Monika Helfer

Autorin Helfer in ihrem Hohenemser Haus. „Mehr zu schauen als zu tun“

© Wolfgang Paterno

Literatur
01/26/2022

"Löwenherz" von Monika Helfer: Luftikus und Lügenbold

Mit „Löwenherz“, dem Abschluss einer Trilogie über ihre Familiengeschichte, ist Monika Helfer ein kleines literarisches Wunderwerk geglückt.

von Wolfgang Paterno

Ein Zauber liegt bisweilen in banalen Dingen. Bei den Baggerlöchern am Bodensee findet Richard eines herrlichen Sommertages eine Badewanne. Ein rostwucherndes Ungetüm, kaltes Email, braune Regenlache am Wannenboden. Gemeinsam mit seinem Hund macht sich Richard auf Bodenseefahrt. Wie so oft bei ihm kippen die Verhältnisse, diesmal buchstäblich. Richard fällt ins Wasser. Er rudert mit den Armen, schlägt um sich. Ertrinkt beinahe. „Das hätte, wie vieles andere davor und danach, das Ende meines Bruders sein können“, schreibt die Hohenemser Autorin Monika Helfer in „Löwenherz“, ihrem Roman über Richard. Als Bub war er einmal weggerannt. „Richard H., acht Jahre, ist seit drei Tagen von zu Hause abgängig“, berichtete das Lokalblatt: „Er hat blonde Haare und ist ein Luftikus. Er spricht nicht viel. Hinweise bitte an den nächsten Gendarmerieposten oder die Polizei.“ 

Bis zu seinem frühen, traurigen Tod wird Richard ein Dasein weniger Aufs und vieler Abs führen: „Ich weiß niemanden, dem das Leben so wenig wichtig war wie dem Richard.“ Ein unbeherrschbares Durcheinander, ein dauerndes Hin und Her zwischen Tagträumen und Tatsachen. „Löwenherz“ ist nach dem Großmutter-Buch „Die Bagage“ und „Vati“ der Abschlussband von Helfers Trilogie über ihre Vorarlberger Familiengeschichte, die ein langes Jahrhundert abdeckt und viele kleine Leben in der großen Historie verfolgt.   

Helfer, 74, scheut das Scheinwerferlicht. Besserwisserei und Wichtigtuerei liegen ihr nicht. Jeden Tag, wenn sie in Hohenems ist, geht sie auf jenen Berg hinauf und wieder hinunter, auf dem ihre Tochter Paula 2003 tödlich verunglückt ist. Es sei denn, sie hat Fieber oder ein Sturm hat Bäume umgerissen. 

Seit 50 Jahren schreibt Helfer Kinderbücher und Theaterstücke, Erzählungen und Romane. Wie „Bevor ich schlafen kann“ (2010), die tiefschwarze wie tragikomische Geschichte einer Psychiaterin zwischen Wien und Griechenland. Oder „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ (2017), das gewiefte Was-wäre-wenn-Prosaspiel um eine rätselhafte Liebesbeziehung samt Patchwork-Clan. Beides waren kleine große Bücher, denen man viel mehr Leserinnen und Leser gewünscht hätte. „Die Bagage“ (2020) und „Vati“ (2021) avancierten zu Helfers ersten Bestsellern. 

„Löwenherz“ wird sich über kurz oder lang, so viel lässt sich gefahrlos prophezeien, ebenfalls in den Verkaufsrängen ganz oben festsetzen. 

Was ist Erfolg, Frau Helfer? Anruf in Hohenems, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, in einem kleinen Haus lebt, das durch die Bücherlast sanfte Schlagseite hat, in dem schönstes Gemisch aus Fotos, Malereien, Musikinstrumenten herrscht. Bei Helfer und Köhlmeier werden zu den Mahlzeiten meist drei Themen serviert: erstens die Kinder, zweitens Literatur und Poesie, schließlich Politik, was öfter in Schimpfen und Sich-Ärgern mündet. Helfer und Köhlmeier zeigen einander ihre Manuskripte. Man kritisiert, ist aufeinander beleidigt, schließlich aber jedes Mal wieder froh, etwas dazugelernt zu haben. 

„Erfolg ist gut für das Selbstbewusstsein – erst dann kommt die Sache mit dem Geld“, sagt Helfer am Telefon: „Wenn man im Gasthaus auf der Speisekarte nicht mehr auf die rechte Seite schauen muss – dorthin, wo die Preise stehen.“ Der Familienroman als Erfolgsmodell? Das klinge, sagt Helfer, nach einer neuen Generation von Küchenmaschinen. Sie hätte erst mit ihren drei Büchern über die Familie „saftigen Erfolg“: „Ich denke, es liegt daran, dass jeder eine Familie hat und beim Lesen an seine eigene Familie erinnert wird.“ Hätte Helfer ihre Trilogie viel früher schreiben können? „Auf keinen Fall. Dazu benötigte ich meine Erfahrung. Als junge Frau hätte ich das nie gekonnt. Jetzt, als alte Frau, fällt mir das leichter, ich bin gnädig zu meinen Figuren.“ Und weiter: „Die Trilogie war nicht geplant. Eines hat das andere ergeben. Aber jetzt ist Schluss. Es ist kein Saft mehr in der Zitrone. Eine neue Frucht muss her.“ 

„Löwenherz“ schließt nahtlos an, wo „Die Bagage“ und „Vati“ aufhörten. Es ist wohl kein Zufall, dass gleich auf den ersten Seiten von „Löwenherz“, diesem unangestrengten Singen und Klingen der Sprache, die Sixties-Bluesrockband Canned Heat einen Kurzauftritt hat. Ein Roman unerhörter Töne. Wo sonst finden sich Wörter wie „Kutzen“ (vorarlbergisch für Decke) und „Brunzeck“, „vermerkwürdigen“ und „gegenwartsgesund“. Und solche Sätze: „Wenn man glücklich ist, hat alles einen Sinn. Sogar das Haarezurückstreichen.“ Und solche: „Das ist das Unglück der Lieblinge, dass man sie nicht einmal mit der frischen Luft allein lassen möchte.“ Schließlich: „Immer gibt es mehr zu schauen, als zu tun. Das steht fest. Am Ende werden wir alle sagen: Wir haben zu viel getan und zu wenig geschaut. Was dann?“

Der so gut wie verstummte Vater, der Richard als „Löwenherz“ liebkost, sich nach dem frühen Tod seiner Ehefrau in einem Kloster vor der Welt versteckt und Bücherberge liest, schwebt auch im Abschlussband von Helfers Clan-Chronik wie eine allmächtige Instanz über allem. Der große Abwesende im Familienpuzzle. Das Bild könnte man weiterspinnen: Bei Helfer trägt jede Tante und jeder Onkel einen Teil zur Geschichte bei: der blinde Pirmin, ein Koloss von Mann mit Donnerstimme und hungrig wie der sprichwörtliche Wolf; Monika Helfers Schwestern Gretel und Renate; Kathe und ihr Ehemann Theo, ein verdrießlicher Zeitgenosse, der seine Tage in Schweigestunden und Brüllminuten einteilt. 

Was würde Helfer ihren Bruder Richard heute fragen, säße er in Hohenems am Küchentisch? „Möchtest du noch ein Bier?“ Ihr Vater arbeitete in der Pension als Bibliothekar und bestellte für die Leihbibliothek die Bücher, die er schon immer haben wollte. Beim Auspacken eines Kartons traf ihn der Hirnschlag. „Kein Tod hätte besser zu ihm gepasst“, sagt Helfer. 

Was hätte der Vater zu ihren Büchern bemerkt? „‚Warum schreibst du nicht etwas Fröhliches, etwas, das die Leute glücklich macht?‘ Dabei hat er selbst solche Kriterien beim Lesen nie angewandt. Es war ihm auch irgendwie peinlich, dass die Tochter schreibt, was ja nie so gut sein konnte wie seine Weltliteratur. Richard hätte beim Lesen seinen Spaß gehabt.“ 

Richard war der Geschichtenerzähler und Schmähtandler. Von ihm hätte sich der Münchhausner Kanonenkugelreiter einiges abschauen können. „Eine Lüge war für Richard wie alles andere, einfach etwas, das man sagt, wie man sich etwas ausmalt, was noch nicht geschehen ist, aber immerhin geschehen könnte“, schreibt Helfer.

Überhaupt, das Lesen und das Schreiben: „Ich hatte, als ich mit der Schriftstellerei angefangen habe, zuerst nur Gedanken auf Zettel geschrieben, Dinge, die mir aufgefallen sind: Wie Leute sich verhalten, wie sie aussehen, wenn sie eine bestimmte Empfindung haben und so weiter. Das war, als würde ich ohne Erlaubnis in ein fremdes Haus eintreten.“ 

Und das Lesen? „Für mich überhaupt das Wichtigste. Wenn ich ein Buch lese, das mich begeistert, will ich alles von diesem Autor, dieser Autorin haben, alles verschlingen. Ein gutes Beispiel ist James Baldwin, alles von ihm ist fabelhaft geschrieben, von ihm wollte ich lernen. Er schreibt mit solcher Leidenschaft! Ich will noch Annie Ernaux erwähnen, die mir sehr liegt, und Alice Munro. Alles ist vom Feinsten! Stoffe, die immer gültig sind, nie aus der Mode kommen. Es ist wie mit den ewigen Kleidern, die man nie weggeben will.“

Richard ist Maler und Schriftsetzer, „Löwenherz“ auch eine Hommage ans Büchermachen, wenn Helfer im Roman von Büttenpapier und Bleisatz, Typenwahl und Titelprägung, Fadenbindung und Lesebändchen schwärmt.  

Helfer hütet sich in ihrer Trilogie davor, das Familienporträt in grellen Farben und klaren Konturen zu malen, sie weigert sich, monochrome Erinnerung künstlich zu kolorieren. Schemen und flüchtige Umrisse genügen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wer die fernen und nahen Verwandten der Helfers waren. Alle drei Einbände schmücken verwischte Porträts und Bilder des deutschen Malers Gerhard Richter. Alle drei Bücher erzählen Geschichten mit vielen Lücken. Keine künstlich gerundeten Heldenstorys.

Die einzelnen Teile sind jeweils „unserer Bagage“ gewidmet: dem Ehemann Michael, den Kindern Udine, Lorenz und Oliver, der verunglückten Paula. Sie alle kommen darin vor. „Der Trick beim Schreiben über nahe Menschen?“, sagt Helfer: „Wenn man mit der Fiktion spielt. Das heißt, ich erinnere mich nicht genau, also erfinde ich und tu so, als wäre es das Wahre. So mache ich mir selbst auch das Schreiben spannend. Ich kann eine Figur erfinden, so tun, als hätte ich sie geliebt.“ Nur manchmal recherchiere sie für ihre Romane. „Richard nämlich sagte vorsorglich nie die Wahrheit, zu niemandem, nicht einmal zu seinem Spiegelbild“, schreibt Helfer in „Löwenherz“.

Die Autorin bietet in „Die Bagage“, „Vati“ und „Löwenherz“ keine flauschige Familienshow, sondern Literatur als große Erinnerungskunst, gebrochen von Emotion und Empathie, Schalk und Charme: Sie träumt sich zurück in eine fernliegende Zeit, versinkt in Wachträume vom Damals; malt sich aus, wie es gewesen sein könnte, wie es besser gewesen wäre, wie es tatsächlich war. Literatur als bestechende Lebensspurenmitschrift. 

Richard, so notiert Helfer in „Löwenherz“, habe seine Tage damit zugebracht, sich von imaginierten Figuren aus der Realität „herauserzählen“ zu lassen. Die Leserinnen und Leser in ihre Bücher hineinzuerzählen – das beherrscht Helfer in seltener Bravour. 
Dichtung und Wahrheit verschwimmen hier konturlos ineinander. Der Reiz dieser Romane liegt nicht so sehr in dem, worüber Helfer berichtet, sondern in der Art, wie sie schreibt. Jede Form von Poseur-Prosa ist der Autorin fremd, sie schreibt in unbekümmerter Heiterkeit nach ihren eigenen Regeln. Ihr Erzählen entzaubert Helfer niemals durch kalte Tatsachen. 

Sie umkreist und umspielt ihre Geschichten, bis die losen Enden ein kleines Prosawunderwerk ergeben. „Geschichten haben immer mit Erinnerungen zu tun, seien es frische oder beschädigte“, sagt Helfer. Es gehe beim Schreiben über die Vergangenheit um ein „neues Sehen, als ob es etwas wirklich Neues wäre – mit der Gewissheit, dass es lange schon vorbei ist“. Wie in „Die Bagage“ und „Vati“ finden sich auch in „Löwenherz“ ganze Erzählstränge, die Helfers Erfindung sind, durch Fiktion unkenntlich gemachte Figuren. Vieles am Roman-Richard ist erfunden: eine Kunst der feinen Fehlfarben. 

Dennoch bleibt „Löwenherz“ ein Buch beträchtlicher Offenheit und schmerzlicher Intimität: „Hat man sich erst einmal dazu entschlossen, gibt es kein Entrinnen“, sagt Helfer: „Man muss es fließen lassen, bis es versickert. Wichtig ist, sich nichts schönzureden.“ 

So wie Richard. Ende Juli 1978 heiratete er Tanja, eine Wirtschaftsanwältin. Kurz vor der Hochzeit malte er ein Bild, 53 mal 76 Zentimeter, Hochformat, schwarz lackierter Rahmen. Der Bräutigam darauf ähnelt Ringo Starr in schwarzem Gehrock, mit traurigem Schnurrbart, die Braut hält einen dürren Blumenstrauß in Händen. Das Bild hängt heute in Monika Helfers Bügelzimmer. Auf der Rückseite steht, von Richard mit Bleistift geschrieben: „Glücklich?“