Friederike Mayröcker feiert 90. Geburtstag und schenkt sich einen Lyrikband

Friederike Mayröcker feiert 90. Geburtstag und schenkt sich einen Lyrikband

Friederike Mayröcker wird 90. So schenkt die Lyrikerin sich einen neuen Band.

Im Werk von Friederike Mayröcker ist der Superlativ seltener Gast. Die Wiener Poetin war nie eine Verfechterin jener Formen des Denkens und Schreibens, denen es um künstlich generierte Abstufungen und Differenzierungen geht. "Die Welt ist so reich“, merkte Mayröcker vor Jahren an. "Und ich bin so ungeheuer neugierig auf die Welt.“ Dem bunten Treiben ringsum hat die Schriftstellerin, die mit ihrem kohlrabenschwarzen Haar und dem legendären Schreibstubendurcheinander längst im Bildgedächtnis der Literatur verankert ist, stets kluge Blicke geschenkt.

Mayröcker, die am Samstag dieser Woche ihren 90. Geburtstag feiert, versucht die Welt im Ganzen zu betrachten - was bei dieser Schriftstellerin zwangsläufig und früh ins Poetisieren von Alltag, Zeit und Erinnerung mündete, in eine fast unüberschaubare Zahl von Lyrikbänden, Notizbüchern, Erzählungen, Gedichtzyklen. Es ist nur konsequent, dass sich das Langzeitprojekt der "Magischen Blätter“ wie ein roter Faden durch das in knapp 60 Jahren entstandene Gesamtwerk der Autorin zieht.

Friederike Mayröcker hat sich in ihrem Schreiben niemals an Konventionen, Rechtschreibregeln und Normen gehalten. Mit Lust und schier endloser Energie setzte sie sich auch immer wieder über ihre eigene poetische Ordnung hinweg. Jedes Mayröcker-Werk ist anders. So auch "cahier“, das jüngste Buch der Autorin, das sich wie stets exakter Klassifizierung entzieht. "cahier“ ist Sudelheft, Skizzenbuch, Notizspeicher, Diarium. "Westwind bläst aus vollen Backen“, schreibt die Autorin - und zeichnet den Wind als Strichmännchen mit dünnem, langem Haar. "Heute etwas Übelkeit“, notiert sie im Dezember 2013, trotzig die frostige Wetterlage ignorierend: "Bläszliches Gemüt, ach der Frühling mit seinen verschlüsselten Fusznoten.“ Im Zuge der gerade anstehenden Geburtstagsfeierlichkeiten, sagt die unvergleichliche Friederike Mayröcker, sei gelinder Wahnsinn über sie hereingebrochen: Termine, Anfragen, Ehrungen, Interviews. In "cahier“ notiert sie: "nicht nur das Geschriebene, auch die Existenz musz poetisch sein.“

Friederike Mayröcker: cahier.
Suhrkamp, 192 S., EUR 20,60