Masterplan: Der kalkulierte Kassenschlager von Bernhard Aichner

Aichner schreibt in „Totenfrau“ und „Totenhaus“ eine Prosa ohne Wenn und Aber

Aichner schreibt in „Totenfrau“ und „Totenhaus“ eine Prosa ohne Wenn und Aber

Der Tiroler Autor Bernhard Aichner hat im Vorjahr mit dem Thriller „Totenfrau“ einen kalkulierten Kassenschlager gelandet. Sein neuer Roman zählt zu den programmierten Hits des Buchherbsts. Anatomie eines Bestsellers.

Der Thriller „Totenfrau“ hat sich in knapp eineinhalb Jahren in rekordverdächtigen 100.000 Exemplaren verkauft. Bereits vor seinem Erscheinen im März 2014 wurde Bernhard Aichners Buch mit der massenmordenden Beerdigungsunternehmerin Brünhilde Blum in neun Länder in Lizenz vergeben, darunter Großbritannien, Frankreich, Italien, die Niederlande und die USA, wo Stephen Kings Verlag den Titel betreut. Derzeit finden auch Verhandlungen mit einem US-Pay-TV-Kanal statt, der „Totenfrau“ 2016 als Serie an den Start bringen will. Seither kursieren Gerüchte. Ein mit der Literaturszene vertrauter Beobachter meint zu wissen, der Autor habe vor Erscheinen seines Bestsellers einen 50.000-Euro-Kredit aufgenommen und sich einen professionellen Manuskript-Vermittler engagiert. Nicht nur die Bäckerin in Arzl, Aichners Innsbrucker Wohnbezirk, mutmaßt, dass ein Millionär das Geschäft betrete. Alles Unsinn, wird Aichner später lachen. „Mein Bad hat keine goldenen Wasserhähne, und das mit dem Kredit kann nur ein Scherz sein.“ In Zeitungen und Zeitschriften wird von Autor und Buch im Superlativ gesprochen. Die Phänomenologie des Erfolgs: vom Regionalautor zum Schriftstellerstar.

Herr Aichner, wie schreibt man einen Bestseller?

„Totenfrau“ ist eine Erfolgsgeschichte, die in der kommenden Woche durch das Erscheinen des Nachfolgebands „Totenhaus“ ihre Fortsetzung finden soll. Wie „Totenfrau“ beruht auch „Totenhaus“ auf einer peniblen literarischen Konzeption, flankiert von einer generalstabsmäßig organisierten Veröffentlichung: Masterplan Publikumserfolg. Es gibt keine Bestseller-Formel, kein Nachschlagewerk verbindlicher Gebote. Wendet man sich dem Phänomen Bestseller zu, betritt man das Terrain des Spurenlesens. Es gilt, viele Puzzleteile zusammenzufügen. Es ist eine Reise in eine Welt von Literaturagenten und merkantilen Alleinstellungsmerkmalen, von Prosa-Aktien und Reißbrett-Plots.

Die Chronik eines kalkulierten Verkaufserfolgs in sieben Kapiteln.

Der Autor

Bernhard Aichner, 43, ist ein großer, gerader Mann mit Dreitagesbart, der leicht als Football-Spieler durchgehen könnte. Er trägt der Bequemlichkeit halber Schuhgröße 46 und schultert eine blitzblaue Tasche, die teuer aussieht. Es ist ein flirrend heißer Dienstagvormittag Ende Juli. Aichner absolviert in Wien Businesstermine. Er schwitzt in seiner mattblauen Lederjacke. Er gibt sich gern als ein Berufsjugendlicher, der so tut, als sei sein Erfolg ein bloßer Zufall, das Resultat von etwas Geheimnisvollem.

Aichner wächst in Osttirol auf. Mit 16 will er Schriftsteller werden. „Schreiben machte mir Spaß. Ich hatte für mich etwas gefunden, das mich schon damals glücklich machte“, erinnert er sich. In der Schule in Sillian wird Aichner oft verprügelt. Er tapeziert sich sein Jugendzimmer mit Sylvester Stallone aus. Underdog-Geschichten interessieren ihn.


2012 will er dann das ganz große Rad drehen

Ab 1996 arbeitet er als Fotograf. Er macht Werbung und gestaltet Kochbücher, fotografiert den Tiroler Landeshauptmann. Er verdient gut, hantiert mit großen Budgets. Das Schreiben betreibt er nebenbei weiter, als Hobby. Sein erstes Buch veröffentlicht er 2000, einen Erzählband mit knappen Texten, Lyrik fast. Mit 28 wird er Autor. Es wird aber noch einige Jahre dauern, bis er sich traut, beim Ausfüllen von Hotelmeldescheinen in die Spalte mit der Berufsabfrage „Schriftsteller“ zu schreiben. „Es ging mir immer darum, meinen Ton zu finden, meins zu machen“, sagt er. Meins zu machen: Das sagt Aichner oft.

In Folge erscheinen der Liebesroman „Das Nötigste über das Glück“ (2004) und die Prosaspielerei „Nur Blau“ (2006). Er erhält aufmunternde Kritiken und verkauft einige hundert Exemplare. Sein damaliger Verlag Haymon bietet ihm dann die Möglichkeit, einen Krimi zu schreiben. „Ich kannte damals das Genre kaum. Bei Diskussionen, bei denen die Kollegen die Namen berühmter US-Krimiautoren aufzählten, musste ich passen. John Grisham war mir immerhin ein Begriff.“ Schon damals erweist er sich auch als Pragmatiker: „Es gibt Verlage, die einem Autor vorschlagen, einen Bretagne-Krimi zu schreiben. Viele Kollegen ärgert das: ,Was für ein Beschnitt der künstlerischen Freiheit!‘ Wenn ein Autor die Bretagne aber mag und es ihm gleichgültig ist, ob das Buch in Frankreich oder Mecklenburg-Vorpommern spielt, spricht doch nichts dagegen.“ Aichner publiziert bis 2011 drei Krimis, in denen bereits ein Totengräber auftaucht. 2012 will er dann das ganz große Rad drehen.

Der Plan

Wie macht er das? Eine erste Idee davon bekommt man, wenn man an den Beginn des Projekts „Totenfrau“ zurückgeht. Aichner besucht Treffen von Krimiautoren, er geht in Buchhandlungen und durchstöbert das Internet. Er macht sich gezielt auf die Suche nach neuen Figuren und einem Buchtitel, der unverbraucht klingt. „Es gab damals nur drei Autoren, deren Helden Bestatter waren. In der Literatur war keine Frau mit diesem Beruf zu finden, schon gar nicht eine Serienmörderin.“ Vor Erscheinen seines Buchs kennt Google nur den Begriff der „Leichenfrau“, der Totenwäscherin.

Das Exposé

Aichner feilt wochenlang an einem Exposé. Auf 40 Seiten konzipiert er seinen Thriller, dazu fügt er eine Textprobe des ersten Kapitels. Er beschreibt in dem Entwurf einen Roman, den es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gibt: „Blum ist Bestatterin. Sie ist liebevolle Mutter zweier Kinder, sie besticht durch ihr großes Herz und ihre Coolness. Blum fährt Motorrad, sie trinkt gerne und ist glücklich verheiratet. Blums Leben ist gut. Doch plötzlich gerät dieses Leben durch den Unfalltod ihres Mannes aus den Fugen. Vor ihren Augen wird Mark überfahren, er stirbt. Fahrerflucht. Alles bricht auseinander.“ Er nennt die Schauplätze („Tourismus-Hochburgen Sölden und Kitzbühel“) und erklärt die Technik: „Der Leser ist Blum immer ganz nahe. Er weiß nur das, was auch Blum weiß. Die Sprache ist schnörkellos und reduziert, der Aufbau ist szenisch, das Buch liest sich wie ein Film. Anspannung und Tempo von Anfang bis Ende, keine Atempause.“ Er stimmt den Plot auf ein möglichst breites Lesepublikum ab: „Totenfrau“ wird eine Art Graf-von-Monte-Christo-Geschichte werden, in der ein weiblicher Charles Bronson für Gerechtigkeit sorgt.

In der blauen Tasche steckt Aichners Notizbuch, ein in Leder gebundenes Heft mit edlem Papier. Erklärt er das Gekritzel in der Kladde, fährt seine Hand über den Plot von „Totenfrau“ wie die Hand des Wettermanns über die Wetterkarte. Hier killt Blum einen ihrer Widersacher, an dieser Stelle stirbt ihr Mann. Der dritte und letzte Band der Reihe, der 2017 erscheinen soll, ist in einem von Aichners Notizheften bereits konzipiert. „Drei Monate lang habe ich überlegt. Seit Kurzem schreibe ich daran. Zu 90 Prozent weiß ich bereits, was in dem Buch passieren wird.“

Die Nachricht

Ende September 2012, an einem Montag gegen neun Uhr, drei Wochen vor der Frankfurter Buchmesse, schickt Aichner eine E-Mail an fünf deutsche Literaturagenturen, im Anhang das Exposé und das erste „Totenfrau“-Kapitel, ein 50 Seiten starkes PDF-Dokument. Im E-Mail schreibt er: „Mein Name ist Bernhard Aichner, ich bin Autor und Fotograf, lebe in Innsbruck und möchte mit meinem neuen Roman zu einem großen deutschen Verlag wechseln. Lesen Sie mein Exposé, ich denke, das könnte etwas für Sie sein. Vielleicht haben Sie ja auf der Frankfurter Buchmesse Zeit für ein Treffen, dann können wir über eine gemeinsame Zukunft reden.“ Noch am selben Vormittag, 12.35 Uhr, antwortet ihm der Frankfurt Literaturvermittler Georg Simader. Es wird ein Treffen auf der Buchmesse vereinbart. Auf dem Messevorplatz wird bei einem Beck’s die Zusammenarbeit besiegelt.

Der Agent

Georg Simader, 59, ist Agent in Frankfurt: ein Literaturfuchs, seit Jahrzehnten im Geschäft. Es gibt zahlreiche Vermittlungsbüros für Belletristik und Sachbuch im deutschsprachigen Raum, Simaders Agentur Copywrite ist eines der ältesten. „30 davon arbeiten seriös“, sagt er, den Rest an Anbietern nennt er „Küchentischagenturen“. Sein Witz ist echt und manchmal auch ein bisschen rau.

Copywrite werden rund 1000 Manuskripte pro Jahr zugesandt, maximal zehn davon werden ausgewählt. „Bei Aichner war von Anfang an klar, dass seine ,Totenfrau‘ auf einen Bestseller hinausläuft“, so Simader. „Der Text passte, das gesamte Umfeld. Wir schauen uns die Autorinnen und Autoren genau an, bevor wir uns zur Zusammenarbeit entschließen. Wir prüfen etwa, welchen Tätigkeiten neben dem Schreiben nachgegangen wird. Wir beurteilen, in jedem Sinne, die Stabilität.“ Erst dann finden die entscheidenden Verhandlungen mit den Verlagen statt. „Es funktioniert wie bei einer Eheanbahnung. Die Eltern der Braut oder des Bräutigams werden geprüft. Die Mitgift natürlich auch.“


Wäre es mir ums Geld gegangen, wäre ich Röntgenologe geworden

Die sogenannte Option für das „Totenfrau“-Manuskript fand bald nach dem Bier auf der Buchmesse statt. Simader bot die Aichner-Aktie sieben Verlagen an, sechs davon zeigten sich interessiert, darunter große Publikumshäuser. In Simaders Handy sind Telefonnummern aus nahezu allen wichtigen deutschen Verlagschefetagen gespeichert. Der persönliche Kontakt ist seine Geschäftsgrundlage. Die Namen der damals involvierten Verlage gibt er nicht preis. Keine Namen, keine Zahlen. Viel lieber spricht er von „Garantiehonoraren“, von „buchnahen und buchfernen Rechten“.

Garantiehonorare verpflichten die Verlage zur Zahlung von Einmalbeträgen – unabhängig von den etwaigen Verkaufs- und Gewinnaussichten der Manuskripte auf dem Büchermarkt. Es passiert häufig, dass auf der globalen Bücherbörse rudimentär ausgearbeitete Texte auf Verdacht erworben werden. Im Spiel von Kalkül und Gewinnaussicht kommt die Literatur nur mehr am Rande vor. Im Regelfall arbeiten Agenturen bis zu den Vertragsabschlüssen mit den Verlagen kostenfrei. Dann kassieren die Vermittler 15 Prozent der buchnahen und buchfernen Rechte: Verkäufe, Übersetzungen, Verfilmungen, Hörspielproduktionen. Seit eineinhalb Jahren erhält auch Bernhard Aichner quartalsmäßig einen Kontobrief von seiner Frankfurter Agentur als eine Art vorgelagerter Bank. „Es ist ein Irrglaube, dass Bestsellerautoren automatisch reich würden“, sagt Aichner. „Der Autor bekommt zehn Prozent vom Netto-Ladenpreis eines Buchs. Abzüglich Steuer. Eine einfache Rechnung.“


Mir ist durchaus klar, dass ein Autor wie Handke mich nicht einmal mit dem Allerwertesten anschauen würde

Man muss viele Menschen fragen, die ihren Namen nicht gedruckt in der Zeitung sehen wollen, um in Erfahrung zu bringen, wie sich der Verlauf des Aichner-Wertpapiers 2013 schließlich entwickelt hat. Simader kontaktiert die Verlagschefs und initiiert ein anonymisiertes Bieterverfahren: Pass auf, die Konkurrenz macht das. Wollt ihr da mitgehen? In 5000-Euro-Schritten wird der Preis hochgetrieben. Um mehrere zehntausend Euro wechseln die ersten Seiten des „Totenfrau“-Manuskripts schließlich im Frühjahr 2013 den Besitzer. Zu den kolportierten Summen möchte auch Aichner nichts sagen, lächelt aber. „Es war schlicht Nervenkrieg“, erinnert er sich. „Wäre es mir ums Geld gegangen, wäre ich Röntgenologe geworden.“

Den Zuschlag bekommt der btb Verlag aus der Random-House-Gruppe, einer der weltweit führenden Buchhandelsriesen. Es gibt in Deutschland kaum ein Medienunternehmen mit mehr verlegerischen Möglichkeiten, finanziell, organisatorisch, personell. „Totenfrau“ avanciert zum Toptitel des Herbstprogramms 2014. Aus der Verlagsspitze dringt das Signal, dass man den Tiroler zu einem Star aufbauen wolle. Der Verlag investiert 2013 in eine geplante Trilogie, von der kaum zehn Druckseiten fertig sind und die erst 2017 abgeschlossen sein soll.

„In den USA ist der Handel mit Literatur ein Millionengeschäft“, sagt Simader. „Ich bin nicht arm, aber jeder halbwegs gut verdienende Anwalt hat ein höheres Einkommen.“ Simader fährt einen Mitsubishi, er hat ein kleines Haus in Italien, seine Vespa steht fahruntüchtig vor der Agentur. Und außerdem, poltert der gebürtige Bayer, habe er noch „Ehre im Leib“. Er fördere durchaus auch Autoren, deren Werke sich mit Sicherheit nicht verkaufen würden. „Es geht immer um die zentrale Frage, so oder so: Was will der Autor? Wie lauten seine Motive? Will er viele Bücher verkaufen, viel Geld machen? Will er seine innere Stimme in Literatur transformieren? Ganz nah bei sich sein? Beides ist legitim. Auf jeden Fall muss ein gewisses Realitätsdenken vorhanden sein.“ Er weiß, wovon er spricht. „Mir ist durchaus klar, dass ein Autor wie Handke mich nicht einmal mit dem Allerwertesten anschauen würde.“

Der Schreibhandwerker

Aichner schreibt in „Totenfrau“ und „Totenhaus“, wenn man so will, eine Prosa ohne Wenn und Aber. Er beherzigt das Basishandwerk des Bestsellerschreibens: Er lässt seine Figuren mit Karacho durch einen dramaturgisch überhitzten Plot stürzen, mit Psychologie hält er sich nicht auf, getrieben von einem Erzählen, das nicht viel mehr sein möchte als ein Vehikel, um ein großes Lesepublikum möglichst lange bei der Stange zu halten. Seine kurzen Sätze sind abgewogen, abgeklopft und abgezirkelt. Aichner-Sätze klingen so: „Nur stillstehen. Nichts entscheiden. Nur diese Geborgenheit spüren, ein bisschen länger noch. Bevor sie sich wieder auf das Streitross setzt und in den Kampf reitet. Nur sein Hals, seine Haut, die sie riechen kann, seine Stimme, die sie hört.“ Der Autor ist nicht gerade ein Virtuose der Metapher. Ein Motorrad ist bereits das eine oder andere Mal als Gaul beschrieben worden.

Der Tod ist hier eine lästige Marotte des Lebens. Das Dasein wird gepriesen, und die Liebe ist sowieso das Größte. Viele Passagen bewegen sich hart an der Grenze zum Edelkitsch: „Jeden Tag, jede Stunde, ihr Leben. Seit acht Jahren tanzen seine Finger auf ihr, seit sechs Jahren sind sie verheiratet, seit fünf Jahren sind sie eine Familie, leidenschaftlich stürzten sie sich in die Liebe.“ Die Geschichten, durch Figuren aufgemöbelt, die vertraut wie nahe Verwandte wirken sollen, sind stets auf den Punkt hin erzählt, an dem sie kippen. Edle Einfalt, stille Größe – darin, so will es Aichner, soll die Majestät seiner Figuren liegen. Das klingt dann manchmal fast satirisch krachledern nach Action, Nervenkitzel und Herzschmerz. Das ist, in den besten Momenten, solide Unterhaltung. Aichner, der gemeinsam mit seiner Frau die „Text- und Fotowerk Aichner Gmbh“, Firmenbuchnummer 422299, betreibt, macht kein Geheimnis aus seinem Schreiben. „Ich wollte immer meinen Ton, meine Sprache finden“, sagt er. „Schreiben war die Freiheit, alles tun und lassen zu können. Nichts ist verboten, und alles ist erlaubt. Ich kann bis heute nicht nach Rezept kochen.“ Er liefere mit seiner knappen Literatur den Sirup, bringt er die nächste verdrehte Metapher ins Spiel. „Die Leser geben das Wasser hinzu.“

Das Produkt

2014 erscheint „Totenfrau“. Aichner spricht bis heute nonchalant davon, dass er sein Buch für einen bestimmten Markt produziert habe. „Dazu stehe ich. Ich bin in einem Möbelgeschäft aufgewachsen. Wenn du nichts verkaufen willst, wirst du auch nichts verkaufen.“ Er wird der beste Vermarkter seiner selbst: Aichner absolviert fast 100 Lesungen, er ist online nahezu rund um die Uhr für seine Leser erreichbar. Er erfüllt ihnen jeden Wunsch. Eine Frau möchte, dass er auf ihre E-Reader-Hülle Brüste malt. Aichner, der gern nackte Frauen zeichnet, signiert das Gerät. „Ich will mit dem neuen Buch natürlich die bestehende Bestmarke sprengen“, sagt er. „Sollte ich von ,Totenhaus’ nur 70.000 Exemplare verkaufen, wäre ich enttäuscht. Dann hätte ich etwas falsch gemacht. Es ist aber ein gutes, spannendes Buch geworden, ganz in meiner Sprache erzählt.“ Es klingt nicht gerade so, als müsste er sich Mut zusprechen. „Ich finde meine Bücher nicht schlechter als die von Martin Walser oder Handke.“

„Was in der Genreliteratur letztlich zählt, ist die originelle Idee plus deren sprachliche Umsetzung. Ausschlaggebend ist der USP“, sagt Agent Simader, die Unique Selling Proposition, das Alleinstellungsmerkmal des Autors. „Jeder Autor ist sein eigener Unternehmer. Wie präsentiert er sich der Öffentlichkeit? Wie verkauft er sein Produkt?“ Es geht letztlich auch um den „Diesen-Autor-musst-du-lesen“-Effekt.

Es gibt zwei Selfies von Aichner vom 9. April 2013. An diesem Tag sitzt er im Auto und erhält einen Anruf von seinem Agenten, der ihm ausrichtet, die Gebotsauktion sei soeben erfolgreich beendet worden. Aichner brüllt auf den Fotos vor Freude.

Bernhard Aichner: Totenhaus. btb, 413 S., EUR 20,60