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Kultur
12/05/2020

Blutdurst: Drei neue Bücher über und von Susan Sontag

Susan Sontag war eine bejubelte Pop-Ikone und gefürchtete Geistesgröße. Drei neue Bücher umkreisen Leben und Werk der US-Autorin. Ein vorweihnachtliches Lesefest.

von Wolfgang Paterno

Susan Sontag setzte früh eine Geschichte in die Welt, die viel über sie erzählt. In jungen Jahren litt sie unter Anämie, als Kind trank sie daher täglich ein Glas Blut, das ihre Mutter beim Metzger geholt hatte. Von vielen Weggefährten wurde Sontag als heiliges Monster mit schneidendem Verstand und glamourösem Auftreten beschrieben. "Dummkopf" war eines ihrer Lieblingswörter, und von Dummköpfen sah sie sich zeitlebens umringt. Gefürchtet war ihr Ich-bin-umgeben-von-Idioten-Blick. Sie schrieb als selbst ernannte Solistin, in einer Reinheit und Raschheit, die viele ihrer Zeitgenossen als geistige Langzeitbrüter hinter sich ließ. Sontags uferlose Neugier umfasste die Themen Krebs und Kino, Folter und Film, Malerei und Pornografie, Existenzialismus und Empathie. Mit den Großessays "Kunst und Antikunst" (1966), "Über Fotografie" (1977) und "Krankheit als Metapher" (1978) wurde sie früh berühmt.

Sontag war laut, kühn, ikonisch, die Frau mit der weißen Haarsträhne, eine mondäne New Yorkerin mit Zweitwohnsitz in Paris, Liebhaberin prominenter Frauen und Männer, eine der ersten Intellektuellen Amerikas, die ihre Erfolge und Fehlschläge buchstäblich in aller Öffentlichkeit auslebte. Andy Warhol entdeckte ihre Starqualitäten, und in Woody Allens Filmkomödie "Zelig" trat sie als allgegenwärtige Kommentatorin auf.

Sontag wurde vor 87 Jahren in New York geboren und starb nach langem Krebsleiden 2004 im dortigen Memorial Hospital. Es entspricht der Schriftstellerin, die den Regelbruch zur Arbeitsgrundlage erhob, geradezu ideal, dass fernab runder Jahrestage kürzlich drei neue Bücher, eines von ihr, zwei über sie, erschienen sind. Die Biografie "Sontag" des amerikanischen Journalisten Benjamin Moser, 44, ist ein Monumentalziegel, in dem man sich wie in einem detailversessenen Roman über eine grandios widersprüchliche Heldin festliest. "Sontag" wurde heuer mit dem Pulitzerpreis für die beste Biografie ausgezeichnet; das Buch ist Epochengemälde, Zitate-und Interviews-Fundgrube sowie Bio-Epos über, so Moser, "Amerikas letzten großen Literaturstar". Kurzum: viel mehr als die Summe seiner Teile.

Ergänzt wird der 1000-Seiter vom Bändchen "Sempre Susan" der US-Bestsellerautorin Sigrid Nunez ("Der Freund").Nunez und Sontag lernten einander 1976 kennen. Bald übersiedelte Nunez in Sontags Wohnung am 340 Riverside Drive in Manhattan, die legendäre "340", und wurde die Kurzzeitgeliebte von Sontags Sohn David. Nunez, heute 69, war in der "340" Bürogehilfin, Monologpartnerin, Zigarettenpausen-Kumpanin. Vernarrt, servil, langweilig, ernsthaft - das seien, erinnert sich Nunez, neben "Dummkopf" Sontags Lieblingswörter gewesen: Sie war vernarrt ins Kino; als "servil" kanzelte sie gern ihr jeweiliges Gegenüber ab. Sontags immenser Appetit nach Spaß und Schönheit duldete keine Langeweile. Schließlich ihre angeberische Ernsthaftigkeit: "Jedes Komma ist mir wichtig."

"War sie ein Monster?", fragt auch Nunez. "Wenn sie unglücklich war, schlug sie um sich; sie wollte jemanden verletzen. In ihrem inneren Zirkel befand sich immer mindestens ein Prügelknabe oder ein Prügelmädchen, und auf diese Person drosch sie sein." Es sei dann so gewesen, als habe man ein kleines Kind zu Joe Louis in den Ring gestellt. Der Boxer trug den Kampfnamen "Brauner Bomber". Nunez wie Moser werden ihrem Gegenstand mit Bravour gerecht, weil ihre Porträts bei aller offensichtlichen Verehrung nichts von Hagiografien haben. Beide wissen und fürchten, dass sich Sontag andernfalls im Grab umdrehte.
 

In Neuübersetzung erscheint schließlich der Band "Wie wir jetzt leben" mit fünf der insgesamt 16 Kurzgeschichten, die Sontag schrieb. Susan Sontag verstand sich mehr als Schriftstellerin, weniger als Essayistin, eher als Literatin und weniger als die Paradeintellektuelle, als die sie gefeiert wurde-  "eine der größten Frustrationen in ihrem Leben", wie Nunez bemerkt. In "Wie wir jetzt leben" ist Sontag als Autorin von Geschichten unterschiedlicher Güte wiederzuentdecken; von der leuchtenden titelgebenden Story über eine Freundesgruppe in Zeiten der grassierenden AIDS-Epidemie über das gekünstelte Weltuntergangsszenario "Der Blick aus der Arche" bis zu der charmant-ironiebefreiten autobiografischen Erzählung "Wallfahrt", in der die damals 16-jährige Susan in den Palisades hoch über dem Pazifik bei Los Angeles ihren damaligen Literaturhelden Thomas Mann zu Tee und Gebäck trifft.

Ein letzter Widerspruch: Als Person spielte Susan Superstar in ihrem eigenen Werk kaum eine Rolle. Als selbstverliebte Twitter-Queen wäre sie heute schlechterdings nicht vorstellbar. Ihre Sicht der Welt brachte sie bereits Ende 1964 auf die Formel: "Tod = völlig im eigenen Kopf. Leben = die Welt".

Sigrid Nunez: Sempre Susan. Erinnerungen an Susan Sontag. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube. Aufbau, 141 S., EUR 18,50

Susan Sontag: Wie wir jetzt leben. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Hanser, 124 S., EUR 20,60

Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie. Deutsch von Hainer Kober. Penguin, 924 S., EUR 41,20

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