Schauspielerin Oona Chaplin als Varang in "AVATAR: FIRE AND ASH"
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Avatar: Die Guten, die Bösen und die Hässlichen

Blau, blau, blau ist alles, was ich habe: Regisseur James Cameron bringt „Avatar 3: Fire and Ash“ in die Kinos. Eine durchaus brenzlige Angelegenheit.

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Ach, wie schön ist das Paradies, bevölkert von blauhäutigen Giganten der Freiheit und des Friedens. Auf urzeitlichen Hautflüglern gewaltigen Ausmaßes ziehen die Na’vi-Brüder Neteyam und Lo'ak am Himmel im Zickzack ihre Bahnen, zwei arglose Buben in kosmischer Entfernung zu allem Alltäglichen und Dämonischen, das uns menschliche Zweifüßer ausfüllt. Eine buchstäblich himmelschreiende Idylle, ein von „Bro“ hin, „Bro“ her best-buddy-haft untermalter Garten Eden. Zu viel des Guten, man ahnt es. Dunkles braut sich zusammen. Schöne Dinge, wusste schon Nietzsche, haben schlimme Ursprünge.

Die Super-Blockbuster-Reihe „Avatar“ des kanadisch-neuseeländischen Filmemachers James Cameron scheute von Beginn an jeglichen Umweg über eine auch nur angedeutete Komplexität. An der bescheidenen Gut-Böse-Verwaltung hangelten sich bereits die von mindestens biblischem Gestus imprägnierten Teile „Avatar“ (2009) und „Avatar: The Way of Water“ (2022) entlang. 

Für „Avatar 3: Fire and Ash“, der jüngsten Rückkehr zum mit dem wertvollen „Unobtainium“ gesegneten, vom bukolischen Volk der Na'vi bevölkerten Exoplaneten, stapfte Regisseur Cameron nun erneut auf den Feldherrenhügel der good-bad-ugly-Deutungshoheit: Über drei Stunden hämmert „Avatar 3: Fire and Ash“ das alte Lied von Gut und Böse, Schuld und Sühne, Krieg und Frieden, Militarismus und Mildtätigkeit, archaischer Langbogenschnitzkunst und hypermoderner Schnellfeuerwaffen-Obszönität; man wähnt sich in einem ewigen darwinistischen Überlebenskampf, situiert in extraterrestrischen Regenwäldern, Dschungellandschaften, Meeresbezirken und auf – als neues Pandora-Puzzleteil – Flugvehikeln, angetrieben von bis zum Zerplatzen aufgepumpten lebenden Luftballonen.

Menschen auf zwei Beinen werden hier vermessen und analysiert wie eine wissenschaftliche Anomalie, während die Wesen mit den gelben Augen und der blauen Haut die übergroßen Stellvertreterfiguren für Camerons Endlosmärchen vom letztlich sieggekrönten Guten sind, das kurzweilig äußerst hässlich vom Grauen gestreift wird. 

Es geht, abermals, darum, aus der Pandora-Welt Schönheit zu schöpfen, bevor (fast) alles zusammenbricht. In „Avatar 3: Fire and Ash“ ziehen die Sterne, wie der Dichter Friedrich Rückert einst mutmaßte, alles andere als heiter hin.

Der wilde Reptilienvögel-Ritt der braven Na’vi-Buben also, mit dem „Avatar 3: Fire and Ash“ seinen Anfang setzt, entpuppt sich schon bald als schuldbehafteter Traum. Nicht nur Lo'ak trauert um seinen Bruder Neteyam, an dessen Ableben er sich verantwortlich fühlt: Eine Familie leidet, erstarrt in Trauer und Schuld. „Avatar 3: Fire and Ash“ ist als krawalliger Vorweihnachtsfilm mit Schwerpunkt Familienwerte als letzte Festung im aufziehenden Chaos konzipiert, wobei das Hin und Her zwischen Bukolik und Bekämpfung des Bösen naturgemäß zu keiner beruhigenden Conclusio führt, wie denn auch? Cameron plant, sein Langzeitvorhaben „Avatar“, an den Kinokassen eine der lukrativsten Science-Fiction-Fantasy-Filmreihen, erst mit Teil fünf zu finalisieren.

Alles geht bis dahin in „Avatar 3: Fire and Ash“ seinen Gang; spätestens ab dem Moment, an dem Sam Worthington als Ex-Erdling und Neo-Avatar Jake Sully das „Abenteuer“ eines Familienausflugs mit der Absicht verspricht, Filmziehsohn Spider (Jack Champion, verloren zwischen blauen Riesen) zu dessen eigener Sicherheit von den Atollen an den Küsten des Mondes Pandora ins Landesinnere zu verbringen, entfaltet sich eine zweifelhafte Ode an die atemlose Kino-Konfektion: Die erstmals auf der „Avatar“-Bühne wütenden „Ash People“ mit Anführerin Varang (bizarr-maliziös: Oona Chaplin) massakrieren den Na’vi-Clan und verbünden sich mit den menschlichen Tyrannen, denen das Edelelement „Unobtanium“, das den „Avatar“-Reigen einst in Gang setzte, inzwischen vollkommen egal zu sein scheint.

Man lernt: Die heile Na’vi-Welt ist von innen her durch den hinterhältigen Na’vi-Zweig der „Ash People“ bedroht, das Böse nistet bisweilen im Guten, und geschäftliche Interessen wechseln einander im modernen Management schnell ab.

Da wäre noch: Großheld gegen Großhalunke – Jake Sully gegen Stephen Lang als Avatar-Klon Colonel Quaritch mit Vatergefühlen (family values!) und Todfeind Sully gegenüber sogar mit kurzen „Bro“-Momenten, dazu eine Totenerweckung im Nebenbei und raue Mengen an Hell/Dunkel-Metaphorik. Und immer wieder geht die Sonne oder was auch immer über Pandora auf, denn allzeit Dunkelheit gibt es nicht. 

Das Ende? Offen. Nichts ist den Sternen so schnurzpiepegal wie das Schicksal von Colonel Quaritch und „Ash People“-Chefin Varang auf dem Weg zur eigenen Kleinfamiliengründung, denen „Avatar 3: Fire and Ash“ nach viel Kampf und Krampf großzügig ein Schlupfloch zum Weiterleben im heraufziehenden vierten Teil gönnt. 

Wolfgang Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.