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Kultur
08/20/2021

Eva Menasse im Interview über ihren neuen Roman

Von einem historischen Massaker, das die Nazis im März 1945 an der Grenze zu Ungarn anrichteten, und von den Jahrzehnten des Schweigens und der Verdrängung im Ort des Geschehens. [E-Paper]

von Stefan Grissemann

Die alte Gräfin gewährt dem Dorfgesandten eine Audienz. Die honigsüßen Worte des Unterwürfigen quittiert sie nach langem Schweigen mit ungeahnter Vulgarität. Zischelnd stößt sie eine Obszönität nach der anderen hervor, getrieben von dem Hass auf jene, die ihr Schloss einst abgefackelt haben. Die Morde, die ebendort geschehen sind, interessieren sie weniger. „Dunkelblum“, Eva Menasses soeben erschienener neuer Roman, setzt sich – obwohl freihändig fiktionalisierend – in großem Stil mit einem Schreckenskapitel österreichischer NS-Geschichte auseinander: mit der Hinrichtung von 200 ungarischen Juden im burgenländischen Rechnitz im März 1945.

Auf über 500 Seiten und im beständigen Sprung zwischen den Zeiten betreibt Menasse detaillierte Grundlagenforschung zu Wesen und Wirkung eines leider alltäglichen und weit über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus gedeihenden Faschismus. Das Treiben in der Grenzgemeinde Dunkelblum, in der anno 1989, als Europas Eiserner Vorhang fällt, einige wenige an die gut gehüteten Geheimnisse und Kapitalverbrechen des Ortes zu rühren trachten, ist zu gleichen Teilen absurd und horribel, Provinzposse und Vernichtungsstudie in einem. Spielend jongliert Menasse  die Bälle ihrer Story, und sie gibt dabei zwei Dutzend Charakteren den Raum, den sie brauchen.  Den Terror, der im Kern ihrer Erzählung wütet, hält sie auf ironischer, aber historisch angemessener Distanz.

profil: Ihr neuer Roman behandelt die Schatten und den Nachhall eines totgeschwiegenen Massakers während der letzten Tagen des Naziterrors. Der Massenmord an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter:innen in Rechnitz war offensichtlich eine wesentliche Vorgabe. Wie haben Sie recherchiert? Waren Sie auch in Rechnitz selbst?
Menasse: Nein, ich wollte gar nicht dorthin fahren. Ich wollte Abstand zum „echten“ Rechnitz halten, mich nicht von zufälligen Eindrücken lenken lassen.

profil: Weil Sie ein Stück Fiktion vorbereiteten, für das man nicht jedes reale Detail rekonstruieren musste?
Menasse: Klar. Aber natürlich war es mir wichtig, mich sowohl zu Rechnitz als auch zu den umliegenden Orten akribisch einzulesen. Denn wenn man von den Massakern spricht, die sich kurz vor Kriegsende hierzulande ereignet haben, geht es nicht um Rechnitz allein, sondern um mehr als 120 Massenmorde, die allein im Burgenland und im östlichen Niederösterreich verübt wurden. Ich konnte das nicht verstehen: Warum rannten die Täter nicht um ihr Leben, als sie die Rote Armee kommen hörten? Warum mussten all diese Zwangsarbeiter erst noch ermordet werden?  Das große Töten fand nicht nur in Rechnitz statt, es war überall. Das war für mich der Grund, mich in jene Zeit hineinmeditieren zu wollen; ich konzentrierte mich schließlich auf die drei am besten aufgearbeiteten Fälle, auf die Massaker von Rechnitz, Deutsch Schützen und Jennersdorf.

profil: Sie halten das Grauen mit großer Lust am Sarkasmus, an der Sprachspielerei in Schach.
Menasse: Ich freue mich natürlich, wenn sich die Leute beim Lesen meiner Bücher trotz eines erschreckenden Themas auch unterhalten fühlen, aber eigentlich sehe ich in dem, was oft Ironie oder Sarkasmus genannt wird, nur den möglichst präzisen Blick auf die Triebkräfte des Individuums. Die moralische Überheblichkeit, die wir Nachgeborenen gern kultivieren und die uns sicher sein lässt, dass wir niemals Nazis gewesen wären und ganz bestimmt auch in keiner denkbaren Situation jemanden ermordet hätten, ist doch lachhaft. In dem Moment, in dem man auf die Figuren scharf stellt, wird es menschlich – und damit gewinnt die Erzählung auch an Wärme. So wird das reale Grauen weniger dämonisch  und besser verständlich. Und weil Menschen eben immer auch skurril sind, dringt der Humor durch alle Ritzen.

profil: Spießen Sie Ihre Figuren nicht auf wie Insekten, um sie zur besseren Ansicht herauszupräparieren?
Menasse: Diese Figuren sind ambivalent, die meisten jenseits von Gut und Böse. Ich mag sie trotz ihrer offenkundigen Charakterschwächen. Die Leute, die nach dem Krieg die Täter von einst über Jahrzehnte deckten, waren nicht alle verstockt, gemein und in ihren Herzen Nazis. Es gab lokale Seilschaften, man war einander etwas schuldig oder bloß dankbar. Ich bin als Autorin viel versöhnlicher geworden im Umgang mit dem Existenzkampf der sogenannten kleinen Leute. Ihnen kann man nicht aus dem Wissen historischer Seminare heraus hochmütig vorschreiben, dass sie damals keine Nazis hätten sein dürfen. Ich versuche, mit den Menschen, die ich beschreibe, kollaborativ zu sein. Meine Allergien richten sich immer deutlicher gegen jene, die stets zu wissen glauben, wo es moralisch langgeht.

profil: Sehen Sie Ihr Buch als eine Art Psychogramm Österreichs?
Menasse: Mich erstaunen solche Interpretationen immer, in meinem Roman „Vienna“ etwa gibt es diesen Tennisclub, der auch als Parabel auf Österreich gelesen wurde, wo die alten Antisemiten mit den alten Juden sitzen und würfeln. Mir ging es in „Dunkelblum“ eigentlich eher um den Begriff der Grenze. Mich fasziniert dieses Thema, in den 1990er-Jahren schon hab ich Reportagen etwa über die Schengener Ostgrenze geschrieben. Für mich spielt die Grenze, als Protagonistin gleichsam, eine Hauptrolle in „Dunkelblum“.

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