Preisträgerinnen: Die Schauspielerinnen Valerie Pachner und Julia Franz Richter mit den kleinen goldenen Diagonale-Trophäen
Bilder flackern, Babler kämpft: Attraktionen beim Diagonale-Filmfest
Das Vertrauensverhältnis, das Filmfestivals günstigenfalls herstellen können, ist die Grundlage ihres Gelingens. Denn das Wohlgefühl, sich in kuratorisch besten Händen zu befinden, führt zu einer Art der gespannten Offenheit, zu geschärften Sinnen. Bei der Grazer Diagonale ist diese Aufnahmebereitschaft überall zu spüren. Man bewegt sich, wenn man dieses Festival durchläuft, wie in einer ästhetisch sanft erhöhten Welt, driftet durch liebevoll kuratierte Kurzfilmprogramme, Kinofiktionen und -dokumente, unternimmt in den Bewegtbildern, Branchengesprächen und Konzerten veritable Entdeckungsreisen.
Wer die Diagonale besucht und sich Zeit nicht nur für ein, zwei Pflichttermine nimmt, sondern ein paar Tage lang von einem Kino zum nächsten durch den steirischen Frühling spaziert, um Ungeahntes zu erleben, wird tatsächlich reich belohnt. Denn dieses Festival fühlt sich weniger den Machtzentren der Austro-Kinoszene verbunden, als den Nischen des innovativen, eigentümlichen Films, der Low- und No-Budget-Produktionen, die auf eigenes Risiko hergestellt werden und im Regulärfilmbetrieb zu wenig Chancen auf Wahrnehmung haben.
Sozialdemokratisches Rückzugsgefecht
Hier kann man Solitärinnen eines feministischen Body Cinema, etwa die Künstlerin Sabine Marte, oder die unnachahmliche Videomanipulatorin Billy Roisz live erleben, sich den abstrakt flackernden, genuin verblüffenden Arbeiten großer Kinokonstruktivisten wie Siegfried A. Fruhauf oder Jung an Tagen ergeben, man kann aber auch – wie in „Wahlkampf“, Harald Friedls jüngstem Dokumentarfilm – prosaischer hinter die Kulissen eines sozialdemokratischen Rückzugsgefechts blicken, Andreas Babler und sein Team bei der täglichen politischen Arbeit vor der Nationalratswahl 2024 beobachten. (Die absehbaren Querelen, die derzeit wegen dieses Filmprojekts in Parlament und Boulevard heraufdämmern, haben mit Absicht und Form dieses eher sachlichen Werks wenig zu tun.) Oder man zieht es vor, das eigensinnige Schaffen des isländischen Filmkünstlers und Subtilhumoristen Hlynur Pálmason zu erkunden, das als internationale Position der Austrofilmszene gegenübergestellt wurde.
Die hochdotierten Auszeichnungen, die im Festivalfinale am gestrigen Montagabend im Grazer Annenhofkino verliehen wurden, zeugten jedenfalls von der immensen Vielfalt des Diagonale-Filmangebots und des österreichischen Kinos an sich: Zum besten Spielfilm erklärte die Jury überraschenderweise Angela Summereders essayistische Melville-Spurensuche „B wie Bartleby“, eine leise Eloge an die Verweigerung, in kostbaren 16mm-Filmbildern festgehalten von der Kamerakünstlerin Antonia de la Luz Kašik. Als besten Dokumentarfilm nannte man Tolga Karaaslans Vater-Sohn- und Krankheitsstudie „Baba, What’s Your Plan?“ – und auch der Preis für den besten innovativen Film ging an eine Elternbefragung, an Georg Petermichls hintergründigen filmischen Spaziergang „Amature Enlightenment“.
Zum besten Kurzspielfilm erklärte man Franz Quitts queere Pandemieabrechnung „Closed for the Virus Break“, zum besten kurzen Dokumentarfilm Sophie Böskers Selbstbeobachtung „Motherigine“, die sarkastisch-musikalisch von Baby-Hege, Geschlechterrollen und Überforderung berichtet. Valerie Pachner und Julia Franz Richter wurden als beste Schauspielerinnen ausgezeichnet, Erstere für ihre Performance in dem Trauerfilm "Vier minus drei", Letztere für ihre Leistungen in den Horrorstücken "Welcome Home Baby" und "Mother's Baby“. Allen oben Genannten kann man sich, auf der Suche nach Zart-, Schön- und Wahrheit, guten Gewissens anvertrauen.