Adolf Hitler (1889-1945) im Kreis von Autogrammjägern, Mitte Aprl 1937
Adolf Hitler (1889-1945) im Kreis von Autogrammjägern, Mitte Aprl 1937
Was führte zu NS-Terror und Massenmord – und was hat das mit uns heute zu tun?
Summen und Singen erfüllten die Luft. Millionen Hitlerjungen und junge Frauen im „Bund deutscher Mädel“ schmetterten auf Zeltlagern und Ausflügen das wohlbekannte Lied im Kanon: „Die Juden ziehn dahin, daher / Sie ziehn durchs Rote Meer / Die Wellen schlagen zu / Die Welt hat Ruh.“ Abgründe deutscher Geschichte, die sich am Beispiel eines obszönen Ohrwurms auftun. Im Winter des Jahres 1944, wenige Monate vor der Kapitulation der Wehrmacht, fragte der Sozialphilosoph Wilhelm Röpke, der bereits 1933 aus Deutschland verjagt worden war: „Wie in aller Welt hat dieses Volk so enden können?“
Die Frage aller deutschen Fragen lautet seit mehr als 90 Jahren: Weshalb begeisterten sich solche Menschenmassen für Adolf Hitler? Was ließ Abermillionen in Deutschland und Österreich spätestens nach 1933, mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, zu einer Gemeinschaft von Mitläufern und Verbrechern werden, durch welche die Welt in einen beispiellosen Vernichtungskrieg, ein Morden horrenden Ausmaßes taumelte? Wie wurden Deutsche und Österreicher zu Vordenkern, Handlangern, Opportunisten, Organisatoren, Exekutoren des Zivilisationsbruchs?
Der Historiker Götz Aly, 78, stellt seinem neuen Buch als Titel ebenfalls eine alte Frage voran: „Wie konnte das geschehen?“ Wie bei Aly üblich, einem der besten und streitbarsten seiner Zunft, fällt die Antwort auf über 700 Seiten in aller Ausführlichkeit aus, ohne den Setzkasten abgegriffener Formulierungen zu bemühen. Es sei irreführend, schreibt Aly, von der „Naziideologie“ zu sprechen: „Die gab es nicht. Tatsächlich handelte es sich um wechselnde, situativ modifizierte politische Programme.“
Als „abstrakte Großperson“ erschienen auch „die Nationalsozialisten“: Mit solchen Formen vermeintlicher Aufklärung sei wenig zu bewirken. „Denn wir haben es mit einer verbrecherischen Regierung zu tun, die ihre Basis in der Mitte der Gesellschaft gefunden hatte. Sie baute auf Millionen von passiven und aktiven Unterstützern, von Gleichgültigen, fungiblen Mitläufern und mehreren Hunderttausenden an den Schreibtischen, in der Logistik und Verwaltung sowie in den Stätten zur Menschenvernichtung tätigen Exekutoren.“
Fragiles Hier und Jetzt
„Wie konnte das geschehen?“ ist so etwas wie die Summe eines langen Forscherlebens, ein großes Alterswerk, die Fortschreibung der von Aly in zahlreichen Büchern entrollten Themen – von der Gesamtdarstellung „Europa gegen die Juden“ (2017) und der Gesellschaftsgeschichte „Die Belasteten“ (2013) bis zum Porträt „Im Tunnel“ (2004) über das kurze Leben des jüdischen Mädchens Marion Samuel, das im Alter von elf Jahren in den Gaskammern in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.
Die Literatur zum Nationalsozialismus füllt Bibliotheken, nahezu täglich kommen neue Artikel und Bände hinzu. „Wie konnte das geschehen?“ beansprucht als dicht gewebte Gesamtdarstellung der Jahre 1933 bis 1945 einen besonderen Platz, weil das Buch nicht nur vom Marsch in eine Menschheitskatastrophe, sondern auch vom fragilen Hier und Jetzt erzählt.
Der Nationalsozialismus, registriert Aly, habe sich als „identitäre Massenbewegung“ präsentiert, die ihre Anhänger als per se bessere Menschen qualifizierte, denen jene Zukunft gehöre, die sie jeder Minderheit absprächen.
„Großfeinde“ nennt Aly das Ziel einstiger und heutiger identitärer Bewegungen: „Gewiss werden in Zukunft noch viele Definitionen für entpersönlichte Großfeinde erfunden werden, die ein angeblich gutes, im Wesentlichen homogenes Großkollektiv empfindlich stören, zersetzen und bedrohen würden.“ Hierzulande setzt die FPÖ auf die „Festung Österreich“, in den USA regiert die Trump-Administration auf der ideologischen Grundlage der White Supremacy, der politischen Vorherrschaft der Weißen, mit allgewaltigem Anführer an der Spitze. „Ich bin überzeugt von der Kraft meines Gehirns und von meiner Entschlusskraft.“ Das Zitat könnte von einem erratischen US-Präsidenten der Gegenwart stammen. Es war aber Adolf Hitler, der bereits im Februar 1940 von seiner messianischen Großartigkeit überzeugt war.
Alys Analyse ragt über die zwölf Jahre „Hitlerdeutschland“ hinaus – dieser Terminus soll, schlägt der Zeithistoriker vor, den Begriff „Faschismus“ ersetzen, weil dieser seit Langem dazu gebraucht werde, um „alle möglichen politischen Verhältnisse, Organisationen und Personen zu diskreditieren“. Hitlerdeutschland aber war ein „spezieller, auf das aktive oder passive Mittun der Volksmassen gestützter Schurkenstaat“. Aly mustert Begriffe aus, die mehr ver- als enthüllen.
„Wie konnte das geschehen?“ ist als polyphon orchestrierte Betrachtung angelegt, in zwölf Kapiteln, als ein Panorama von Tagebucheinträgen, Romanauszügen, Forschungsergebnissen, Zeitzeugenaussagen, persönlichen Erinnerungen, eine präzise Eng- und Zusammenführung von ökonomischer, politischer, militärischer und mentaler Historie.
Wie also konnte das geschehen? Geschehen konnte es, weil Deutschlands extreme Rechte das Volk spätestens ab 1923 mit dem Münchner Putsch in ihr mörderisches Handeln einbezog: „Das gelang ihnen mit Worten, Filmen und Theaterstücken, mit Strafandrohungen, anfangs relativ seltenen KZ-Einweisungen und seltenen, generalpräventiv verstandenen Hinrichtungen.“ – „So gelang es, Hunderttausende deutsche Männer und Frauen im Blut mitwaten zu lassen und vielen Zehnmillionen das nagende Gefühl der Mitwisserschaft und Mitschuld einzupflanzen – die Volksgemeinschaft in eine Gemeinschaft des Verbrechens umzuwandeln.“
Es passierte, weil die NSDAP vor allem Jugendliche und junge Erwachsene umwarb.
„Verhutzelter Dr. Goebbels“
Spätestens an diesem Punkt kommt der ebenfalls soeben erschienene Band „Das Ende der Demokratie“ ins Spiel, die erstmals auf Deutsch zugänglich gemachte Reportagensammlung der US-Journalistin Dorothy Thompson (1893–1961), die in den Jahren 1931 und 1932 aus Deutschland berichtete.
Anfang Mai 1931 stand Thompson im Berliner Sportpalast, wo Joseph Goebbels zwölf Jahre später den „totalen Krieg“ ausrufen wird. „Der Berliner Faschistenführer, der verhutzelte, klumpfüßige und frenetische Dr. Goebbels, Adolf Hitlers rechte Hand in Berlin, wird eine Rede halten“, bringt die Reporterin 1931 zu Protokoll: „Und wo immer er auftaucht, versammeln sich Menschenmengen.“
Thompson sammelte junge Stimmen in der Menge: „Wir hassen diese Welt, in der wir leben. Unsere Eltern erinnern sich an den Krieg, und sie sind konservativer. Sie sagen, dass Krieg die Hölle sei. Wir dagegen denken, dass der Krieg oder sonst etwas besser sein dürfte als das, was wir jetzt erleben – nichts als beständiges Elend und Stillstand.“ So gut wie jedes Gespräch, das sie mit jemandem unter 30 führte, endete mit dem Satz: „Es kann so nicht weitergehen. Es muss etwas geschehen.“
Anfang April 1932 stöberte Thompson die verbannte und verarmte Zita von Bourbon-Parma, bis 1918 Kaiserin von Österreich-Ungarn, im baskischen Ort Lekeitio auf; im Juli 1932 führte die Berichterstatterin ein Interview mit Reichskanzler Heinrich Brüning – wenige Tage vor dessen Sturz, durch den die Staatskrise der Weimarer Republik in ihr entscheidendes Stadium eintrat. Brüning mutmaßte, dass die Menschen bald einer „Art Gangsterherrschaft“ ausgeliefert sein würden. Im Schatten von Alys Opus magnum wirkt „Das Ende der Demokratie“ wie der unerschrockene Begleittext eines schleichenden Niedergangs.
Opportunistische Trägheit; Anpassungsbereitschaft; der nagende Neid auf die Erfolge anderer; aggressive Unduldsamkeit gegen irgendwas und irgendwen; Habsucht; Gier nach schnellen Vorteilen; die selbstgerechte Einbildung, einer überlegenen Wertegemeinschaft anzugehören; die Sucht nach rascher Triebabfuhr: Götz Aly protokolliert – und amalgamiert – in „Wie konnte das geschehen?“ die monströse Mitmach-Mixtur der Jahre vom Untergang der deutschen Demokratie bis zur endgültigen Niederlage Hitlerdeutschlands im Mai 1945. Geschichte biete keine Rezepte, schreibt Aly: Lass dieses, vermeide jenes! Sie wiederholt sich nicht eins zu eins.
„Was geschah, kann wieder geschehen“, notiert er, sobald sich „bestimmte menschliche Gemengelagen“ zusammenbrauten.
Mit dem Satz „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, ließ Bertolt Brecht 1941 sein Hitler-Lehrstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ enden. Götz Aly ergänzt: „Der Schoß bleibt ewig fruchtbar doch, aus dem das von 1933 bis 1945 in Deutschland kroch – nicht nur in Deutschland, sondern überall.“ Gestern wie heute.