Olga Neuwirth in der Wiener Staatsoper
Olga Neuwirth in der Wiener Staatsoper

© APA/AFP/JOE KLAMAR

Kultur
12/05/2019

Neuwirth: "Das Patriarchat hat seine Zerstörungsarbeit geleistet"

Die Komponistin Olga Neuwirth und die New Yorker Performance-Künstlerin Justin Vivian Bond über androgyne Klänge, Tom & Jerry, Kommunikationsangst, Österreichs Konservativismus und die gemeinsame Arbeit an der Staatsopern-Uraufführung "Orlando".

von Stefan Grissemann

OLGA NEUWIRTH, 51, ist Österreichs bedeutendste Komponistin Neuer Musik. Sei drei Jahrzehnten arbeitet die gebürtige Grazerin an einer höchst individuellen Vision von - oft elektronisch erweiterter - Musik, die auf klassische Tonalität weitgehend verzichtet. Schöne Melodien müsse sie nicht mehr schreiben, sagt sie ironisch, dafür gebe es ja Bach.

JUSTIN VIVIAN BOND, 56: Als Trans-Genre-Artist versteht sich Justin Vivian Bond, als grenzensprengende US-Performerin, die sich am Broadway ebenso zu Hause fühlt wie vor der Kamera ("Shortbus"). Sie singt, spielt, malt - und arbeitete u. a. mit den Musikern Bob Ostertag und Rufus Wainwright.

INTERVIEW: MANUEL BRUG, STEFAN GRISSEMANN

profil: Sie bringen in wenigen Tagen an der Wiener Staatsoper "Orlando" zur Uraufführung. Wie fassten Sie dieses Werk ins Auge? Neuwirth: Ich wollte keinen Kompromiss eingehen. Als erste Frau, die in der 150-jährigen Geschichte der Staatsoper einen Kompositionsauftrag bekommt, musste ich ein Zeichen setzen. Die Entscheidung für genau dieses Buch ist an sich schon ein Statement. Als ich 15 war - und ich bin in einer sehr xenophoben Gesellschaft an der Grenze zu Slowenien aufgewachsen - war "Orlando" für meine Suche nach role models entscheidend für mein weiteres Leben und meine Kunst. Es war eines von zwei Büchern, die mich für immer geprägt haben. Das zweite ist "Notes on Camp" von Susan Sontag. Ich sprach ja schon vor 25 Jahren von der "Androgynität der Klänge", weil man in meiner Musik oft nicht mehr nachvollziehen kann, von wem oder welchen Instrumenten sie eigentlich produziert werden.

profil: Was war die größte Überraschung im Probenprozess bisher? Neuwirth: Dass die Abteilungen in diesem traditionellen Haus nicht wirklich miteinander kommunizieren. Dabei sollte eigentlich in modernen Arbeitsprozessen jeder Bereich über die eigenen Grenzen blicken und sich selbst hinterfragen. Das ist natürlich eine Sisyphus-Arbeit...

profil: ...oder sogar ein Himmelfahrtskommando. Neuwirth: Klar, trotzdem wollte ich es versuchen. Aber alles, was in diesem "Orlando" vorkommt, ist ein Opus summum meines 30-jährigen Arbeitens.

AUSSTATTUNGS-MINIMALISMUS: "Orlando" wird am 8. Dezember uraufgeführt.

profil: Und das ausgerechnet in einem der staubigsten Opernmuseen der Welt? Neuwirth: Wenn man nichts wagt, kann man nichts verändern. Im Moment der Erstarrung und des anschließenden Zerfalls liegt immer auch die Möglichkeit, etwas auf den Weg zu bringen - auch wenn das vielleicht utopisch klingt. Entweder möchte man ein schönes musikalisches Museum bleiben, oder man versucht, auf allen Ebenen, in die Zukunft zu gehen. Die Staatsoper scheint da gerade an einer Schwelle zu stehen. Insofern ein interessanter Moment für mich und meine Oper. Bond: Es gibt hier sehr viele Leute, die etwas zu sagen haben: die Komponistin, die Regisseurin, der Dirigent, die Leute für die Choreografie und den Chor. Es ist schon eine komische Zeit, in der die Menschen nicht wirklich miteinander interagieren. Wir haben uns alle daran gewöhnt, nicht mehr persönlich zu kommunizieren. Dabei sind soziale Fähigkeiten die erste Voraussetzung, um kreativ zu sein.

profil: Welche Rolle spielen Sie in "Orlando"? Bond: Ich spiele Orlandos Kind. Diese Rolle ist ein Erbe dessen, was Virginia Woolfs Roman "Orlando" in unserer Kultur erschaffen hat. Die Diskussion über die Möglichkeiten von Geschlecht und Identität ist fortgeschritten, das Bewusstsein gewachsen, dass es nicht nur Männer und Frauen gibt. Ich bin quasi die Verkörperung dessen. Und deshalb ist Orlandos Kind keines im herkömmlichen Sinne, sondern auch das geistige Erbe der Vision Woolfs. Neuwirth: Es hat natürlich Folgen, dass ich Orlandos queere Reise durch die Zeiten bis in die Gegenwart weiterziehe. Die Konsequenz ist nun, dass sein Kind ein Non-binary-Wesen ist. Ich hatte mich dafür an Justin Vivian Bond gewandt, weil ich sie vor Jahren schon in einer Show in New York gesehen hatte.

profil: In der Oper hat man von Anfang an, seit der Barockzeit, mit den Kastraten, den Hosenrollen, mit dem Element der Geschlechterfluidität gespielt. Es gibt inzwischen auch Transgender-Gesangsstars. Warum ist das erst jetzt in Wien so ein großes Thema? Neuwirth: Ich denke, das liegt leider noch an den von Männern gesetzten Normen in der Gesellschaft. Auch deshalb habe ich "Orlando" gewählt. Denn dieser Stoff negiert Normen und Stereotypen. Opernhäuser sind so starr. Kein Wunder, dass Pierre Boulez schon vor 50 Jahren gesagt hat, man müsste sie in die Luft sprengen. Ich sage, man müsste sie gleich zwei Mal sprengen. Bond: In den letzten 100 Jahren wurde deutlich, was für ein Ausmaß an Zerstörung diese patriarchalischen Werte verursachen. Veränderung ist absolut notwendig. Ich weiß eigentlich nicht, warum wir ausgerechnet in der Oper gelandet sind.

Überreichung des "Österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst" an Neuwirth Anfang Dezember

profil: Woolfs Roman ist 91 Jahre alt, aber nicht zuletzt durch seinen scharfen Witz sehr gegenwärtig. Wird er sich in Ihrer Oper wiederfinden? Neuwirth: Die Ironie ist sehr faszinierend an diesem Buch. Es heißt oft, große politische Themen dürfe man nicht ironisch aufbereiten. Dabei ist Kunst doch ein Freiraum, um etwas zu imaginieren, um ein sprudelnder Freigeist zu sein, um alle Stilmöglichkeiten anzuwenden. Das halte ich seit 30 Jahren so, wurde dafür aber ausgelacht oder angefeindet. Denn Ironie gilt als unseriös. Ich spiele natürlich auch in "Orlando" wieder damit, zitiere richtig und falsch aus der Musikgeschichte. Um klanglich sozusagen ironisch zu sein, wird alles vernebelt und verzerrt. Alles verschwimmt, wird elastisch, ich stelle schon die Produktion des Klangs infrage, verstimme etwa die zweiten Geigen um einen Viertelton zu den ersten. Das Nichtgenormte soll schon in der Musikproduktion zum Ausdruck kommen. Allerdings musste ich gerade eine schöne Stelle streichen: Das Ironische war anscheinend zu schwierig zu koordinieren mit der Szene. Ich bin ja großer Slapstick-Fan, Tom & Jerry finde ich genial, auch vom absolut präzisen musikalischen Timing her.

profil: Fehlt nicht einfach auch viel Background zur Gegenwartsmusik in diesem abgeschlossenen Kasten Oper? Neuwirth: Nicht nur. Und Ironie hat ja, siehe Woolf oder Jelinek, mit feingeschliffener Gesetztheit zu tun.

profil: Ist "Orlando" nun auch eine Art Traumaarbeit, nachdem Ihr angekündigter alternativer "Don Giovanni" erst in Salzburg und dann an der Staatsoper nicht zustande kam? Neuwirth: Eine Szene habe ich daraus gekürzt übernommen. Die gibt es nicht im Buch. Ich glaube, dass unter anderem die Unterdrückung von Eigenständigkeit und Diversität zu toten Seelen und Herzen geführt hat, was für beide Weltkriege mitverantwortlich war. Das Patriarchat hat seine Zerstörungsarbeit geleistet.

Die Obszönität von Führern ist unfassbar.

profil: Und wir sitzen hier an einem denkbar patriarchalen Ort. Bond: Diese Schatten kommen immer wieder zurück: Populisten siegen, Oligarchen unterdrücken, der totalitäre Hammer schlägt wieder zu. Wir müssen alle wachsam sein. Neuwirth: Die Obszönität von Führern ist unfassbar.

profil: Wie reagiert das Orchester auf Ihre Musik? Neuwirth: Nächste Frage. Ich habe absichtlich sehr verschiedene Menschen aus allen Genres, Abteilungen und Arbeitszusammenhängen involviert. Wenn man miteinander nicht redet oder einander nicht respektiert, kann nichts entstehen. Aber Zeit für respektvolle Konversation gibt es - nicht nur hier - nicht so wirklich. Es will ohnehin jeder nur weiter in seinem eigenen Saft schmoren, sich in seiner Nische sicher fühlen. Ich fordere sie alle ein bisschen dazu auf, die Komfortzone zu verlassen. Das ängstigt und beunruhigt.

profil: Welche Konsequenzen hat das? Neuwirth: Absurde. An einem der ersten Probentage kam jemand in heller Aufregung auf mich zu und rief: " Sie verlangen, dass diesmal alle Bereiche miteinander kommunizieren? Das ist ja, als wollten Sie eine psychoanalytische Situation provozieren!" Ich sagte nur: "Ja, mag schon sein."

profil: Warum gibt es so wenige Komponistinnen im Klassikbetrieb? Neuwirth: Es gibt sie, viele Frauen studieren heute Komposition. Die #MeToo-Debatte hat dazu beigetragen, zu zeigen, wie sehr dieser Betrieb auch Frauen braucht. Aber wir müssen auch gut sein. Wenn man etwas verändern möchte, muss immer mit einer Übertreibung begonnen werden, sonst ändert sich nichts. Mein Optimismus ist jedoch begrenzt. Simone de Beauvoir hat sinngemäß gesagt: Sobald es politisch und religiös schwierig wird, werden alle Frauenrechte infrage gestellt. Seid euch niemals sicher! Aber das betrifft heute eigentlich alle Randgruppen. Die Menschen haben ihre Empathie verloren. Der Einzelne glaubt nur noch an seine eigene Größe.

Opernereignis mit Videowänden

profil: Verstehen Sie Ihren "Orlando" als subversiven Akt? Neuwirth: Ich halte das Vokabular für übertrieben, ich behaupte nicht von mir selbst, subversiv zu sein. Aber Orlando als Figur ist jedenfalls subversiv. Weil sie ja alles hinterfragt. Das ist von Virginia Woolf so gesetzt; was faszinierend ist, wenn man bedenkt, wann der Roman entstand und in welcher männerdominierten Welt die Autorin schrieb. Der Akt des Schreibens, glaube ich, ist der eigentliche subversive Akt.

profil: Wie Elfriede Jelinek sagt: Schreiben ist eine Anmaßung. Neuwirth: Das wird Frauen unterstellt, ja. Wenn sie schreiben, gilt das als Anmaßung; Männer dagegen schreiben große Werke, das ist so üblich. Bei Frauen wird das oft immer noch infrage gestellt. Sonst würde ich ja nicht als erste Komponistin hier sitzen.

profil: Machen Sie es sich nicht unnötig schwer mit der Wahl dieses Stoffs?"Orlando" ist sehr populär, nicht nur durch Sally Potters Film; vor zwei Jahren gab es am Londoner Covent Garden ein großes Ballett zu "Orlando", und an der Berliner Schaubühne hat vor wenigen Wochen Katie Mitchell eine Theaterfassung des Romans inszeniert. Was kann man dem Stoff noch Neues geben? Haben Sie ihn auch deshalb in die Gegenwart weitergeschrieben? Neuwirth: Oper ist etwas ganz anderes als Ballett und Theater, die Geschichte wird aus der Musik heraus erzählt. 2013 schlug ich dieses Thema vor, damals fragten mich viele: Wieso denn heute noch "Orlando"? Sechs Jahre später sind alle begeistert. Bond: Es ist wieder Zeitgeist.

profil: Sogar das kommerzielle Fernsehen ist voll von Leuten wie RuPaul, von Drag-Queen-Shows. Sogar Heidi Klum macht inzwischen eine. Neuwirth: Das ist einerseits gut, aber ich halte das für gefährlich. Denn das Thema wird benutzt, auch missbraucht.

Geschlechterrollen setzen jeden Menschen unter Druck.

profil: Die meisten jener Zuschauer, die sich über solche Shows begeistern, würden sich im sogenannten wirklichen Leben wohl nie mit einer Transgender-Person abgeben. Bond: Drag-Queens sind zum Mainstreamphänomen geworden, aber das trägt auch zu Begegnungen bei, die Vorurteile abbauen können. In New York gibt es gigantische Drag-Messen, die sonntagmorgens stattfinden und von Zehntausenden Menschen besucht werden, von glücklichen Eltern mit ihren Drag-Kostüme tragenden Kindern. Solche Veranstaltungen bauen massiv Ängste ab. Neuwirth: Als die irische Schauspielerin Fiona Shaw, die ja als Erzählerin für "Orlando" vorgesehen war, wegen einer leider viel besser dotierten Filmrolle kurzfristig abgesagt hatte, kam mir die Idee, den Part mit RuPaul zu besetzen. Ich hatte seine E-Mail-Adresse bekommen. Aber man war offenbar nicht ganz überzeugt von meiner Idee. Der Kontakt wurde nie hergestellt.

profil: Wien ist eine sehr gespaltene Stadt. Man hat hier ein gigantisches Queer-Spektakel wie den Life Ball, andererseits sind gerade die Hochkultur und insbesondere die Oper in dieser Stadt höchst konservativ. Welche Reaktionen erwarten Sie sich nach der Premiere? Neuwirth: Keine Ahnung. Bond: Ich auch nicht, aber ich hoffe auf das Beste. Denn "Orlando" ist ja nicht die Antithese zu konservativen Werten. Geschlechterrollen setzen jeden Menschen unter Druck, konservative Frauen und Männer ebenso wie Liberale. Alle leiden darunter. Aber unser Bewusstsein ist längst weiter als unsere Sprache und unsere sozialen Gewohnheiten. "Orlando" mag Menschen verwirren oder herausfordern, aber am Ende werden sie auch erleichtert sein.

profil: Viele der aktuell populären TV-Serien - von "Pose" und "Queer as Folk" bis zu "Transparent" - handeln von nicht heteronormativen Lebensstilen. Jede Daily-Soap hat schon ihre schwule oder lesbische Hauptfigur. Bond: Jede Familie hat das. Neuwirth: Ich glaube trotzdem, dass angesichts der strikten sozialen Normen in diesem Land - und Österreichs Gesellschaft gehört bekanntlich nicht zu den alleroffensten - ein Teil des Opernpublikums irritiert reagieren könnte.

profil: Aber wie konservativ kann eine Gesellschaft tatsächlich sein, die eine Conchita Wurst zum Superstar macht? Neuwirth: So war das immer in Österreich. Conchita verkörpert diese "Tradition": Zunächst wird eine andere Art von Ausdruck schief angesehen - und dann wird sie, nur weil diese mutigen Menschen nicht aufgaben, sich nicht brechen ließen, zum Star. Und plötzlich werden sie umarmt und glorifiziert. Wie Adolf Loos, Arthur Schnitzler oder VALIE EXPORT, um nur einige zu nennen. Bond: Vorausgesetzt, du hast das alles überlebt. Neuwirth: Das gehört zur österreichischen Geschichte im Umgang mit dem "anderen": Zuerst hasst man jeden, der es wagt, die alten Normen in Kunst und Gesellschaft in Zweifel zu ziehen. Ich werde nie vergessen, wie Thomas Bernhard für "Heldenplatz" ausgebuht und diffamiert wurde. Inzwischen ist er Österreichs größter Dichter. Ich muss sagen: Ich mag diese Haltung nicht. Und man muss immer erst im Ausland anerkannt werden. Im eigenen Land wird man selten von Anfang an akzeptiert. Bond: Meine sehr christliche Großmutter sagte schon vor Jahrzehnten: Jesus wurde in seiner Heimatstadt nicht anerkannt.

profil: Und heute ist er so prominent! Bond: Zumindest eine gewaltige Touristenattraktion.

profil: Sie arbeiten nun mit Matthias Pintscher, einem Komponisten, zusammen, der auch dirigiert. Wie funktioniert das? Neuwirth: Das hat dieselbe Qualität, die auch meine Zusammenarbeit mit Pierre Boulez hatte. Da gibt es hohen Respekt vor der Arbeit und dem Werk des anderen. Eine Partitur versteht ein Komponist tiefer als jemand, der "nur" dirigiert. Andererseits kennen wir einander seit 30 Jahren. Wir haben viel miteinander gearbeitet, wir vertrauen einander. Und wir können einander Dinge sagen, die man sich sonst lieber nicht sagt.

profil: Also merkt Pintscher auch an, dass etwa in der Orchestrierung da und dort noch etwas zu holen wäre? Neuwirth: Das tut er nicht. Der gegenseitige Respekt sieht allenfalls vor, dass er mich durch sanfte Hinweise zum Nachdenken bringt.

profil: Warum wurde eigentlich kurz vor Probenbeginn die vorgesehene Regisseurin Karoline Gruber in einer angeblich "einvernehmlichen Entscheidung" ihres Postens enthoben und durch die Britin Polly Graham ersetzt? Neuwirth: Ich habe da gar nichts entschieden. Aber es kann sein, dass es mit meiner grundsätzlichen Idee von Musiktheater zu tun hat. Ich bin mit Kunst aufgewachsen, mit den Werken von Günter Brus, VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und der Wooster Group. Für mich geht es in Sachen Musiktheater nicht nur um die Musik, sondern auch um ein neues Gesamtkonzept auf der Bühne. Mein Ansatz geht, wenn ich für Musiktheater komponiere, über die Musik hinaus, und meine dichte Musik braucht Raum. Trotzdem wurde ich nicht gefragt, mit wem ich gerne arbeiten würde. Wieder einmal nicht.

profil: Sie wurden nicht gefragt, wer Gruber ersetzen sollte? Oder schon anlässlich der Verpflichtung Grubers nicht? Neuwirth: In beiden Fällen nicht. Das möchte ich festgehalten wissen, sodass nicht immer ich zur Buhfrau gemacht werde: Ich bin daran nicht schuld. Ich musste mir ja schon alles Mögliche sagen lassen, ich sei cholerisch, aggressiv und so weiter. Nein, ich habe Frau Gruber weder engagiert noch deengagiert. Ich kannte beide nicht. Ich war froh, dass ich meine Oper fertigstellen konnte, immerhin zweieinhalb Stunden Musik. Das war unglaublich viel Arbeit. Beim Wechsel schlug ich jemanden vor, aber da war es bereits wieder zu spät.

profil: Sie haben eine Affinität zum Kino, schrieben eine von David Lynch inspirierte Oper, auch viel Filmmusik. Nun wird es in "Orlando" eine Menge Videobilder geben: Wird das auch eine filmische Erfahrung sein? Neuwirth: Ich will seit meinem ersten Musiktheater, seit 1994, ohne traditionelles Bühnenbild arbeiten. Das ist nicht meine Welt, mein Hintergrund ist ein anderer. Ich kann das aber nicht verordnen, ich führe ja nicht Regie. Also halte ich es schon in meiner Partitur fest. Die liest aber anscheinend niemand. Daher habe ich allen möglichen zuständigen Menschen erklärt, dass es in dieser Oper kein Bühnenbild geben sollte. Aber ich mag die virtuelle Räumlichkeit des Barocktheaters sehr - die Soffittentechnik, die Scheinräume erzeugt. Das Spannende am Barock liegt darin, mit Künstlichkeit etwas herzustellen, das gar nicht da ist. Das versuche ich auch musikalisch. In "Orlando" werden Vergangenheit und Gegenwart zusammengebracht. Ich hatte also die Idee, die traditionellen Soffitten durch sechs verschiebbare Hightech-Videopaneele zu ersetzen.

profil: Die Kostüme werden von Comme des Garçons, von der japanischen Designerin Rei Kawakubo angefertigt werden. Auch auf dieser Ebene: alles andere als Traditionalismus? Neuwirth: Rei Kawakubo, die stets auch den Körper hinterfragt hat, stellt übertriebene Silhouetten her. Damit muss man umgehen, denn die brauchen, wie meine Musik, Platz. Kawakubo ist etwas Unglaubliches gelungen: Ihre ausladenden Kostüme sehen so aus, als hätte sie Virginia Woolf und mich kanalisiert. Das ist alles innerhalb ihrer Mode widergespiegelt. Mehr brauche ich auf der Bühne nicht als diese faszinierenden, skulpturalen, Mode-Geschichte dekonstruierenden Kostüme und die Videoscreens.