© Vladimir Sokolov

Aufgedreht
06/11/2021

Er will nur spielen

Populärkultur & Musik zur Zeit. Teil fünf: Rammstein-Sänger Till Lindemann und das Kind im Manne.

von Philip Dulle

Ist das genial oder idiotisch? Klingt so peinliche Provokation oder geniale Gesellschaftskritik? „Hier die Frage aller Klassen: Kann und muss man Kinder hassen?“, singt Till Lindemann in seinem neuesten Solowerk „Ich hasse Kinder“ und setzt gleich noch einen Reim drauf: „Hier kommt die Frage aller Fragen: Kann und muss man Kinder schlagen?“ Auflösung des Rätsels: Natürlich liebt Lindemann Kinder – zumindest wenn es die eigenen sind. Veröffentlicht wurde der Song just am 1. Juni, dem internationalen Tag des Kindes.

Lindemann, 58 Jahre alt, weiß eben seit den frühen 1990er-Jahren, wie man als Rockstar munter durch die popkulturelle Aufmerksamkeitsspirale stapft. Der Frontmann der äußerst erfolgreichen Berliner Rockband Rammstein spielt, als brachiale Bühnenfigur und in Lyrikbänden („100 Gedichte“, 2020), mit Gewalt- und Sexualfantasien; singt über Tabus, spitzt zu, verdichtet, bringt gesellschaftliche Abgründe mal mehr, mal weniger gut auf den Punkt.

Die Corona-bedingte Konzertpause seiner Hauptband nutzt er nun – ausgehend von seiner künstlerischen Wahlheimat Russland –, sich betont breitbeinig zwischen die Stühle zu setzten. Im soeben veröffentlichten Konzertfilm „Live in Moscow“ seines Soloprojekts wirft Lindemann in bester Drahdiwaberl-Manier üppige Torten und tote Fische ins Publikum, während auf einer riesigen Videoleinwand explizite Inhalte gezeigt werden. Mit dem Kuschelrock-Violinisten David Garrett interpretierte er kürzlich den Schlager „Alle Tage ist kein Sonntag“ neu und sang für den Kriegsfilm „Dewjatajew“ des kasachisch-russische Regisseurs Timur Bekmanbetow ein Lied auf Russisch ein. Bis auf weiteres gilt: Er will nur spielen.

Auf Spotify finden Sie die Aufgedreht-Playlist von Lena Leibetseder und Philip Dulle. Jeden Freitag neu. 

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