Weshalb feiert der Rechtspopulismus einen Wahlsieg nach dem nächsten?
Jergitsch
Das Stichwort ist Veränderung. Der globalisierte Arbeitsmarkt sorgt dafür, dass auch Österreichs Beschäftigte in Konkurrenz zu jenen in China, Indien oder sonst wo stehen – was die Löhne drückt, viele Menschen entwurzelt, Industrien abwandern lässt. Es findet eine enorme Landflucht statt, was wiederum Trump, Kickl und der AfD in Deutschland in die Hände spielt: Nirgendwo fällt der rechte Populismus auf fruchtbareren Boden.
„It’s the economy, stupid!“, wusste ein ehemaliger US-Präsident bereits vor mehr als 30 Jahren.
Jergitsch
Dazu kommt eine radikal veränderte Medienwelt. Wir leben heute mit digitalisierten Resonanzräumen, die bevorzugt von Rechtspopulisten bespielt werden. Soziale Medien versuchen durch datengetriebene künstliche Intelligenz und Algorithmen die Fakten einem einzigen Ziel unterzuordnen – der Maximierung von Aufmerksamkeit. Sie wollen uns an die Handybildschirme fesseln.
Was dem Populismus jedweder Couleur formidabel gelingt.
Jergitsch
Der digitale Raum ist die neue Arena der Macht. Relevante politische Macht wird weniger im physischen als im digitalen Raum verteilt, der längst unverzichtbar geworden ist, um zu verstehen, was auf der Welt passiert. Allerdings gehen damit massive Kollateralschäden einher: Auf Facebook, dem Kurznachrichtendienst X, auf Instagram zählt Emotion viel mehr als Wahrheit. Es geht ausschließlich um Aufmerksamkeit.
In Österreich wird gerade ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige diskutiert.
Jergitsch
Für mich ist jedes Verbot wie das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit. Am Wiener Schwedenplatz saufen sich unter 15-Jährige regelmäßig an – junge Menschen sind findig darin, Verbote zu umgehen. Man sollte viel eher überlegen, den Jungen zu vermitteln, was soziale Medien sind, was dort passiert, wie diese Plattformen funktionieren, warum man sieht, was man dort sieht.
Wäre Ihnen selbst ein Alltag ohne soziale Medien lieber?
Jergitsch
Ich träume von einem Leben, in dem ich auf diesen ganzen Wahnsinn nicht mehr angewiesen bin! Ich würde auch viel besser schlafen, ich hätte viel mehr peace of mind. Noch bin ich allerdings beruflich davon abhängig. Damit geht einher, dass ich mich mindestens einmal pro Tag auf X einlogge. Es ist jedes Mal so, als steckte man den Kopf ins Irrenhaus.
Keine Hoffnung, nirgends?
Jergitsch
Ich bin der festen Überzeugung, dass der Mensch ein konstruktives Wesen ist. Gewiss, es gab Epidemien und Weltkriege – irgendwie sind wir aber trotzdem dort gelandet, wo wir heute sind. Wir sind eine Spezies, die trotz aller Unterschiede an einem Strang zieht.
Jetzt klingen Sie wie ein Märchenonkel.
Jergitsch
Aquädukte, U-Bahnen, Bahnhöfe wurden von Optimisten gebaut. Will man eine positive Auswirkung auf die Welt haben, muss man Optimist bleiben. Die Ziele der neuen Technologien müssen eine höhere Lebenserwartung und bessere Bildungsstandards sein, schnellerer wissenschaftlicher Fortschritt, mehr Wohlstand für alle, weniger Säuglingssterblichkeit. Natürlich wäre es schön, wenn bei all diesen technologischen Umwälzungen unsere Demokratie nicht kaputtgeht.
Warum kippen Menschen überhaupt in die Schauerschächte der sozialen Medien?
Jergitsch
Menschen lesen Medien, um ihr Kontrollbedürfnis zu befriedigen: Sie wollen wissen, was in der Welt passiert, was sie irgendwie negativ beeinflussen könnte. Unser Gehirn stammt aus der Steinzeit und wurde darauf trainiert, jedes Rascheln im Gebüsch wahrzunehmen. So gesehen veranstalten die neuen Medien einen Heidenlärm.
Wäre ein Volkskanzler Kickl für „Die Tagespresse“, satiretechnisch betrachtet, ein Gewinn?
Jergitsch
Ein Kanzler Kickl würde mehr Themen liefern, als es ein Oppositionschef Kickl tut. Zugleich bin ich aber auch ein Bürger dieses Landes und möchte in Freiheit leben. Ob gewisse liberale Prinzipien unter einem Kanzler Kickl erhalten blieben, stelle ich ernsthaft infrage.
Ist Humor ein geeignetes Instrument gegen den Rechtsextremismus?
Jergitsch
Humor ist eine superbe Waffe, um Scheinheiligkeit und Lücken in der Erzählung zu entlarven – das gilt für den Populismus genauso wie für die etablierten Parteien.
Zitat aus Ihrem Buch: „Unzufriedene Menschen studieren nicht die neuesten Prognosen und Daten, um sich danach rational für den Populismus zu entscheiden. Sie entscheiden aus dem Bauch heraus.“ Ist dies, mit Verlaub, nicht eine allzu simple Erklärung?
Jergitsch
Menschen entscheiden in der Wahlkabine aus dem Bauch heraus. Wer sein Kreuz bei der FPÖ macht, wählt diese Partei nicht deswegen, weil er sich Sorgen über die Globalisierung der Handelsströme macht, sondern weil er wütend ist und die FPÖ diese Wut auffängt.
Woher kommt die Wut auf die Politik?
Jergitsch
Die liberale, pro Rechtsstaat und demokratisch ausgerichtete Politik schafft es zum Beispiel nicht mehr, ein Aufstiegsnarrativ zu vermitteln, das verfängt und glaubwürdig ist. Es ist heute nur mehr zynisch, zu behaupten, mit einem Nine-to-Five-Job ließe sich eine größere Wohnung oder gar ein Eigenheim erwirtschaften. Arbeit wird also übermäßig besteuert, viel stärker als Besitz – das ist einer jener Mosaiksteine, die für das Erstarken rechter Strömungen verantwortlich sind, welche die Wut der Menschen geschickt kanalisieren. Es gibt auf absehbare Zeit keine Aussicht darauf, dass diese Vermögensungleichheit gelöst werden wird.
Ringt Ihnen Trumps Umgang mit den sozialen Medien manchmal heimlich ein bisschen Hochachtung ab?
Jergitsch
Sein Modus Operandi entspricht den Anforderungen der Plattformen und ihrer Algorithmen. Sein Erfolg ist kein Geniestreich, sondern darwinistisch-medialen Selektionskriterien geschuldet. In 15 Jahren kann alles wieder ganz anders sein.
Kann Kickl online?
Jergitsch
Kickl ist kein Social-Media-Genie, muss er auch nicht sein. Rechtspopulismus funktioniert ohnehin auf sozialen Medien, weil es dabei vor allem um Vereinfachung, um die Delegitimierung von politischen Gegnern und Institutionen geht. Jene politische Richtung, die Kickl vertritt, ist viel kompatibler mit den sozialen Medien als die der anderen Parteien.
Falls wirkliche Gefahr drohe, schreiben Sie im Buch, sei es uns allen gegeben, kollektiv an einer Lösung zu arbeiten. Sind Sie ein heilloser Optimist?
Jergitsch
Ich glaube fest daran, dass der Mensch prinzipiell in der Lage ist, Fehlentwicklungen zu korrigieren. Allein schon deshalb, weil wir heute in einer sehr stabilen Gesellschaft leben, mit guten, funktionierenden Institutionen.
Was müssen Politikerinnen und Politiker tun, um die ungeteilte Aufmerksamkeit der „Tagespresse“ zu bekommen?
Jergitsch
Ecken und Kanten haben. Allglatte Charaktere sind humortechnisch reines Gift. Man muss Sager liefern. So wie kürzlich Verteidigungsministerin Tanner: „Airbus wird mich noch kennenlernen.“ Oder einst Wiens Ex-Bürgermeister Michael Häupl: „Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig.“
Welcher Spruch wird von Ex-Kanzler Sebastian Kurz bleiben?
Jergitsch
„Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich halte das alles nicht mehr aus.“