Hans-Peter Wipplinger: Der neue Chef im Leopold Museum

Ambitioniert: Neo-Direktor Wipplinger im Leopold Museum.

Ambitioniert: Neo-Direktor Wipplinger im Leopold Museum.

Das Wiener Leopold Museum hat trotz erstklassiger Sammlung Probleme: Schulden, ein lädiertes Image und Raubkunst-Dauervorwürfe. Wie der soeben angetretene Direktor das Haus neu positionieren will, verriet er profil in seinem großzügigen Büro.

Es ist nicht die allerbeste Idee, an einem Dienstag das Leopold Museum zu besichtigen. Denn an diesem Tag hat das Haus im Wiener Museumsquartier geschlossen. Und selbst wenn man gemeinsam mit dem Direktor die Hallen des Gebäudes besucht, erfordert dies einiges an Logistik. Die einzelnen Ausstellungsbereiche müssen jeweils aufgesperrt werden, nicht jeden Schlüssel hat der neue Chef Hans-Peter Wipplinger selbst in der Tasche. Und plötzlich ist es passiert: Die Tür zum Bürotrakt ist zugefallen, jene zur Ausstellung noch verschlossen, man findet sich am Gang, vor dem ebenfalls versperrten Shop wieder, in dessen Schaufenster allerlei Klimt- und Schiele-Souvenirs unterschiedlicher Güte ausgelegt sind.


Natürlich kennt man Ikonen wie die ‚Eremiten‘ ohnehin, aber es war schön, die Exponate luftig zu hängen und so anders zu entdecken.

Nach wenigen Minuten eilt einer der Angestellten heran und öffnet die Türen. Es geht weiter zur Neuaufstellung der Schiele-Sammlung. Aber welcher ist der richtige Aufgang dorthin? Wipplinger erwischt die falsche Treppe. In dem Museum, das mit 350.000 Besuchern jährlich und seiner exzellenten Kollektion österreichischer Moderne zu den touristischen Aushängeschildern des Landes gehört, scheint er noch nicht ganz heimisch zu sein. Umso souveräner führt er wenige Minuten später durch die kürzlich eröffnete Präsentation der Werke Schieles, eine reduzierte, chronologische Schau ohne Firlefanz, die er selbst mitverantwortet hat. „Natürlich kennt man Ikonen wie die ‚Eremiten‘ ohnehin, aber es war schön, die Exponate luftig zu hängen und so anders zu entdecken“, sagt Wipplinger. Wann er sich zuletzt mit dem großen Expressionisten befasst hat? Er denkt kurz nach. Auf jeden Fall während des Studiums, fällt ihm ein. Später, so setzt er nach, zeigte er Schiele-Arbeiten in zwei Gruppenausstellungen in der Kunsthalle Krems: Diese leitete er während der vergangenen sieben Jahre; zuvor hatte er das Museum Moderner Kunst in Passau geführt.

Der Name Wipplinger, Jahrgang 1968, geboren in Schärding, war im Vorfeld nicht gefallen, als über die Neubesetzung der museologischen Direktion des Hauses diskutiert wurde. Er galt zwar noch Anfang des Jahres als Favorit für die Leitung des benachbarten Museums moderner Kunst, die letztlich doch in den Händen der amtierenden Direktorin Karola Kraus blieb. Aber als bekannt wurde, dass er künftig das Leopold Museum mit seinen Kernbeständen der klassischen Moderne leiten würde, schüttelten viele ungläubig den Kopf. Tatsächlich hatte Wipplinger vor allem durch seine zeitgenössische Positionierung der Kremser Kunsthalle auf sich aufmerksam gemacht, wo er ein gelungenes Programm mit Ausstellungen neu zu entdeckender Österreicher (Martha Jungwirth, Franz Graf, Kiki Kogelnik) und internationaler Stars (John Bock, Yoko Ono, Pipilotti Rist) fuhr.

Das Büro, das er im Leopold Museum gerade bezieht, zeugt von seinem bisherigen Schwerpunkt: Kunst von Franz Graf, Yoko Ono, Stefan Sandner, William Kentridge und Gelatin verteilt sich in dem großzügigen Büro. Als Experte für die Art von Kunst, für die das Leopold Museum steht, gilt er nicht. Den Großteil seiner Karriere bestritt Hans-Peter Wipplinger ohne klassische Moderne. Könnte man meinen. „So ganz stimmt das nicht“, verwehrt er sich – „in Passau präsentierte ich Positionen wie Ernst Barlach oder Gabriele Münter, ebenso in Krems, wo ich Paula Modersohn-Becker und Francis Picabia ausstellte“.


Ich möchte aus der Sammlung heraus arbeiten, aber auch den Brückenschlag in die Gegenwart machen.

Gegenwartskunst wird im Leopold Museum jedenfalls eine größere Rolle spielen als bisher – Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, etwa von Hermann Nitsch oder Tracey Emin, waren dort bereits zu sehen. Wipplinger: „Ich möchte aus der Sammlung heraus arbeiten, aber auch den Brückenschlag in die Gegenwart machen, um aus dem Heute die Vergangenheit neu zu beleuchten und alternative Blickwinkel zu erforschen – mit dialogischen Ausstellungen ebenso wie mit Einzelpräsentationen.“ Der stärkere Gegenwartsbezug zeichnet sich auch durch eine neue Personalie ab: Wipplinger engagierte seine ehemalige Mitarbeiterin aus der Kunsthalle Krems, die Kuratorin Stephanie Damianitsch, die ab 1. November im Haus im MQ arbeiten wird.


Wir müssen am Puls der Zeit arbeiten und beobachten, wie Künstler auf Phänomene der Vergangenheit reagieren.

Doch braucht Wien, wo ohnehin schon so viele Institutionen zeitgenössische Kunst ausstellen, tatsächlich in diesem Bereich noch Verstärkung? Wipplinger erwidert: „Das Anbeten der Asche lässt einen auf der Stelle treten. Wir müssen am Puls der Zeit arbeiten und beobachten, wie Künstler auf Phänomene der Vergangenheit reagieren.“ Etwa, wenn das Museum 2017 die expressionistischen Gemälde Richard Gerstls ausstellt – ein Projekt, das schon vor Wipplingers Zeit gemeinsam mit der Frankfurter Schirn Kunsthalle geplant war: „Wir wissen noch nicht genau, wie wir Gerstl kontextualisieren, auf jeden Fall aber wird die Malerei der Neuen Wilden der 1980er-Jahre eine Rolle spielen, für die er ja eine Art Urvater war.“


Mein Anliegen ist es, nicht nur die Kunst zu zeigen, sondern das Fluidum dieser Zeit in eine Ausstellung zu gießen, ein Destillat daraus zu erzeugen.

Auch andere Felder möchte Wipplinger, der Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften und Publizistik studierte, in den künftigen Auftritt einbeziehen. Den Ausstellungsbereich zur Jahrhundertwende will er „lebendiger präsentieren“, erklärt er. „Wer sich ein Bild über die Zeit um 1900 in Wien machen will, geht ins Leopold Museum. Mein Anliegen ist es, nicht nur die Kunst zu zeigen, sondern das Fluidum dieser Zeit in eine Ausstellung zu gießen, ein Destillat daraus zu erzeugen. Da geht es auch um Literatur, Psychologie und Architektur. Ich werde mit Experten aus anderen Teilbereichen zusammenarbeiten, mit Bühnenbildnern oder Architekten.“ Kooperationen mit anderen künstlerischen Sparten interessieren ihn seit jeher: Schon die Kulturagentur „Art Phalanx“, die Wipplinger 1998 mit Kollegin Heide Linzer gegründet hatte, beschränkte sich nicht auf die bildende Kunst. Nun möchte er mit ImpulsTanz-Intendant Karl Regensburger ein großes Projekt zur Geschichte des Tanzes ausrichten: „Mir schwebt eine kulturhistorische Ausstellung mit lokalem Bezug vor. Es gibt eine wunderbare Verbindung zur Sammlung Leopold: Einer ihrer Schwerpunkte liegt auf dem Expressionismus, bei dem der Tanz ein wesentlicher Aspekt war. In Österreich haben wir dafür hervorragende Beispiele – etwa Grete Wiesenthal. Ich möchte das Thema aber international betrachten.“

Die finanzielle Situation des Museums gestaltet sich prekär

Wipplinger, der den Ruf des ehrgeizigen Karrieremenschen hat und nicht gerade als Diplomat gilt, wird sich aber auch weniger angenehmen Themen stellen müssen. Denn die finanzielle Situation des Museums gestaltet sich prekär. Seit seiner Eröffnung 2001 häufte es Schulden von 2,67 Millionen Euro an. Den Fehlbetrag deckte man vorübergehend mit anderen Mitteln ab – mit Geldern, die aus Verkäufen von Werken Egon Schieles 2011 und 2013 erzielt wurden, die aber eigentlich einem anderen Zweck zugedacht waren: Sie sollten ausschließlich Vergleiche finanzieren, die in der NS-Zeit entzogene Kunstwerke betreffen.

Dass man Teile der Mittel indes zur vorübergehenden Lückenschließung einsetzte, wurde heftig kritisiert, als es im Februar bekannt wurde. Doch egal, was davon zu halten ist: Die so notdürftig abgedeckten Verbindlichkeiten werden sich nicht in Luft auflösen, überdies steigen die laufenden Kosten für den Museumsbetrieb aufgrund der Inflation stetig. Im Vergleich zu den Bundesmuseen erhält das Leopold Museum mit 3,3 Millionen Euro pro Jahr sehr wenig Geld vom Bund. „Wir müssen jeden Euro dreimal umdrehen “, sagt auch Wipplinger, schießt aber gleich nach, er wolle „andere Säulen der Finanzierung finden“, habe „ein Board of Trustees ins Leben gerufen, in dem Exponenten aus dem öffentlichen Leben sitzen: CEOs großer Betriebe, Künstler, Schriftsteller, Intellektuelle. Diese engagieren sich entweder ideell oder monetär. Wenn ich Unternehmen anspreche, kann ich auf größere Beträge abzielen.“

Seine Fundraising-Offensive zeigte sich bereits erfolgreich: Georg Pölzl, Generaldirektor der Post, hat seine Unterstützung zugesagt, zudem garantiert, dass er sich „im Umkreis anderer Spitzenmanager einbringen“ werde. Diese Episode beweist, wie geschickt Wipplinger sein Netzwerk zu nutzen versteht: Mit „Art Phalanx“ beriet er einst T-Mobile Austria beim Aufbau einer Sammlung und eines Kunstpreises – zu jener Zeit wurde das Telekommunikationsunternehmen von Pölzl geleitet, den Wipplinger seither gut kennt.
Es ist dem neuen Chef zuzutrauen, dass er das Museum in finanziell ruhigere Gefilde führt. Doch ein anderes Problem wird das Haus garantiert weiterhin begleiten: der Dauerbrenner Restitution. In regelmäßigen Abständen gelangt das Museum deshalb in die Medien, zuletzt im Juni, als Erben Fritz Grünbaums mit einer (bis dato nicht eingelangten) Klage drohten und zehn Schiele-Werke aus der Sammlung forderten. Seit Jahren hat das Haus mit dem üblen Ruf eines Raubkunst-Museums zu kämpfen. Das hat zum einen mit der sturen Haltung des 2010 verstorbenen Rudolf Leopold zu tun: Er wollte kaum einsehen, dass bei Werken, die während der NS-Zeit ihren Besitzern geraubt wurden, Handlungsbedarf besteht. Zum anderen sehen viele Beobachter jene Vergleiche, die nun, fünf Jahre nach dem Tod des Sammlungsgründers, mit den rechtmäßigen Erben abgeschlossen werden, überaus kritisch.

Eva Blimlinger, wissenschaftliche Koordinatorin der Kommission für Provenienzforschung und Rektorin der Wiener Akademie der bildenden Künste, konstatierte noch im Februar gegenüber profil, dass sich „der Umgang mit NS-Raubkunst am Leopold-Museum seit dem Tod des Sammlungsgründers noch verschlechtert“ habe: „Nach wie vor ist kein einziges Objekt zurückgegeben worden, sind lediglich Vergleiche geschlossen worden. Diese Lösungen sind weder fair noch gerecht.“ Der Präsident der Israelitischen Kulturgemeinde, Oskar Deutsch, forderte damals gar, das Museum gleich ganz aufzulösen und die Bestände auf die Bundesmuseen aufzuteilen.

Darauf angesprochen, atmet Wipplinger kurz durch, senkt seine Stimme und setzt zu einer Vorrede an, in der er darauf hinweist, dass er bereits als Teenager Lesungen mit Heimrad Bäcker – einem österreichischen Künstler und Literaten, der früh die NS-Vergangenheit aufarbeitete – veranstaltet habe, dass er mit Nazijäger Simon Wiesenthal Korrespondenz gepflegt und eine Diplomarbeit zum Thema Erinnern und Vergessen geschrieben habe. Schließlich erklärt er: „Eine meiner ersten Tätigkeiten hier wird es sein, Oskar Deutsch ein Gespräch anzubieten. Ich möchte mich mit ihm austauschen und versuchen, an einem Strang zu ziehen. Denn ich glaube, unser beider Gegner sind andere. Ich hoffe nicht, dass nach den Wiener Wahlen der Aspekt der Toleranz kein Parameter mehr sein wird. Wir müssen eine Phalanx bilden.“

Allerdings weiß er auch, dass er keineswegs die Entscheidung darüber zu treffen hat, ob etwas restituiert wird oder nicht: Das tut allein der Vorstand. Und dieser spricht sich üblicherweise gegen Naturalrestitutionen aus. Daran werden wohl auch die atmosphärischen Bemühungen des ambitionierten neuen Direktors nichts ändern.