Langes Lebewohl
Da wären die Abgänge. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert quittieren Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) in München ihren Dienst. Dieses Jahr ist die letzte Folge mit den Münchner Kriminesern geplant, deren verbliebene Haare längst schlohweiß sind. Man wünscht ihnen einen würdigen TV-Abschied: Die beiden Alt-Hippies mögen in der geplanten Abschiedsfolge „Unvergänglich“, die im Frühjahr ausgestrahlt werden soll, in den Sonnenuntergang reiten, als würden sie von ihrem eigenen Ende als Ermittler gar nichts mitbekommen. Umfassende Selbstamnesie statt Seriensterben nach Skript. Es waren nicht selten die Münchner Spezln, die dank Schmäh und Schalk auf die sonst oftmals banale „Tatort“-Welt ein neues Licht fallen und diese aufs Wundersamste erglänzen ließen! Weißwurst-Kieberer forever.
Das Wort „Abschied“ ist auch im Fall von Oberinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) von erhabener Erbarmungslosigkeit. Gewiss, in etlichen Folgen ließen Drehbuch und Regie die beiden Protagonisten kalt im Phrasen-Regen stehen – Schema TV-Endloskrimi, der routiniert vor sich hin schnurrt. „Wo waren Sie in der Tatnacht?“ – „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, hier ist meine Karte!“ Sätze direkt aus der Krimihölle.
Viel öfter erklang jedoch das trockene Sperrfeuer der Pointen. Siehe die Unterredung aus dem Wien-„Tatort“ namens „Sternschnuppe“ (2016): Eisner: „Mit wem schaust du Pornos?“ – Fellner: „I schau überhaupt keine Pornos, des deprimiert mi nur.“ – Eisner: „Wieso? Da gibt’s garantiert immer ’n Happy End.“ – Fellner: „Aber die san immer alle so hübsch und so gelenkig und so motiviert. Ich weiß ned, i bin eher für Leber- als für Sportübungen.“ – Eisner: „Ja, geht ma genauso.“
Der Ösi-„Tatort“ war und ist ein feinfühliger Gradmesser für nationale Befindlichkeiten. Ohne den grantelnden Eisner, der seit 2011 von der (meist) trockenen Alkoholikerin Bibi unterstützt wird, dürfte das bundesdeutsche „Tatort“-Publikum bald auf die abwegige Idee kommen, die Ösis seien angenehme, menschenfreundliche Zeitgenossen.
Bibi und Moritz sei zum Abschied vom nervtötenden Einerlei all der Fingerabdrücke und Verfolgungsjagden ein Ehrenplätzchen in jenem „Tatort“-Ausgedinge-Elysium vergönnt, in das zuletzt die Frankfurter Kommissare Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch), der Kieler Griesgram Borowski (Axel Milberg), das Dresdner Sensibelchen Gorniak (Karin Hanczewski) sowie, als eine der auffälligsten „Tatort“-Nebenfiguren, die kettenrauchende Münsteraner Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) übersiedelten. Ende 2026 soll, nach knapp 40 TV-Einsätzen, die letzte „Tatort“-Folge des Wiener Duos ausgestrahlt werden. Angemessener Titel: „Dann sind wir Helden“.
Noch mehr Verluste, wohin man schaut. Die Berliner Polizeidozentin Bonard (Corinna Harfouch) verabschiedet sich 2026 nach wenigen Folgen ebenso aus der Krimireihe, wie Fahnderin Rosa Herzog (Stefanie Reins-perger) ihren Rückzug aus dem Dortmunder Revier um den Hauptkommissar-Haudegen Faber (Jörg Hartmann), das fleischgewordene Pulverfass mit kurzer Lunte, bekannt gegeben hat.
Münsteraner Muffelkopf
Bei aller Wehmut und Nostalgie: Der Homo tatorticus weiß mit Leben und Tod, Attacke und Reißaus, Anfang und Ende umzugehen. Altes geht, Neues kommt. In Wien werden ab 2027 die Halbgeschwister Charlotte „Charlie“ Hahn (Mirjam Fussenegger) und Alex Maleky (Laurence Rupp) ermitteln; in München übernimmt Detektiv Nikola Buvak (Carlo Ljubek), an seiner Seite Batic-Leitmayr-Ziehsohn Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer): Kalli kann Kommissar! Batic und Leitmayr dürfen nach 100 Fällen wohlverdient in den TV-Polizei-Pensionskorridor eintreten.
Apropos Zahlen. „Tatort“, das ist immer auch fröhliche Statistikspielerei. 51 Tote verzeichnete die Folge „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur als Felix Murot vom Hessischen Landeskriminalamt, in dessen Fällen regelmäßig sämtliche dramaturgische Grenzen verwischen: Murot begegnete seinem Doppelgänger in den letzten Tagen des Dritten Reichs, und zuletzt stapfte er keck durch das Unbewusste einer Tatverdächtigen.
Der durchschnittliche Minutenpreis für eine 90-minütige „Tatort“-Folge, so gab die ARD 2023 bekannt, liege bei 21.500 Euro brutto. 60 Sekunden „Tatort“ kosten so viel wie ein Kleinwagen. 2024 verfolgten durchschnittlich rund 8,55 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer die Kriminalfälle vor ihren Fernsehgeräten – ein solider Marktanteil von gut 29 Prozent, durchzogen von saisonalem Auf und Ab, aber kaum je im Quotenkeller grun-delnd; im Vorjahr erzielte die Folge „Fiderallala“ des Teams in Münster, wo seit 2002 Axel Prahl als Kriminalhauptkommissar Thiel und Jan Josef Liefers als Rechtsmediziner Prof. Dr. Dr. Boerne das Comedy-„Tatort“-Paar bilden, mit 11,82 Millionen Zuschauern einen Rekordmarktanteil von 42 Prozent, was sonst nur König Fußball schafft.
Aber ach. Durch kalte Tatsachen wird auch der „Tatort“ neuerdings ein wenig entzaubert. Es wird gespart und gestrichen. Der Bremer „Tatort“ muss 2026 mit nur einer Folge auskommen; bereits 2023 war nach fünf Fällen aufgrund von Sparzwängen Schluss für Heike Makatsch als Mainzer Kripofrau. Drehtage und Stunts werden für die gesamte Reihe reduziert. Kürzlich klagte Schauspieler Axel Prahl: „Eigentlich wollte ich als Kommissar Thiel nicht viel reden, als ich die Rolle annahm. Ich wollte ein Muffelkopf sein, der meist schweigt. Das funktioniert aber nicht mehr so. Dialoge kosten eben weniger als Außendrehs.“ Kammerspiel statt Kesseltreiben. Ein quasselnder Thiel. Und ein Boerne, der seine Klappe überhaupt nicht mehr zügeln muss. Das Schicksal geht mit „Tatort“-Süchtigen ganz schön niederträchtig um.