Julian Barnes: Ein Großer verlässt die Bühne
Die betrübliche Nachricht in „Abschied(e)“ findet sich auf Seite 18: „An dieser Stelle muss erwähnt werden: Dies ist mein letztes Buch.“ Koketterie zählt seit Julian Barnes’ schriftstellerischem Debüt „Metroland“ (1980) zur humoristischen Grundausstattung des britischen Romanciers und Essayisten. In „Abschied(e)“ dürfte er mit seiner Ankündigung allerdings bitterernst machen: Schluss mit lustig!
Ein Großer verlässt die Bühne, um das Mindeste zu sagen. Barnes, der glänzende Prosaplünderer seiner Autorenheroen Flaubert und Montaigne, der in zahllosen Büchern das Tragische mit dem Komischen elegant in Einklang brachte, widmet sich in „Abschied(e)“ noch einmal den vorletzten und letzten Dingen. Welche Verheerungen richtet das Alter an? Wie stirbt man am besten? „Abschied(e)“ ist Trauerbuch, Krankheitschronik und Humoreske über das Unvermögen, als Frau und Mann das Leben gemeinsam zu bestreiten.
Als Zufallsbefund wurde bei Barnes im Jahr 2020 eine seltene Form von Blutkrebs diagnostiziert; seine Ehefrau Pat war schon 2008 gestorben, nur 37 Tage, nachdem bei ihr ein Hirntumor festgestellt worden war; die wildromantische Geschichte von Barnes’ Bekannter Jean und deren wechselvolles Beziehungsleben in „posttragischer Zeit“, wie der Brite unsere Gegenwart nennt, gibt dem Autor einiges zum Grübeln auf.
Vor allem geht es in „Abschied(e)“ um jene unleugbare Tatsache, eines Tages wieder ins „ewige Nichts“ einzugehen: „Ich bin mir bewusst, dass ich bald nur noch in Form von Büchern im Regal und einer Sammlung biografischer Anekdoten existieren werde“, schreibt Barnes: „Und das Leben ist keine Tragödie mit Happy End, trotz aller Versprechen der Religion; nein, es ist eine Farce mit tragischem Ende oder bestenfalls ein Boulevardstück mit traurigem Ende.“ Barnes’ Bücher bleiben.