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Monsieur Gnadenlos
01/09/2019

Houellebecq lässt in „Serotonin“ das nächste Scheusal auf die Welt los

Michel Houellebecq lässt in „Serotonin“ das nächste übellaunige Scheusal auf die Welt los.

von Wolfgang Paterno

Ein Mann macht sich Luft. Er wutbürgert gegen Rauchverbote, Ladenöffnungszeiten, Gastronomie-Schnickschnack, die Brüsseler Milchquote. Florent-Claude Labrouste, 46, ein kleines Licht im französischen Landwirtschaftsministerium, räubert in „Serotonin“ als Monsieur Gnadenlos mit Pumpgun-Mentalität durch die Gegend. Die Welt, beschließt Labrouste, ist schlecht. Ganz besonders zu ihm.

Houellebecq, 62, ist die freche Schnauze der europäischen Literatur, ein Unangepasster, der formidabel in den Betrieb passt, ein auf sympathische Weise Unsympathischer, ein immerfort Griesgrämiger auf verlässlichem Konfrontationskurs zu Tradition und Gegenwart.

„Serotonin“: Am Angelhaken des Zeitgeists

In „Serotonin“, betitelt nach der populärwissenschaftlichen Bezeichnung für das Glückshormon, lässt Houellebecq seinen missgelaunten Helden wie einen traurigen Wurm am Angelhaken des Zeitgeists baumeln. Im Roman kondensiert sich viel über ein ermattetes Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts; man wird „Serotonin“ in zehn Jahren als eine Art Wissensarchiv lesen können, in dem Houellebecq, der Chefzyniker mit enorm komischer Schlagseite, mit sicherem Gespür viel Atmosphärisches, Phänotypisches und Politisches versammelt hat – auch wenn die eigentliche Politik (Macron, Massenarbeitslosigkeit, Brüssel, Putin) erstaunlich wenig Platz einnimmt.

Folgt man Houellebecq, besteht wenig Hoffnung: Die Schlechtredner und Zornprediger versprühen ihren Hass und Geifer grundlos, einfach so, weil ihnen gerade danach ist. Houellebecq moralisiert nicht, er konstatiert – und etabliert mit seinem Labrouste immerhin ein humorbegabtes Scheusal, mit dem man das Terrain der reflexhaften Empörung so gern wie lustvoll durchmisst.

Houellebecq-Nostalgie

Vieles in „Serotonin“ klingt wie Houellebecq-Nostalgie: Sex mit Tieren, das Leben in einer Nudistenkolonie, „Gratisficks“, Gangbangs, YouPorn, dieser ganze eisige Erotik-Kontinent. Labrouste selbst wirkt bisweilen wie aus den Vorgängerromanen Houellebecqs eilig zusammengeschustert: ein naseweis redseliges Wesen („Serotonin“ ist Labroustes als Roman verkleidete, über 300 Seiten lodernde Brandrede), unglücklich, impotent, depressiv, tablettensüchtig; kurz vor dem finalen Schachmatt. Das neue Jahr beginnt für ihn so: „Der Morgen des 1. Januar erhob sich, wie jeder Morgen auf der Welt, über unserem fragwürdigen Dasein.“ Hilfe verspricht eine kleine, weiße, ovale Tablette. Captorix, so der Name des Medikaments, soll Labrouste helfen, seinen abgesackten Serotoninspiegel über ein Mindestmaß zu heben, das ihm zumindest eine Idee vom Glück in der von Houellebecq ausgemachten allumfassenden Scheußlichkeit der Epoche verheißt.

In Vorabmeldungen wurden Houellebecq nahezu prophetische Fähigkeiten attestiert, weil er in „Serotonin“ die französische Gelbwesten-Bewegung vorweggenommen habe, was sich nach Lektüre des Romans als ausgemachter Unsinn herausstellt. „Serotonin“ steht als Prosakraftakt ganz für sich selbst, vielleicht wie noch kein Houellebecq-Roman zuvor.

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