Carla Simóns naturalistisches Drama „Alcarràs“

Carla Simón gewann den Goldenen Bären für ihr naturalistisches Drama „Alcarràs“

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Berlinale
02/16/2022

Berlinale 2022: Spanischer Sieg und heimische Erfolge für "Mutzenbacher" und "Sonne"

Die 72. Filmfestspiele in Berlin endeten mit dem Triumph eines katalanischen Farmerdramas – und gleich zwei wichtigen Preisen für das weibliche Wiener Gegenwartskino.

von Stefan Grissemann

Die Preisverleihung der Berlinale verlief durchaus anders, als man das erwartet hatte: Etliche der als Favoriten gehandelten Werke wurden entweder mit Nebenpreisen bedacht oder gleich ganz ausgelassen, stattdessen wurde der Goldene Bär am Mittwochabend einem eher unauffälligen Film verliehen, der von den Nöten katalanischer Bauern berichtet, die eine Pfirsichplantage bewirtschaften. Carla Simóns naturalistisches Drama „Alcarràs“ erschien als durchaus respektables Werk mit politischer Agenda und guter Schauspielerführung, am Ende aber auch als ein sehr typisches Stück Arthouse-Gegenwartskino.

Aber so entschied die Jury unter dem Vorsitz des US-Regisseurs M. Night Shyamalan eben; immerhin erkannte man in der Französin Claire Denis, die ihre Liebesstudie „Avec amour et acharnement“ nach Berlin gebracht hatte, die beste Regisseurin des Festivals und in der Mexikanerin Natalia López Gallardo eine weitere herausragende Filmemacherin: Ihr geheimnisvolles und bildgewaltiges Familientrauerspiel „Robe of Gems“ wurde mit dem Jurypreis gewürdigt, der koreanische Kinomeister Hong Sangsoo für seine 27. Arbeit, „The Novelist’s Film“, sogar mit dem Großen Preis der Jury.

Erstaunlicher muteten die beiden ehrenvollen Auszeichnungen an, die an zwei österreichische Filmemacherinnen gingen, die beide in der Sektion „Encounters“, dem subversiveren Gestaltungsformen geltenden Zweitbewerb der Berlinale, liefen. Die Dokumentaristin Ruth Beckermann wagte mit ihrem Film „Mutzenbacher“ tatsächlich einiges, vor allem formal (profil berichtete): Sie drang über die Auseinandersetzung mit einem alten Klassiker der Pornoliteratur, „Josefine Mutzenbacher“, in die Psychen jener Männer vor, die sich für dieses Filmprojekt freiwillig gemeldet hatten.

Die zweite Würdigung traf dann, passend zur Stärke der diesjährigen Präsenz österreichischer Filme, erneut eine Produktion aus Wien: Die junge Regisseurin Kurdwin Ayub hatte sich mit der Direktheit und Dynamik ihres Spielfilm-Erstlings „Sonne“, produziert übrigens von der Firma Ulrich Seidls, dessen neues Werk „Rimini“ in Berlin leer ausging, die Aufmerksamkeit des internationalen Publikums gesichert. Ihre Erzählung kreist um eine Gruppe von Jugendlichen, insbesondere um ein multiethnisches Freundinnentrio, das sich über der Produktion eines umstrittenen YouTube-Videos zu überwerfen droht. Die Energie und Frische des semidokumentarischen Zugriffs Ayubs teilte sich in Berlin jedenfalls mit.

Erstaunlich ruhig lief die Berlinale, trotz solcher aufregender Filme, insgesamt ab, ohne die befürchteten Infektions-Cluster und in Präsenz; die Nerven, die das Festival-Leitungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian trotz heftigen Gegenwindes bewiesen hatte, waren wichtig – denn es galt zu demonstrieren, dass man auch unter widrigen Bedingungen eine Kulturgroßveranstaltung dieser Art auf die Beine stellen kann (und soll).