Audrey Diwan

Die französische Regisseurin Audrey Diwan wurde auf dem Filmfestival Venedig mit dem Goldenen Löwen für den besten Film geehrt.

© APA/AFP

Venedig-Tagebuch IV
09/13/2021

Abtreibungsdrama: "L'évènement" gewinnt Goldenen Löwen

Goldener Löwe für Frankreich: Die 78. Filmfestspiele in Venedig endeten mit dem Triumph einer Annie-Ernaux-Adaption.

von Stefan Grissemann

Am Ende einer leicht glanzlosen Preisverleihungsgala – auch weil keine der Jury-Entscheidungen begründet wurden –, flossen dann trotzdem die Tränen: Erst weinte der italienische Filmemacher Paolo Sorrentino angesichts des Großen Preises der Jury für seine neapolitanischen Jugenderinnerungen („Die Hand Gottes“), anschließend die Hauptgewinnerin des Abends, die mit dem Goldenen Löwen der 78. Filmfestspiele in Venedig Ausgezeichnete: Die Jury unter dem Vorsitz des koreanischen Regiestars Bong Joon-Ho („Parasite“) hatte den Leone d’oro dem Werk „L’événement“, der erst zweiten Regiearbeit der Französin Audrey Diwan (France), 41, zugesprochen – und weckten damit die Erinnerung an das Festival in Cannes, wo man vor zwei Monaten die Goldene Palme an „Titane“ verliehen hatte, an einen allerdings deutlich erfindungsreicheren, ebenfalls weiblich dominierten Film aus Frankreich.

 

Das Ereignis des Titels („L’événement“) ist eine Abtreibung, die eine ungewollt schwangere Studentin (Anamaria Vartolomei) mit allen Mitteln zu erkämpfen versucht, obwohl dies im Frankreich des Jahres 1963 kaum möglich erscheint: Schwangerschaftsabbrüche sind illegal und mit immensen persönlichen Risiken verbunden (von der Haftstrafe bis zu inneren Blutungen), und schon die Idee abzutreiben gilt als verfemt. Aber so mitreißend „L’événement“ auch inszeniert ist, so energisch das Ensemble, allen voran die junge rumänisch-französische Hauptdarstellerin, agiert: Es fällt ein wenig schwer, darin den besten Film dieses Wettbewerbs zu erblicken. Diwan kontrolliert ihre Mittel zwar genau, setzt nicht auf Pathos, sondern auf Reduktion, aber die Form dieses Films entspricht den Anforderungen des Arthouse-Routinebetriebs bis zur Ununterscheidbarkeit. Und anders als thematisch vergleichbare Filme wie Cristian Mungius „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ (2007) oder Eliza Hittmans „Never Rarely Sometimes Always“ (2020) blendet Diwan vieles aus, verengt den Fokus auf die Mission einer Abtreibung, interessiert sich kaum für soziale oder politische Hintergründe; ihr Film besitzt Entschlossenheit, aber kein Geheimnis. „L’événement“ zeigt, auf Grundlage der autobiografischen Romanvorlage der Französin Annie Ernaux, die eindringliche Reise in einen Tunnel, einen leider sehr aktuellen Horrortrip in die frauenfeindliche Logik konservativer Gesellschaften.

 

Es hätte heuer künstlerisch stärkere Statements gegeben: Jane Campions gewaltigen Psychowestern „The Power of the Dog“ etwa oder auch die gläserne Schönheit eines Doku-Fiction-Hybrids aus Kalabrien, die herausfordernde Natur- und Höhlenforschungshymne „Il buco“ des Italieners Michelangelo Frammartino. Es sprach für die Jury, dass sie beide Leistungen (an)erkannte, Campion als beste Regisseurin auszeichneten und „Il buco“ mit einem Spezialpreis bedachten. In der Kategorie Schauspiel wurde die Spanierin Penélope Cruz für ihre Performance in Pedro Almodóvars neuem Melodram „Parallel Mothers“ prämiert, der philippinische Charakterdarsteller John Arcilla für seine Leistung in Erik Mattis Thriller „On the Job: The Missing 8“. Die New Yorker Schauspielerin Maggie Gyllenhaal wurde als beste Drehbuchautorin ausgezeichnet; für ihr außerordentlich gelungenes Regiedebüt „The Lost Daughter“ hatte sie einen 2006 erschienenen Roman von Elena Ferrante bearbeitet.

Und so waren es am Ende vornehmlich weibliche Stimmen, die dieses Festival und seine zentralen Kinoerzählungen definierten: Campion, Gyllenhaal, Diwan, Ernaux, Ferrante. Zwei weitere bedeutende Regisseurinnen des Gegenwartskinos saßen übrigens in der Jury der Nebenschiene „Orizzonti“: Die Bosnierin Jasmila Žbanić („Quo Vadis, Aida?“) leitete sie, die Norwegerin Mona Fastvold („The World to Come“) war Teil des fünfköpfigen Gremiums. Sie kürten einen Film aus Litauen zum Sieger: Laurynas Bareišas „Pilgrims“ – und den Spezialpreis der Jury ließen sie der vielleicht erfindungsreichsten und wildesten Produktion des Jahrgangs 2021 zukommen: „El gran movimiento“, eine magisch-proletarische, zwischen Naturalismus und Genre-Künstlichkeit pendelnde Milieustudie aus La Paz. Der Bolivianer Kiro Russo widmete die Auszeichnung, passend zu seinem Film, den vielfach ausgebeuteten Arbeiter:innen, die das Alltagsleben in seiner Stadt, 3600 Meter über dem Meeresspiegel, aufrechterhalten.

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