Helden der Provinz: Akkordarbeiter Helmuth Schönauer

Reisender in Sachen Literatur: Der Bibliothekar und Schriftsteller Helmuth Schönauer macht kurze Rast auf dem Landecker Bahnhof.

Reisender in Sachen Literatur: Der Bibliothekar und Schriftsteller Helmuth Schönauer macht kurze Rast auf dem Landecker Bahnhof.

Der Innsbrucker Bibliothekar und Schriftsteller Helmuth Schönauer ist Tirols nomadisierender Prosa-Grundversorger.

Helmuth Schönauer kann als der Marathonmann der heimischen Literatur gelten. Er ist auch an diesem wolkenlosen Samstag Ende Juni in Sachen Poesie unterwegs. Am Bahnhof Landeck legt er kurz Rast ein. Kaffeepause. Ein Stoffsack mit dem Aufdruck "Stadtbücherei“ auf dem Tisch, darin der Gedichtband eines Tiroler Autors. Schönauer, T-Shirt und Turnschuhe, redet sehr schnell, kaum hat er einen Gedanken gefasst. ist er auch schon beim nächsten. "Bestseller muss ich nicht lesen. Das machen viele andere“, lacht er. "Bestseller sind der Zucker auf der Lesepyramide. Die Klassiker sind die Kalorien. Die Regionalliteratur entspricht den Ballaststoffen.“

Er selbst liest und schreibt im Akkord. Seit 1978 arbeitet er als Bibliothekar, seit mehr als zehn Jahren ist er als Angestellter der Tiroler Universitäts- und Landesbibliothek als eine Art Lesekultur-Nahversorger unterwegs. Ein Didaktiker, das Gegenbild eines Prosabürokraten. Er verantwortet unter anderem die Ankäufe der rund 200 Tiroler Bibliotheken. Früher war er regelmäßig mit dem sogenannten Bücherbus auf Tour, bis in die engen Gebirgstäler hinein. Fünf Bibliotheken pro Tag, so der damalige Schnitt.


Wir fördern das Lesen von Welt- wie von Regionalliteratur - Faulkner wie den unbekannten Vorstadtlyriker.

Schönauer, 61, ist auf einem wenig regulierten Feld der Kultur aktiv. Es existiert nach wie vor kein österreichweites Bibliotheksgesetz, das die Agenden der öffentlichen Leseeinrichtungen regelte. Lesen ist Ländersache. Die Vorteile der Dezentralisierung weiß er zu schätzen: "Wir fördern das Lesen von Welt- wie von Regionalliteratur - Faulkner wie den unbekannten Vorstadtlyriker.“

Die Zustellung der Büchersendungen übernimmt inzwischen weitestgehend die Post. Den Kontakt zu den Außenstellen pflegt Schönauer nach wie vor, nur dass er heute lieber mit der Bahn unterwegs ist. "Ich fahre mit leichtem Gepäck“, berichtet er im Landecker Bahnhofscafé: "Sonst bekommt das etwas Inspektorenhaftes.“

In Landeck hat vor mehr als vier Jahrzehnten auch Schönauers Leidenschaft für das Schreiben begonnen. Als Grundwehrdiener war er in der hiesigen Kaserne untergebracht. Seine im Regionalradio ausgestrahlte Erzählung über die Tristesse des Soldatendaseins brachte ihm mehrere Anzeigen ein. Das Oberlandesgericht urteilte für die Freiheit der Kunst. Er sei, scherzt Schönauer, einer der wenigen "gerichtlich anerkannten Schriftsteller“.


Jede Rezension ist der Beginn eines Gesprächs.

Er hat sich seit damals wenig Ruhe gegönnt. Mehr als 30 Romane hat er geschrieben, sein Lebenswerk sind die "Durchhaltebriefe“: Seit 1982 verschickt er regelmäßig - erst noch postalisch und via Fax, heute mit E-Mail - seine Nachrichten mit aktuellen Buchbesprechungen an sämtliche Tiroler Büchereien und andere Interessierte. Mit "Haltet alle durch!“ sind diese Sammlungen von durchwegs positiven Rezensionen jeweils überschrieben. 4000 davon erscheinen nun auch gesammelt in Buchform, in vier voluminösen Bänden. Er hat kein Problem damit, nur Positives über Literatur zu berichten. Er schwört auf seine Methode. "Jede Rezension ist der Beginn eines Gesprächs.“ Er müsse, sagt Schönauer auf dem Sprung in die Landecker Bibliothek, weiterhin ein "gewaltiges Imperium an lesenden Menschen“ mit Buchtipps versorgen. Er hält hoffentlich durch.

Helmuth Schönauer: Tagebuch eines Bibliothekars. Band I, 1982-1998. (Sisyphus)

Erschienen im Rahmen der profil-Titelgeschichte "Helden der Provinz" (profil 30/2015)