Helge Timmerberg, Journalist, Reisereporter und Autor, aufgenommen am 20. Mai 2021 am Wiener Karlsplatz anlässlich eines Gesprächs über Reisen in Zeiten von Corona, das Älterwerden und die Zukunft des Tourismus

© Wolfgang Paterno

Kultur
02/04/2022

Darf man Sie einen alten weißen Sack nennen, Herr Timmerberg?

Reporter und Schriftsteller Helge Timmerberg über sein neues Buch „Lecko mio“, das Älterwerden und Reisen während Corona.

von Wolfgang Paterno

zählt zu den besten deutschsprachigen Reiseschriftstellern; seit 50 Jahren tourt er recherchierend um den Globus. In seinem neuen Buch „Lecko mio“ umkreist der Autor und begnadete Bühnenschwadroneur die Schönheiten und Plagen des Alters in 22 Kapiteln – von „Die letzten Zähne oder Über wie viel Brücken muss das gehen?“ und „Nieder mit der Gleitsichtbrille!“ bis zu „Die Synchron-Ausdünnung von Testosteron und Ehrgeiz“. Das Buch hat Timmerberg übrigens seinem Zahnarzt und dessen Gattin gewidmet.

profil: Herr Timmerberg, ist 70 zu werden schön – oder schlimm? 
Timmerberg: Beim Schreiben von „Lecko mio“ war ich zwangsläufig mit meinem Alter konfrontiert. Man kann sein Alter aber auch schnell wieder vergessen, weil es bekanntlich schleichend verläuft. Niemand steht in der Früh auf und denkt sich: Wow, wieder 20.000 Hirnzellen am Arsch!

profil: Ist 70 das neue 50?
Timmerberg: Wir werden alle älter und bleiben länger jung. Im Mittelalter war ein 50-Jähriger bereits in methusalemischem Alter. Wirklich alt sind die wenigsten geworden. Ist ja auch klar, bei den Zahnärzten damals. Durch mein wiederholtes Intervallfasten halten mich übrigens nicht wenige für 17!

profil: Stimmt der abgelutschte Spruch, wonach man so alt sei, wie man sie fühle?
Timmerberg: Natürlich ist das eine Phrase – und stimmt irgendwie. Was fühlt man mit 70? Man spürt seinen Körper. Wenn man solche Hammergene wie ich mitbekommen habe, bleibt man allerdings länger jung, trotz sehr vieler Camels und  Marlboros. 

profil: Geht Ihnen das Reisen in Zeiten der Pandemie ab?
Timmerberg: Ich träume inzwischen vom Reisen. Gerade bin ich in Berlin. Ich treffe Freunde und meine Kinder. Heute erwachte ich allerdings mit dem Gedanken: Am liebsten würde ich sofort wieder nach Hause fahren. Man wird im Alter gemütlich. 

profil: Unterhalten Sie sich mit Bekannten über Alterswehwehchen?
Timmerberg: Kein Wort. Mein Freundeskreis war auch immer jünger als ich. Als ich 50 wurde, war ich in Bangkok bei einem alten Kumpel, einem alten Berliner Juden, der in den 1930er-Jahren geflohen war und in Bangkok ein Hotel aufmachte. Er war mit seinen 92 Jahren damals fast doppelt so alt wie ich. Ich jammerte ihn an: „Ach Gottchen, ich werde 50!“ Er lachte sich halb tot – und meinte: „Mit 50 startete ich erst richtig durch. Ich baute Schiffe für die Amis, betrieb Spionage und lernte die Schauspielerin Jane Fonda kennen.“

profil: Was passierte zu Ihrem 60er?
Timmerberg: Da war ich auf Lesung im Hamburger Club „Uebel & Gefährlich“. Ein Freund stürmte in der Pause auf mich zu: „Helge, eines musst du wissen: In den Jahren zwischen 60 und 70 finden für den Mann die größten Veränderungen im Leben statt.“ 

profil: Hatte er recht?
Timmerberg: Mit dem täglichen Blick in den Spiegel komme ich klar. Die Erotik dünnt aus. 

profil: Darf man Sie einen alten weißen Sack nennen?
Timmerberg: Die wahrhaft Selbstbewussten lassen sich gern beleidigen.