe, unpolierte Kunst – analog zum 1948 vom französischen Maler Jean Dubuffet geschaffenen Begriff der „Art Brut“ benannt.

„Photo Brut“ führt in ein grandioses Grenzland mit weitestgehend unbekannten, im Verborgenen agierenden Kunstschaffenden – als kämen sie direkt aus der Welt André Bretons, des großen Verrätslers, der vor gut 100 Jahren im „Surrealistischen Manifest“ das Unbewusste, die Träume und das Irrationale feierte.

Im Selbstbespiegelungskabinett

Gezeigt wird unter anderem der erstaunliche Fall des polnischen Automechanikers Tomasz Machciński (1942–2022), der ab 1966 mit einer russischen Lomo-Smena-8M-Kamera einen singulären Bilderkosmos schuf. Machciński, der alle Regeln brach, geschriebene und ungeschriebene, hinterließ stapelweise Fotos, auf denen er sich als Stalin, Hitler, Kleopatra, Bauarbeiter, Priester, Tänzerin, Clown, Salondame, als Gollum aus „Der Herr der Ringe“ vor der Kamera inszenierte, ein überwältigendes Selbstbespiegelungskabinett, in dem sich der Hobbyfotograf auf mehr als 20.000 Aufnahmen in wechselnder Aufmachung präsentierte.

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Ein Akt ungestümer Leidenschaft und verwegener Begabung, dunkles Geheimnis und mit Selbstauslöser fabriziertes Glück zugleich, mit einer gewissen Grimmigkeit erkämpft. Ganze Museumswände lassen sich mit Machcińskis Selbstporträts schmücken; Cindy Shermans Rollenbilder-Fotoserien nehmen sich im Vergleich dazu fast schon bescheiden aus. Lange Zeit nahm die Welt keinerlei Notiz von Machcińskis Manie. „Alles, wovon ich träume, habe ich fotografiert. Das sind Fotos meiner Träume, meiner Sehnsüchte, meiner Ziele – als das Unerreichbare“, bekannte Machciński 1997. In Wien werden zahllose seiner fotografischen Traumwanderungen zu sehen sein.

Das Superthema vieler Kunst-Outsider ist die schiere Menge. Der japanische Werftarbeiter und Kettenraucher Kazuo Handa schnitt Pornomagazine in Streifen und pappte diese mithilfe von Acrylharz kunstvoll zu Pfeifen, Zigarettenetuis, Aschenbecher und Pfeifenständer zusammen; mehr als 800 Objekte sind in der Decharme-Sammlung erhalten, etliche davon werden im Foto Arsenal gezeigt werden – ebenso wie die „Fernsehgeräte“ des Kubaners Lázaro Antonio Martínez Duran, der politische Tageszeitungsschnipsel zu kleinen Kartonskulpturen in ausufernder Zahl formte.

Der Kölner Geschäftsmann Günter K. wiederum dokumentierte von Mai 1969 bis Dezember 1970 auf 267 Fotos die Affäre mit seiner Sekretärin, sammelte Proben ihrer Kopfhaare und Fingernägel, schrieb obsessiv Tagebuch: „Heute Abend mach’ ich dir Rolladen (sic!) mit Spargel und Gurkensalat.“

Fumihiro Endo, ein Landsmann des Erotikmagazin-Rauchwaren-Aficionados, schuf Bücher, die er „Magazine der verstörten Geister“ nannte und mit Mangas, Roman- und Zeitungsausschnitten sowie anderen Materialien im Hochleistungsmodus illustrierte: 99 Bücher in zwei Jahren.

Auch wenn die Fotografie von Anbeginn manipulierbar war und nie ,Wirklichkeit‘ abbildete, klammern wir uns in jedem Bild an die Hoffnung: Aha, es muss ein Stück Wahrheit geben.

Felix Hoffmann, Leiter Foto Arsenal Wien

Nebenher produzierte er eine Tag-für-Tag-Chronik seines Lebens, die er als „assoziatives Geschwätz“ bezeichnete: Geschichten seiner Supermarktkollegen im japanischen Fukuoka, Restaurantquittungen, aus Zeitschriften ausgeschnittene Fotos von Prominenten, Filmprogramme, Kreuzworträtsel. Endlich nimmt hier jemand die Phrase, wonach man einen Roman über etwas schreiben könne, sehr ernst.

Der deutsche Künstler Horst Ademeit (1937–2010), der neben Verkleidungsgenie Machciński als einer der wenigen im „Photo Brut“-Pool bereits einige Bekanntheit erlangt hat, widmete sich schließlich vier Dekaden lang der Dokumentation „kalter Strahlen“, die er auf über 6000 Polaroids fotografisch festhielt, an den weißen Seitenrändern flankiert von mikroskopisch kleinen, nahezu unleserlichen Notizen.

In jedem mutmaßlichen Wahn schwinge eine Ode an die Normalität mit, ist Foto-Arsenal-Leiter und Ausstellungskurator Hoffmann überzeugt. Besonders die Fotografie eigne sich dazu als hervorragendes Vehikel. „Sie lässt uns an das glauben, was wir sehen“, sagt Hoffmann. „Auch wenn die Fotografie von Anbeginn manipulierbar war und nie ‚Wirklichkeit‘ abbildete, klammern wir uns in jedem Bild an die Hoffnung: Aha, es muss ein Stück Wahrheit geben.“ Kurzer Schwenk ins Sakrale: „Seit 2000 Jahren glauben wir schließlich auch an die Darstellung von Jesus Christus, sobald wir eine Kirche betreten.“

Der Versuchung ist Hoffmann, um im Bild zu bleiben, an jenem Samstagvormittag übrigens nicht erlegen. „Kurz zuckte es“, erinnert er sich. Die Kisten mit den Fotos, auf denen Straßenbahnen sonder Zahl zu sehen waren, blieben letztlich am Flohmarkt zurück.

„Photo Brut. Feeling Photography“: Foto Arsenal Wien, Objekt 19A, 1030 Wien; Eröffnung am 21. Mai, 19 Uhr; bis 6. September 2026
Wolfgang Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.