Himmelkratzender Turm
Nun wird es allerdings Zeit, langsam Lebewohl zu sagen. Denn die Welt steht nicht mehr lang, wenn es nach der fiktiven Autorin und spät berufenen Terroristin Franziska Denk in „Schleifen“ geht. Franziska wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf: Der Philosoph Ludwig Wittgenstein ist ebenso Dauergast bei den Denks wie der Mathematiker Kurt Gödel.
„Schleifen“ ist Sprachphilosophie-Jux, Fakten-Fiktion-Kompilation, Ideen-und-Nonsens-Feuerwerk sowie, dies vor allem, heitere Apokalypse – global wie persönlich: Franziska bekommt jede Krankheit, von der sie hört. Das Wort „Schnupfen“ löst Husten und Fieber aus. Berichtet ihr jemand über einen Skiunfall, fühlt sie wochenlang Schmerzen in ihrem Bein, als hätte sie es selbst auf der Piste zertrümmert. Franziska reagiert auf sprachliche und schriftliche Äußerungen, als wären sie real. Später wird sie versuchen, die Sprache selbst abzuschaffen. Wenn nötig, mit Anarchie und Gewalt.
Gemeinsam mit dem Rest der Menschheit driften Denk und ihr Lebens- und Liebespartner, der Mathematiker Otto Mandl, bald einen 400 Seiten starken Roman lang unrettbar der finalen Katastrophe entgegen. Ohne Worte, wohlgemerkt.
Am Anfang jedoch steht, ganz harmlos, Franziskas Vorhaben, eine Universalsprache zu erschaffen – die babylonische Sprachverwirrung rückgängig zu machen, mit der ein beleidigter Herrgott die Menschheit für deren Hochmut bestrafte, einen himmelkratzenden Turm erbauen zu wollen.
Der Versuch, eine Sprache zu erschaffen, mit deren Hilfe alle Völker dieses und anderer Planeten miteinander kommunizieren können, setzt sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht durch. Das Wort „Hamster“ beispielsweise verliert unter der Oberaufsicht von Sprachpolizistin Franziska jede Bedeutung. „Es gab nur noch Wörter für jeden einzelnen, speziellen Hamster an jedem bestimmten Ort, zu jeder bestimmten Zeit.“
Wilder Literatur-Ritt
Eine neue Sprache, wie von einem bösen Geist getrieben: Zwerghamster, die im Jahr 1979 leben? „Omegonirulalidubogdan.“ Zwerghamster, die im Jahr 1979 in Deutschland leben: „Omegonirulalidubogdaniholupanfaldosnimulnisu.“ Schließlich jene Zwerghamster, die 1979 in Westberlin leben, einer Besitzerin namens Dora Klehr gehören und Pfiffi heißen (bitte anschnallen!):
„Omegonirulalidubogdaniholup-anfaldosnimulnisusorelidolemoldarfisuplamneridorjuhüllupnisupdidutnufodenonononononorelopseholpfiffi.“
Die Aussprache eines einzigen Wortes, notiert Hirschl trocken, dauere mitunter Tage, wenn nicht Wochen, je nachdem, wie genau man sein wolle.
„Jedes meiner Bücher ist ein bisschen anders, sonst wäre mir fad“, sagt Hirschl im Besprechungszimmer. „Natürlich gibt es das durchgängige Thema der spezifischen Sprachformen: In ,Salonfähig‘ war es die Politikrhetorik, in ,Content‘ die Werbesprache. In ,Schleifen‘ wird die Sprache nun ganz ausgelöscht.“ Lustvoll verstrickt sich Hirschl in dem schleifenförmigen Sprachphilosophie-Durcheinan- der, das durch Franziskas autofiktionalen Roman namens „Schleifen“ als Buch-im-Buch zusätzlich vergrößert wird.
Hirschls Roman ist in weiten Teilen ein wilder Literatur-Ritt, der wiederkehrendes Vergaloppieren wie haarsträubend konstruierte Plotwendungen fröhlich in Kauf nimmt. Außerirdische geistern ebenso herum wie die Frage nach Thomas Bernhards Erotikpraktiken und die nahe Rom niedergelassene, von Sprachgouvernante Franziska gegründete Sekte der „Nonverbalisten“, die bei ihren Anschlagsserien Buchdeckel als sakrale Kopfbedeckung trägt und der es um die Abschaffung aller natürlichen Sprachen geht. 600 Millionen Menschen sind hier über Nacht auch der festen Ansicht, den Namen Jim Blum zu tragen.
Tabletten mit hypothetischen Wirkmechanismen blenden Schmerzen, Scham, Schlafverlangen, Steuererklärungstermine aus. „Man nahm eine Anti-Robert-Tablette, eine Anti-Annika-Tablette, manipulierte seine Wahrnehmung so, dass man Robert oder Annika gar nicht mehr ghosten oder blocken musste, weil man sie einfach nicht mehr wahrnahm.“
Vordergründig ist das alles lustig. Aufs Ganze gesehen aber nicht makaber genug. „Schleifen“ wirkt oft wie ein aus Best-of-Modulen zusammengewürfeltes Buch, das am Ende einen Roman fernab jeder gedrosselten Regung ergibt. Viele Worte in einem Buch, das letztlich um das Nichts, das Ende aller Worte kreist.
Die Welt im Jahr 2026 ist politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich, digital mehr und mehr fragmentiert. „Schleifen“ enthält sich darauf jeder Antwort. Am Ende ist die Gewissheit abhandengekommen, die Zeitrechnung an ihr Ende gelangt. Rien ne va plus.