Jón Gnarr: Vom Problemkind zum Bürgermeister von Reykjavik

Jón Gnarr: Vom Problemkind zum Bürgermeister von Reykjavik

Der Isländer beschreibt in "Indianer und Pirat" seine schwierige Kindheit.

Mit 14 hat Jón die Nase voll von der Schule. Er ist fasziniert von einer neuen Musikrichtung, die sich Punk nennt und für ihn mehr als nur Musik bedeutet: Punk ist die rebellische Haltung, die sein Leben verändern wird. Jón hat beschlossen, sich nicht weiter vom System verbiegen zu lassen. Auf dem Pausenhof zündet er seine Schulbücher an, reißt sie in Fetzen und wirft sie ins Feuer.

Der beliebte isländische Komiker, Musiker, Schriftsteller und Politiker Jón Gnarr legt mit seiner Autobiografie "Indianer und Pirat“, die sich die Freiheit nimmt, auch ein wenig fiktiv zu sein, ein Buch vor, das sich leicht und flockig liest, dennoch harter Tobak ist. Bereits den Sechsjährigen haben seine überforderten Eltern "aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten“ in die psychologische Abteilung der Stadt gebracht. Der Bub kann sich schwer konzentrieren, ist lebhaft und gleichzeitig sehr verschlossen. "Ich mache oft Dinge, die ich später bereue. Ich weiß nicht, warum ich sie mache. Erst überlege ich mir was, und dann denke ich auf einmal nicht mehr, und plötzlich habe ich irgendwas angestellt“, sagt Jón selbst.

Jón Gnarr - Der Punk-Bürgermeister von Reykjavík

Das Selbstbewusstsein des aufgeweckten Buben bekommt jedenfalls früh einen Knick. Lehrer und Eltern versichern ihm, dass er nie in einem angesehenen Beruf arbeiten könne; er würde es höchstens zum Müllmann bringen. Jón hat Angst davor, erwachsen zu werden, weil er überzeugt ist, wie sein Onkel Kiddi "in der Klapsmühle zu enden“. Was andere Kinder gebrochen hätte verstärkt Gnarrs Hass auf ein rigoroses System, das keinen Platz für Außenseiter lässt. Er wird Anarchist, gründet eine Punk-Band ("Triefende Nasen“), schreibt Gedichte und Romane und wird zu einem der bekanntesten Komiker seiner Heimat. Im Frühjahr 2010 wählen ihn die Isländer, durch die Wirtschaftskrise hart getroffen, sogar zum Bürgermeister von Reykjavik - bis ins Vorjahr hatte er das Amt inne.

Gnarrs Autobiografie ist ein sehr emotionales Pamphlet gegen ein Schulsystem, das auf Drill beharrt und ungewöhnliche Kinder sofort der Kategorie "schwierig“ zuordnet. "Fantasie ist mindestens genauso wichtig wie Mathematik. Der Neandertaler war stark und konnte auch gut rechnen. Doch er starb aus, weil ihm die Fantasie fehlte.“

Jón Gnarr: Indianer und Pirat. Kindheit eines begabten Störenfrieds. Aus dem Isländischen v. Tina Flecken und Betty Wahl. Tropen. 253 S., EUR 19,50