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Jubilarin Jane Austen: „Ein Schürhaken, vor dem jeder sich fürchtet“

Vor 250 Jahren wurde die Schriftstellerin Jane Austen geboren. Wie die Werke der britischen Klassikerin fröhlich die gegenwärtige Popkultur aufmischen.

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Für ihre Annäherung an die große Kollegin griff Virginia Woolf 1925 zur eher unüblichen Maßnahme des Dichterinnenklatsches. In ihrem schlicht „Jane Austen“ übertitelten Essay zum 150. Geburtstag der britischen Schriftstellerin klagte Woolf, dass über Austens kurzes Erdendasein nur wenig bekannt sei: Geboren wurde Austen am 16. Dezember 1775 im Dorf Steventon, im Norden von Hampshire; mit sieben Geschwistern wuchs sie im Pfarrhaus von Steventon auf, unterrichtet von ihrem Vater. Sie blieb unverheiratet, führte mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Cassandra ein zurückgezogenes Leben und hinterließ ein überschaubares Werk von sechs Romanen, wenige Fragmente und Jugendwerke sowie ein Konvolut von Briefen. Jane Austen starb Mitte Juli 1817 in der Stadt Winchester im Süden Englands, ein Leben von 41 Jahren.

Es gebe, notierte Woolf, ein paar Briefe und Austens Bücher. „Was den Klatsch angeht, so sind Klatschgeschichten, die ihren Tag überdauert haben, nie zu verachten.“ 

Klassikerinnen-Tratsch also: Die junge Jane sei „durchaus nicht hübsch“ gewesen, sind die Worte einer Cousine überliefert: „Jane ist versponnen und affektiert.“ Eine Bekannte lästerte, Jane habe sich „zum schönsten Exemplar stocksteifer, kerzengerader, pedantischer, schweigsamer Jungfräulichkeit entwickelt, das es je gab.“ Jane sei „immer noch ein Schürhaken – aber ein Schürhaken, vor dem jeder sich fürchtet“. Herzhaft maliziöse Verdikte über eine Frau, geäußert in einer Epoche, in der Damen ob geringfügiger oder gröberer Grässlichkeiten gern seufzend auf Sofas in Ohnmacht fielen. 

Es dürfte heute nur wenige Leserinnen und Leser geben, denen Austens Werk auch nur Anflüge von Schrecken einjagt, im Gegenteil: Ihre Literatur ist beliebt, viel gelesen, derart häufig verfilmt, dass andere Autorinnen und Autoren davon nur träumen können. 

1995 brachte die BBC, die schon 1938 eine allererste Austen-Live-TV-Adaption gewagt hatte, eine Serienversion von „Stolz und Vorurteil“ ins Fernsehen; im Jahr darauf folgten die Kinoversionen des 1815 erschienenen Austen-Romans „Emma“ von US-Regisseur Douglas McGrath und die Filmadaption von „Sinn und Sinnlichkeit“ (1811; Regie: Ang Lee); die kanadische Filmemacherin Patricia Rozema nahm sich 2007 im Kino in freizügiger Weise des 1814 publizierten Romans „Mansfield Park“ an, während US-Regisseur Burr Steers in „Stolz und Vorurteil & Zombies“ (nach „Stolz und Vorurteil“, 1812) Untote tanzen ließ. Gegenwärtig bastelt Netflix an einer sechsteiligen Fassung von Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ mit Emma Corrin als Elizabeth Bennet und Jack Lowden als griesgrämigen Mr. Darcy. Wann die Neuadaption erscheinen wird, ist bislang nicht bekannt. 

Goethe und Schiller, Heinrich von Kleist und E. T. A. Hoffmann, Austens Zeitgenossen, als unbeirrte Stofflieferanten für Liebeskomödien, Zombiefilme oder Absteigerdramen? Nicht in Sicht.

Vielleicht schuf Austen mit ihren Sujets, all den amourösen Irrungen und Verwirrungen, den doppelbödigen Dialogen und abgründigen Humor-Hieben, just jene dauerhafte Prosamixtur, die bis heute fröhlich in die Popkultur diffundiert. 

Virginia Woolf schrieb: „Sie regt uns an, hinzuzudenken, was nicht da ist. Was sie bietet, ist scheinbar eine Kleinigkeit, besteht aber aus etwas, das sich im Geiste des Lesers entfaltet und mit der dauerhaftesten Form des Lebens Szenen ausstattet, die äußerlich trivial sind.“ Der Zauber des Trivialen und Oberflächlichen, die Schönheit und der Schrecken der zeitlosen Herz-Schmerz-Narreteien: 18. Jahrhundert trifft Postpostmoderne. 

Austen begann als 15-Jährige zu schreiben. Aus dieser Zeit stammt die frühe Erzählung „Liebe und Freundschaft“ über die Abenteuer von Laura und Sophie, von Philander und Gustavus. Woolf zitiert in „Jane Austen“ einen Satz aus „Liebe und Freundschaft“: „Sie war durchaus nicht mehr als eben eine gutartige, höfliche und hilfsbereite junge Frau; als solche konnten wir ihr kaum abgeneigt sein – sie war aber nur ein Gegenstand der Missachtung.“ Solch ein Satz, resümiert Virginia Woolf, sei dazu bestimmt, die Weihnachtsferien zu überdauern.

Buchtipps zum Austen-Jubiläum:

Cover Überredung
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Überredung

Roman. Neu übersetzt von Andrea Ott, mit einem Nachwort von Barbara Vinken. Manesse, 464 S., EUR 26,80

Cover Herzlich, Deine Jane
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Herzlich, Deine Jane

Ihre schönsten Briefe. Deutsch von Ursula und Christian Grawe. Reclam, 240 S., EUR 12,40

Cover Darling Jane
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Christian Grawe: „Darling Jane“

Jane Austen. Eine Biografie. Reclam, 256 S., EUR 14,40

Cover Die Romane von Jane Austen
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Die Romane

Deutsch von Ursula und Christian Grawe. Reclam, 2021 S., EUR 82,30

Wolfgang Paterno

Wolfgang Paterno

ist seit 2005 profil-Redakteur.