Das bisschen Ich: Wolf Haas' neuer Roman "Brennerova"

Das bisschen Ich: Wolf Haas' neuer Roman "Brennerova"

Wolf Haas konfrontiert seinen Brenner erneut mit dem Wahnsinn der Welt.

Knapper lässt sich der Kommissar in Ruhe kaum beschreiben. "Brenner“, das sei "quasi Welterklärung mit einem Wort“. - "Brennerova“, der achte Band der von Wolf Haas vor knapp 20 Jahren etablierten Reihe um den mürrischen Privatdetektiv, führt erneut in die Tiefen des Brennerismus: Kinder als kleine Monster und ein Torso mit abgetrennten Gliedmaßen spielen darin ebenso eine Rolle wie eine Gangsterclique namens "Wu Tan Clan“. Natürlich steckt der in Unwürde gealterte Brenner wieder inmitten dieses Schlamassels.

Das Brenner-ABC
Den typischen Brenner-Ton hat Haas, 53, längst perfektioniert, das Brenner-ABC beherrscht er aus dem Effeff: "Doppelleben Hilfsausdruck“ - "Quasi Russisches Roulette“. Seit "Auferstehung der Toten“ (1996) zieht die Figur des Grazer Ex-Gesetzeshüters eine aberwitzige Spur durch ein weitestgehend humorbefreites und verkrampft witziges Krimigenre: Straftaten-Slapstick in Serie. Den Brenner-Marathon läuft der Grazer Autor mit Leichtigkeit. An die habituell vorgebrachte Beteuerung, mit den auch kommerziell erfolgreichen Brenner-Bestsellern bald Schluss zu machen, hat sich Haas, Österreichs Spitzenkraft des gehobenen literarischen Humors, noch nie gehalten. "Das ewige Leben“ (2003) war als Schlussband angekündigt; "Der Brenner und der liebe Gott“ setzte die Serie 2009 fort.

Angewandte Aufschneiderei
"Brennerova“ fügt sich nahtlos in den Brenner-Kosmos - mit einer Ausnahme: Haas schöpft das narrative Potenzial des anonymen Erzählers sämtlicher Brenner-Romane in "Brennerova“ erstmals zur Gänze aus - mit aberwitzigen Folgen. "Das menschliche Ich ist ja etwas Hartnäckiges, das lässt sich nicht gern ausradieren“, erklärt der Erzähler. "Ich sage zwar immer, aus einer gewissen Entfernung sind alle gleich, da ist einer wie der andere und muss sich keiner so viel auf sein bisschen Ich einbilden.“ Die angewandte Aufschneiderei pflanzt sich diesmal aber auch massiv in die Romanhandlung fort: In einer 007-artigen Szene wird Brenner eine Ural mit Beiwagen übergeben, auf dem Motorrad verschlägt es ihn in die Mongolei, wo alerte Terroristen eine Schar Touristen mit Faible für schamanisches Trommeln entführt haben; selbst vor dem Griff in die verstaubte Lade literarisierter Kriminalistik scheut Haas nicht zurück - und operiert mit den Sujets Spiegelschrift, Geldübergabe und Geheimversteck. Haas kann sich das erlauben. Sein unübertroffen geschwätziger Erzähler springt ihm tapfer bei, rettet die Situation: "Und ob du es glaubst oder nicht.“ w. p.

Wolf Haas: Brennerova. Hoffmann und Campe. 239 S., EUR 20,60